Die letzten Tage habe ich mich nach Minca zurückgezogen, in das kühle, bergige Hinterland des Tayrona Nationalparks. Ich wohne auf einer Biofarm, die Kakao und daraus tolle Schokolade produziert. Rund um mich in den Hütten und Häusern der Finca eine Horde holländischer Hippies, die für immer hier bleiben wollen. Eh ganz lieb (O-Ton: „Do you want a hug?“), aber ich gehe ihnen, soweit möglich, aus dem Weg. Ich will hier noch einmal zur Ruhe kommen, Qi Gong praktizieren, meditieren und meine Reise reflektieren.
Reisen bedeutet Lernen. Natürlich viel über die Welt, doch viel mehr über uns selbst. Reisen lehrt uns, auf das Leben zu vertrauen. Reisen schafft Erfahrungen, intensiver, dichter und kompakter als in den Alltagsroutinen, die uns in unserer Bubble gefangen halten. Allein zu Reisen bedeutet zusätzlich, sich unmittelbar mit den Konsequenzen unserer Entscheidungen auseinanderzusetzen, ohne Möglichkeit, die Schuld jemand anderem in die Schuhe zu schieben.
Diese Reise hat mir wieder einmal aufgezeigt, wie unvorhersehbar das Leben ist. Bewusst habe ich wenig vorgeplant und mich treiben lassen, war offen für Neues und Spannendes, bereit für Spontanität. Und das war auch nötig. Viel Unerwartetes ist mir begegnet, in Form von Menschen und Ereignissen. Und viele Begegnungen haben Spuren bei mir hinterlassen, mich zum Nachdenken gebracht, mich weiterentwickelt.
Eine liebe Freundin hat mir zur Abreise ein tolles Buch geschenkt: „Kleine Philosophie der Begegnung“ von Charles Pépin begleitet mich durch ganz Südamerika. Ich zitiere daraus den Philosophen Martin Buber: „Du sprichst mich an, du interessierst mich, du berührst mich, also existiere ich. Ich brauche diese Beziehung zu dir, um in vollem Maße zu realisieren, dass ich bin, was ich erlebe. Wenn ich mich dir, diesem Dialog mit dir in solcher Weise öffne, lässt dieser Akt dich in deiner ganzen Gegenwärtigkeit zutage treten und macht mir, aus derselben Bewegung heraus, meine Subjektivität bewusst.“ Das spricht mir aus dem Herzen.
Die Begegnung mit Luiza und ihrer Familie war weit intensiver, länger und herzlicher als gedacht sowie voller Höhepunkte: vom Matogrosso-Konzert, wo wir Applaus fürs Tanzen bekommen haben, bis zur Einladung, in Rio Weihnachten zu feiern. Schöner hätte meine Reise nicht beginnen können. Und dann noch die spontane Idee, dass mich Luiza einen Monat lang begleitet. Das hat viel verändert. Ich bin mit einem Spiegel gereist. Luiza hat all meine Emotionen ungefiltert reflektiert. Sehr lehrreich.
Natürlich habe ich gehofft, kurzfristig einen Tisch im besten Restaurant der Welt zu ergattern, damit gerechnet habe ich nicht. Und dann lässt am Vorabend ein Fluglotsenstreik unseren Flug platzen. Ich hätte wie viele andere am Flughafen ebenfalls jammern, schimpfen und streiten können, aber das hätte uns nicht rechtzeitig nach Lima gebracht. Nur meine schnelle Buchung eines neuen Fluges hat das möglich gemacht. Lösungsorientiert. Dass dieser Flug am nächsten Morgen überbucht ist und wir beinahe nicht an Bord kommen, setzt der Dramatik der Geschichte die Krone auf. Doch wir schaffen es als letzte ins Flugzeug und rechtzeitig ins Central. Und wir genießen einen großartigen Nachmittag.
