Befreiungsschlag
"Und? Schon entschieden was es sein darf?" Ich schaue hoch zu der Kellnerin. Sie starrt mich mit aufgerissenen Augen und angehobenen Augenbrauen an während sie ungeduldig mit ihrem Kugelschreiber auf den Notizblock hämmert. Ich lasse kurz meinen Blick durch das Café schweifen: Abgesehen von mir gibt es nur fünf weitere Gäste. Ich versuche ihre unhöfliche Art zu ignorieren, auch wenn sie mich leicht verunsichert, und bestelle. "Ähm, ja, einen großen Café au lait und dazu einen kleinen Mangosaft bitte. Und könnte ich einen Aschenbecher bekommen?" Sie brummelt kurz, was wohl soviel wie 'alles klar' bedeuten soll und fragt noch schnell nach 'ob es denn sonst noch was sein darf', was ich nur mit einem etwas piepsigem 'nein, danke' erwidere. Während sie abrupt davonschreitet wühle ich in meinem Beutel, der, wie es mir manchmal scheint, trotz der relativ geringen Größe das Fassungsvermögen eines schwarzen Lochs besitzt. Ich tauche also mit meinen Armen fast komplett in dieses kleine Chaos, mit dem ich mein Leben auszustatten pflege. Letztlich krieche ich mit dem Kopf noch hinterher, nur um trotzdem jedes Stück einzeln herauszunehmen, weil es ja sowieso nichts nützt und ich nichts finden kann. Zumindest nicht das, was ich in diesem Moment suche. Dafür aber den ganzen Rest: Geldbörse, Telefon, Mp3-Player, Hausschlüssel, Notizbuch, ein Reclam-Heft, Lippenpflege, ein Feuerzeug und... eine Zahnbürste. Resignierend und schon leicht an meinem Verstand zweifelnd greif ich noch ein letztes Mal in die Tasche und, siehe da: Meine Zigaretten! Nach dieser zermürbenden Suche entweicht mir ein kurzes aber kraftvolles Triumpflachen und ich zucke unwillkürlich zusammen, weil ich befürchte, dass ich Aufmerksamkeit erregen könnte. Aber in dieser Stadt ist es nicht weiter ungewöhnlich, dass sich mal jemand etwas gehen lässt. Ich vergesse so oft, dass sich hier niemand für etwas anderes als den persönlichen, kleinen Dunstkreis seines eigenen Lebens und die darin lebenden Personen interessiert. Von dieser Erkenntnis beruhigt, nehme ich eine Zigarette aus der fast leeren Schachtel und lehne mich zurück.
Es vergehen keine fünf Minuten, in denen ich nur etwas entrückt vor mich hinstarre und abwesend die unangezündete Zigarette immer wieder durch meine Finger gleiten lasse, bis er kommt. Er ist tatsächlich da. Ich sehe ihn schon aus der Ferne, wie er um eine Straßenecke biegt und die Straßenseite wechselt um zu dem Café zu gelangen, in dem ich sitze. Ich halte augenblicklich in meiner Bewegung inne und beobachte wie er immer näher kommt. In dem Moment, als sein suchender Blick mich fixiert, wird sein Gang etwas fester und seine Haltung sicherer. Je näher er kommt, desto deutlicher und klarer wird sein Lächeln. Ich stattdessen versinke immer tiefer in meinem Stuhl und halte ohne erkennbaren Grund eine einzelne, unangezündete Zigarette in der ausgestreckten Hand. "Hey", sagt er mit einem derart breiten Grinsen, dass man denken könnte, es würde sein Gesicht zerreißen. Aber aus der Nähe konnte ich ein nervöses Flimmern in seinen Augen erkennen, und das gab mir Mut. "Wie schön, dass du gekommen bist", beginne ich und versuche nicht allzu überrascht zu klingen, "wir haben uns lange nicht gesehen. Es freut mich sehr, dass es geklappt hat." Weil ich keine Anstalten mache, mich zu erheben, sondern nur eine aufrechtere Sitzposition einnehme, setzt er sich zögerlich auf den Platz mir gegenüber. Meine kurzzeitige Bewegungsstarre verflüchtigt sich und ich beginne wieder mit der Zigarette zu spielen. Er beobachtet eine Sekunde meine Beschäftigungstherapie und fragt: "Du rauchst?" "Gerade jetzt nicht, nein", und ich halte demonstrativ die noch immer unangezündete Zigarette hoch, "das ist nur so ein Tick von mir, dieses Rumspielen. Aber normalerweise rauche ich, ja." Man sieht Verärgerung in seinem Gesicht aufflammen, doch noch bevor er was sagen kann, kommt die Kellnerin mit meiner Bestellung. Sie stellt Kaffeetasse und Saftglas vor mir auf den Tisch, den Aschenbecher positioniert