Bilderbuch Konzert (29.03.2017)
Das Capitol in Offenbach füllt sich erst kurz vor Beginn. Die Stimmung ist entspannt, das Publikum gemischt: Jüngere und Ältere, Alternative und Normalos, eingefleischte Fans und Neuankömmlinge, Offenbacher und Frankfurter. Eingestimmt wird sich mit Mavi Phoenix, einer österreichischen Rapperin, die ihr Bad Girl Image leider mit ihrem schnuckeligen österreichischen Akzent nicht halten kann. „Ihr werdet einen wundervollen Abend haben“, prophezeit sie und kündigt kurz darauf Bilderbuch an und das kleine, mittlerweile packend volle, Capitol erwacht zum Leben. Der Einstieg beginnt mit I <3 Stress, aber es ist ja auch erst das zweite Konzert der Magic Life Tour – vielleicht eine überambitionierte Entscheidung für den Einstiegstrack. Nach sneakers 4 free, der Enthüllung einer monströsen Sneakerwand und dem Klassiker OM, was den ein oder anderen schon gehörig eingegroovt hat, wird erst einmal herzlich und formell begrüßt: „Willkommen auf der Magic Life Tour“. Das Reden betreibt zu 99,9 % der platinblonde Sänger Maurice. Leider vergeht die Show ohne einmal die Stimmen der anderen drei Bandmitglieder sprechen gehört zu haben. Maurice aber könnte nicht gleichzeitig verpeilter und charmanter wirken. Von den Duzend zugeworfenen Rosen aus den ersten Reihen fängt er gerade mal eine auf. Den Rest zertrampelt er unabsichtlich. Tollpatschigkeit und Sympathie gipfeln in dem Song Sprit ‘n‘ Soda. Mitten in der ersten Strophe: Dunkelheit, Sound aus, Verwirrung. Technik? – Nein. „Wir haben uns verspielt, das ist uns noch nie passiert“, gibt Maurice etwas verlegen und lachend zu, erntet jedoch dafür einen ordentlichen Trösterapplaus. Das Publikum liebt ihre Band. Es wird schon bei Auftaktakkorden eigeninitiativ mitgesungen, bevor überhaupt ein Atemzug ins Mikrofon gehaucht werden konnte. Auch das scheint die Jungs hin und wieder zu überraschen, dass sie meist das Lied überwältigt noch einmal von vorn beginnen. Bilderbuch verstehen nach zehn Jahren Bandgeschichte bereits, wie sie ihre Mittel einzusetzen haben: Genüsslich wie auch kommentarlos zieht sich Maurice gelbe Lederhandschuhe an und verrät damit den entscheidenden Cue für das nächste Lied Maschin, bekannt aus dem zugehörigen Musikvideo. Die kleine Konzerthalle tobt. Zusätzlich für Stimmung sorgen zwei exzellent gesanglich ausgestattete Soul-Backgroundsängerinnen, die dem Sound eine extra Würze verleihen und im Verlauf des Konzerts auch mit ihrem eigenen Solo gefeiert werden. Neben Sänger Maurice, sticht aber auch nicht minder Gitarrist Mizzy hervor. Bei Bilderbuch wird die Gitarre wieder richtig geschätzt – sie wird gar in einen gottgleichen Status erhoben. Gitarrensoli werden ebenso viel Platz eingeräumt, wie dem Gesang. Zu Bilderbuchs Stärken zählen eindeutig aussagekräftige Gitarrenriffs – wie einst Led Zeppelins Kashmir. Und die leben dabei in harmonischer Symbiose mit dem Synthesizer und dem Soundeffektreportoire. Mit gefühlt maximaler und auch theatralischer Verzerrung schmettert Mizzy elektrische Hymnen zu den Füßen der Zuschauer und komplettiert das Werk mit körperlichen Bewegungen, die irgendwo nun doch als orgastische, zappelige, aber vor allem hingebungsvolle Musikergüsse beschreibbar sind. Gleichwohl fallen Sänger Maurice immer wieder neue skurrile Bewegungen ein, die in ihrer Energie fast an einen jungen Freddie Mercury erinnern. Aber damit erreichen Bilderbuch das, was ihr mehrmals betontes Ziel ist: den Sex wieder in die deutschsprachige Musik einzuschleusen. Wenngleich sie, trotz womöglich wenig verbrachter Zeit an der Universität, das korrekte Zitieren, ohne auch nur einen Satz abzuschreiben, perfekt beherrschen und Musik kreieren, die es zuvor noch nicht gegeben hat. Musik, die einen aus der Hör-Komfortzone hinauskatapultiert und auf die sich erst einmal eingelassen werden muss. Bilderbuch lieben nicht mit Kitsch und ausgelutschten Phrasen. Sie lieben über musische Stimmung und Ausdruck, dekonstruieren Klischees. Bewiesen wird dies vor allem im letzten Song der Zugabe Sweetlove. Während sich Drummer Philipp und Bassist Peter schon entspannt niedergelassen haben, richten sich zwei Scheinwerfer einzig und allein auf Leadgitarre und Gesang, die eine knisternde Konversation betreiben und sich gegenseitig auf Tonebene umgarnen. Auch der Song Softdrink, vom letzten Album Schick Schock klingt erotischer als der Titel vermuten mag. Viel Liebe wird damit von seitens der Band versprüht, aber auch das Publikum geizt nicht mit Zuneigung. Auch mehrmals befielt Maurice Frankfurt und Offenbach sich zu lieben. Im Großen und Ganzen kommen die Songs des vorherigen Albums Schick Schock besser beim Publikum an, als die vertretenen Tracks auf Magic Life. Das liegt zum einen daran, dass Schick Schock eher eingängigere Hits zu bieten hat und auf Magic Life deutlich mehr experimentiert und Konventionen vermehrt zerstückelt werden. Dennoch steckt die zweistündige Show voller Energie und Elan. Es wird allgemein kaum zwischen den Songs geredet, dafür umso mehr gespielt. Die Jungs gehen leider relativ wenig auf Reaktionen aus dem Publikum ein und es fehlt hier und da etwas an Spontaneität. Aber auch ohne diese Einzelheiten wirken Bilderbuch sympathisch und frisch, menschlich und vor allem bewundernswert mit dem, was sie tun. Wer noch skeptisch oder zu unsicher ist sich ein Urteil zu bilden, dem ist ein Konzert wärmstens zu empfehlen.
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