Um den Karneval habe ich einen Bogen gemacht, nicht bewusst, aber er hat nicht so recht in die Reiseroute gepasst. Umso schöner und überraschender, dass er mir dennoch zweimal begegnet: sowohl in Montevideo als auch in Lima stolpere ich rein zufällig hinein. Beide Male spektakulär und ein Heidenspaß.
In Cartagena erwartet mich eine „schöne“ Überraschung: Ich komme gegen Mitternacht an, direkt vom Strand von San Andrés und noch das Salz auf der Haut. Beim Einchecken sagt der Rezeptionist, es gibt zur Zeit kein Fließwasser in der Stadt, vielleicht in einer Stunde. Das Wasser fließt auch nach zwei, drei, vier und mehr Stunden nicht. Eine Hauptwasserleitung ist geplatzt. Ich setze mich nicht dem Risiko aus, noch eine Nacht ohne Dusche und WC-Spülung zu sein, und ziehe kurzfristig Anreise und Hotel nach bzw. in Santa Marta vor. Gute Entscheidung, das Wasser bleibt in Cartagena vier Tage aus!
Ich leihe mir eine Enduro und fahre ein letztes Mal an den Strand. In den Tayrona Nationalpark führen nur Pisten hinein, die paar versteckten Strände sind nicht beschildert. Ich lande dort, wo ich nicht hin wollte, bleib aber, weil ich nicht mehr weitergurken will. Es gibt ein einziges „Restaurant“ mit einem einzigen Gericht: Fisch. Eh, klar! Man stellt mir einen Plastiktisch unter einen schattigen Baum und dann den besten Fisch meiner ganzen Reise (inkl. Central, Leo und Providencia) drauf: klesch-frisch, außen superknusprig, innen butterweich und saftig zart.
Samstag Abend in Minca: Die Hippies von der Finca gehen alle ins Dorf zu einem Konzert. Das interessiert mich, das will ich auch sehen. Ich höre zwar Trommeln und Gesang, kann aber den Standort nicht lokalisieren. Im Ort finden an diesem Abend mindestens vier (!) Konzerte statt. Ich versuche mich durchzufragen, doch keiner weiß so recht Bescheid. Gut, will halt nicht sein! Eine Kreidetafel führt mich in eine Gartenbar, wo eine großartige Jazzband spielt: Nicolás Delgado Trio. Ich trinke Rotwein aus Mendoza, höre ein wunderbares Gratis-Konzert und bei „Girl from Ipanema“ wird mir ganz warm ums Herz. Am Strand von Ipanema hat meine Reise vor drei Monaten begonnen, hier in Minca schließt sich der Kreis.
Für meinen letzten Abend in Südamerika hab ich mich in Chapinero Alto, dem Hipsterviertel Bogotás einquartiert. Rund um mein Appartment warten jede Menge 3rd Wave Cafés, Craft Beer Bars und coole Restaurants auf mich. Das Mini Mal, von Lonely Planet schwer empfohlen, liegt gleich um die Ecke. Wieder einmal richtig feines Futter, ich bin verzückt. Und als offenen Weißwein haben sie Grünen Veltliner vom Löss vom Hiedler aus Langenlois. Die Heimat ruft. Nach dem Essen will ich noch auf einen Absacker woanders hin. Ich schwöre, ich habe es weder gegoogelt, noch wird es auf Raisin gelistet, gleich um die Ecke entdecke ich ein Naturweinlokal! Ich hab mittlerweile einen sechsten Sinn dafür. Sie führen sogar Loimer und Heinrich aus Österreich. Mein Abschlussachterl wird ein köstlicher, leicht mazerierter Weißer aus Umbrien. Ich könnte weinen vor Freude. Jetzt bin ich bereit heimzureisen.
Wir müssen alle unseren eigenen Weg gehen. Nichts ist vorgezeichnet, nichts ist vorbestimmt. Wir erschaffen uns unsere Wirklichkeit selbst. Der Weg bildet sich erst, indem wir ihn beschreiten. Morgen geht es zurück nach Wien, vorwärts in ein neues Leben. Schritte warten darauf, gegangen zu werden. Es bleibt spannend. Was wird mich erwarten?