sie mittig. Wie einstudiert zünde ich mir daraufhin den Glimmstängel an und schaue ihn dabei leicht herausfordernd an. Seine Miene verhärtet sich und er kommt der Bedienung zuvor, indem er etwas forsch einen großen, schwarzen Kaffee ordert. Sein strenger Blick richtet sich wieder auf mich und er stützt seine Arme auf den Tisch um sich zu mir zu beugen. Da es sich nur um einen kleinen, runden Bistrotisch handelt, ist er mir plötzlich sehr nah. So nah, dass mir fast schwindelig wird. Verfluchter Bastard! "Schade, das hätte ich nicht gedacht. Seit wann denn das?", säuselt er mir zu. Schade, wiederhole ich in Gedanken und kann mir gut vorstellen, wie er gerade das Bild, das er solange von mir in seinem Kopf hatte, zerreißt. Diese Tatsache lässt mich ziemlich kalt. "Ja, nun...ich denke wir sollten reden", beginne ich, doch noch bevor die letzte Silbe aus meinem Mund herauskullert, unterbricht er mich. "Ja, verdammt, wir müssen reden. Was denkst du dir eigentlich dabei, einfach so zu verschwinden?", schreit er mich an. Plötzlich ist alle Beherrschung seinerseits dahin. Ich bin über seine aggressive Art erstaunt und versuche mich zu ordnen. "Ich musste weg," presse ich um die richtigen Worte ringend hervor. "Warum zur Hölle? Was ist passiert, dass du dir mir nichts, dir nichts dachtest einfach für fast ein Jahr zu verschwinden? Du warst wie vom Erdboden verschluckt. Urplötzlich! Und als Erklärung nur ein liebloser Zettel mit der Aufschrift 'Such mich nicht'." Als er diese letzten Worte noch einmal wiederholt, ruhiger als vorher, scheint er in sich zusammenzusacken. Ich schweige nur.
Ja, was war passiert? Ich bin einfach eines Morgens aufgewacht und konnte das nicht mehr. Das alles. Auf einmal erschien mir seine Art zu sein und zu denken, sein ganzes Wesen und seine bloße Gegenwart unerträglich. Er wurde mir zur Last und der Gedanke, dass meine, unsere Freunde und auch alle Anderen mich mit ihm und ihn mit mir assoziierten, schnürte mir die Brust zu. Ich war "die Freundin von" - ein Label, dass mir schon immer unangenehm war. Und die Vorstellung, bald darauf schon "die Frau von" zu sein, war mir schlichtweg zuwider. Ich wollte nur noch flüchten. Anfangs ignorierte ich es, in der Hoffnung, es handle sich nur um eine Art Nebenwirkung der Progesteronbehandlung, der ich mich damals unterzog, um ihm in absehbarer Zeit seinen Kinderwunsch zu erfüllen. Ich harrte aus. Ich zwang mich, ihn (wieder) zu lieben. Doch es lag nicht an den Hormonen. Ich fing an, ihn mehr und mehr zu hassen. Ich übersah ihn, diesen einen Menschen mit all seinen guten Seiten. Er war wirklich ein toller Kerl, hätte man meinen können. Doch ich nahm das alles nicht mehr wahr und verrannte mich fast in meiner blinden Wut. Wut darüber, dass er so langweilig war, so kleinkariert und engstirnig. Wut darüber, dass ich Zeit mit ihm verschwendet habe und tatsächlich für ihn gekämpft habe. Tag für Tag habe ich an mir gearbeitet, mich zusammengerissen und beherrscht, um ein besserer Mensch zu sein. Für ihn. Dabei war ich nie ein schlechter Mensch, ich war ein Mensch, und im Grunde ging es auch gar nicht darum. Ich war sein Mittel zum Zweck. Aus irgendeinem Grund, der mir bis heute nicht klar ist, hat er mich für sein 'perfektes' Leben ausgewählt. Warum ich? - diese Frage stellte ich mir anfangs oft, jedoch benebelt von Schwärmerei. Ich wollte ihn, weil er mich wollte. So fügte ich mich unbewusst und rieb mich auf. Seine Wünsche wurden zu meinen. Ich vergaß mich, bis ich drohte mich aufzulösen in seiner Fantasie von einer heilen Welt. Die Überreste meines Wesens, meine Gedanken und Ansichten, wurden unwichtig und ich sperrte sie in eine dunkle Ecke tief in meinem Innern. Stattdessen formte ich mich von außen neu: Immer zeigte ich mich von der mir möglichst besten Seite; passte mich seinem Stil an; war stets höflich und unterhaltsam; behielt meine Meinung für mich, um niemanden vor den Kopf zu stoßen; legte schlechte Gewohnheiten ab. Ich wurde zur idealen Frau, eine Zierde die ihm Halt und Sicherheit gab.
