Der Mensch ist Möglichkeit. Wenn wir alle Vorstellungen von Schöpfer, Schöpfung, Entwicklung Richtung Paradies, Himmel etc. beiseite lassen, dann bleibt nur eines zu sagen – der Mensch ist Möglichkeit. Im Laufe der Evolution, die uns hervorgebracht hat, haben wir vor allem gelernt, zu lernen. Und haben dadurch unsere Potentiale gebildet und diese vergrößert. Und lernten, sie über ihren ursprünglichen Zweck hinaus für andere Zwecke zu nutzen. Was unser Körper auch tut, indem er unsere Botenstoffe für unterschiedlichste, manchmal sogar widersprüchliche Zwecke nutzt.
Die Sexualität zum Beispiel diente ursprünglich nur der Fortpflanzung. Wir Menschen haben aber aus ihr auch ein Instrument der Persönlichkeitsentwicklung, der Entspannung, des Fantasierens und des miteinander Spielens, aber auch der Unterwerfung, der Ausbeutung und des Missbrauchs gemacht. Sexualität ist ein Teil unseres Selbstausdrucks geworden. Viele von uns wollen sexuell anziehend sein, auch wenn sie zu sexuellem Kontakt gar keine Lust haben. Sie stärken damit ihr Selbstbewusstsein und freuen sich nur daran, zu gefallen.
Der Zusammenhang ist uns oft nicht zugänglich. Wir sehen ihn buchstäblich nicht. Wir fühlen uns wohl, wenn wir uns so kleiden oder geben. Und sind erstaunt oder empört, wenn jemand unser Outfit, unseren Auftritt, unsere Signale, die wir damit setzen, anders versteht als wir verstanden sein wollen. Wir haben diese Möglichkeit gewählt. Der andere sieht eine andere darin. So entstehen die Missverständnisse, die das Miteinander der Menschen oft belasten. Bis hin zur sexuellen Belästigung, die erst seit einigen Jahren als das gesehen wird, was sie ist. Ein Übergriff, der nicht mehr toleriert werden muss. Und selbstverständlich reden wir hier nicht von sexueller Nötigung oder Vergewaltigung.
Andererseits sind es aber gerade diese unterschiedlichen Möglichkeiten, die uns die Türen zum Reichtum unseres Lebens öffnen. Denn wenn wir die überraschenden Ergebnisse unseres Auftritts oder unseres Tuns integrieren und als Chance begreifen, entdecken wir Möglichkeiten in uns, die uns bis dato unbekannt waren. Sie können uns in Bereiche führen, deren Bedeutung sich für uns erst nach und nach erschließt. Vor einiger Zeit wurde ich eingeladen, über die ökologische Nutzung eines Grundstückes nachzudenken. Ökologie war immer irgendwie ein Thema in meinem Leben, aber so richtig engagiert habe ich mich nie. Erst durch dieses Engagement lernte ich, das wir Menschen mit allem, was ist, zusammenhängen und wie sehr wir diese Tatsache sträflich vernachlässigen. Sträflich deshalb, weil uns die Natur immer mehr vor Augen führt, dass sie sich nicht endlos missbrauchen lässt. Viele Menschen ignorieren diese Entwicklung, aber der Sieger steht jetzt schon fest. Es ist immer die Evolution und nicht das einzelne Wesen.
Was bedeutet es, dass uns viel mehr Möglichkeiten offen stehen, als wir ahnen? Es bedeutet, dass wir ein Leben leben können, das sich sowohl im Raum der Realisierung als auch im Raum der Möglichkeiten entfalten kann. Nicht alles, was uns möglich ist, ist für uns so wertvoll, dass wir es tatsächlich realisieren. Nicht alles, was wir zu realisieren suchen, gelingt uns. Aber allein das Wissen, dass unser Hier und Jetzt nicht das Ende der Fahnenstange ist, macht unser Leben reich. Es hält uns davon ab, in zynische Resignation zu versinken, in die Formel „es ist alles sinnlos, aber lass uns weitermachen!“. Da wartet am Ende die Depression oder die Sucht auf uns. Wenn wir uns als Wesen des Möglichen begreifen, geht es immer weiter.