Jetzt, ein gutes Jahr später, bin ich ihm weder Halt noch Sicherheit. Ich sitze ihm direkt gegenüber und bin doch viel weiter entfernt als in all der Zeit, in der ich tatsächlich weg war. Ich bin zurück, in der mir eigenen Gestalt, und für ihn bin ich nichts weiter als eine Fremde in der Hülle einer Person, die er zu lieben pflegte. Wie er jetzt vor mir sitzt, entrüstet und schockiert, wird mir einmal öfter klar, warum ich gehen musste. Denn mich, das was mich ausmacht, so wie ich wirklich bin, hat er nie geliebt. Er liebte das Bild, dass ich für ihn dargestellt habe und zu dessen Gestaltung er maßgeblich beigetragen hat. Nun allerdings, trage ich mein Haar wie es fällt, betone durch meine Kleidung all die kleinen Vorzüge meines Körpers und rauche eine Zigarette nach der anderen. Ich schaue ihm in sein nach wie vor schönes Gesicht, das so traurig und schmerzverzerrt ist, und sehe, dass er nichts versteht. "Warum bist du zurückgekommen?" Ich schließe die Augen und suche die richtigen Worte; überlege, ob ich ihm alles erkläre. Doch dazu habe ich keine Lust. Es erscheint mir selten unnötig, denn er würde es nicht verstehen. Es würde ihn verletzten, all diese Dinge von mir zu hören. Es liegt mir fern, ihm klarzumachen, wie der Hase läuft und ihm die hässliche Wahrheit wie Scheiße ins Gesicht zu schmieren. Einfach auch, weil mir das selten anstrengend erscheint und ich diese ganze Sache nur möglichst schnell hinter mich bringen will. Also beschließe ich, ihm nur den Kern der Sache darzulegen und ihn vor vollendete Tatsachen zu stellen. Ich atme tief durch, öffne die Augen und schaue ihm in sein erwartungsvolles Gesicht, mit dem angespannten Kiefer und den ängstlich geweiteten Augen. "Ich will nicht heiraten und ich will keine Kinder. Ich bin zurückgekommen um dir das zu sagen, um es geklärt zu wissen und es aus der Welt zu haben. Um 'uns' aus der Welt zu haben. Damit ich frei sein kann, damit ich ganz Ich selbst sein kann. Ich habe keine Ahnung, wie das im Endeffekt aussehen wird. Ich weiß nur, dass du keinen Platz in meinem Leben hast und auch nie wieder haben wirst. Ich gehe jetzt. Ich bezahle meine Rechnung und dann verschwinde ich. Das mit uns ist Geschichte, nur eine Erinnerung, jedoch keine, auf die ich wohlwollend zurückblicke. Eher eine, die ich vergessen möchte. Am Besten, du vergisst mich auch. Warum, ist unwichtig. Es macht keinen Sinn, es dir erklären zu wollen, da es sowieso nichts ändert. Das ist alles, was ich dir noch zu sagen habe und jetzt: Leb wohl!" Währrend meines ganzen Monologs bleibt er stumm und als ich nach den letzten Worten aufstehe, zwanzig Euro auf den Tisch lege und einfach gehe, spüre ich, wie er mir hinterherstarrt. Mir war klar, dass er nichts unternehmen würde, denn das ist einfach nicht seine Art und ich bin dankbar dafür. Ich laufe, rasch und bestimmt, ohne mich umzudrehen. Als ich an der nächsten Straßenecke abbiege und somit völlig aus seinem Blickfeld verschwunden bin, weine ich. Vor Freude.









