Denn machen wir uns nichts vor: In den nĂ€chsten Jahren ist weder ein neuer Sturm auf die Bastille noch auf das Winterpalais zu erwarten. VerĂ€nderungen, die diesen Namen verdienen, stehen derzeit leider nicht auf der Tagesordnung. Nicht einmal zwei Weltkriege, Auschwitz, die Atombombe und die Erfindung von Twitter konnten die Menschen dazu bewegen, ihr Schicksal endlich in die eigenen HĂ€nde zu nehmen. Die VerhĂ€ltnisse riegeln sich hermetisch gegen die Erkenntnis ab, dass sie zum Wohl der Menschheit umgeworfen werden mĂŒssen.
Damit verliert auch die radikale oder revolutionĂ€re Linke ihre Bedeutung. Das Anrennen gegen die VerhĂ€ltnisse Ă€hnelt sich dem Versuch an, mithilfe einer BĂŒroklammer aus dem Hochsicherheitstrakt von Stammheim auszubrechen. Soll heiĂen: Es wird lĂ€cherlich.
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Im Normalfall sind die linken AktivitĂ€ten allerdings nicht einmal mehr Caritas, sondern vor allem BeschĂ€ftigungstherapie. Denn ohne die Option auf VerĂ€nderung sind die diversen »Kampagnen« und »Aktionen« nur noch schwer von einem Hobby zu unterscheiden. Genauso wie das Sammeln von Panini-Bildern, das ZĂŒchten von Geranien oder der autonome Töpferkurs zielen sie weniger auf das Resultat ab als auf den psychischen Gewinn, der beim Werkeln eingefahren wird. Beim Plakatmalen oder im Transparentworkshop können sich die Einzelnen, die ihre SubjektivitĂ€t und SpontaneitĂ€t lĂ€ngst verloren haben, vormachen, dass es gerade auf sie ankommt; in der Kloppsportgruppe oder bei der StraĂenschlacht können die unterdrĂŒckten Triebe wie beim FuĂball oder der DiscoschlĂ€gerei abgefĂŒhrt werden; und bei den permanenten FeldzĂŒgen gegen rechtsextreme Vertriebsstrukturen kann die Ahnung bekĂ€mpft werden, dass das Leben auch ohne NazilĂ€den nur selten wesentlich schöner ist. Um nicht nachdenken und auf die eigene schreiende MarginalitĂ€t, den Rinnsalcharakter der jeweiligen Aktionen und die eigene Ohnmacht reflektieren zu mĂŒssen, muss Aktion auf Aktion folgen, Kampagne auf Kampagne. Diese Form der Praxis ist, egal wie radikal sie sich gibt, Instrument bei der Abwehr der RealitĂ€t. Oder mit den Worten Adornos: »Man klammert sich an Aktionen um der Unmöglichkeit der Aktion willen.«
Aber auch diejenigen, die aufgrund der Einsicht in die verstellte Praxis vor Eingriffen zurĂŒckschrecken, sind nicht viel besser dran. Die traditionellen linken Lesekreise erinnern ohnehin an ausgelagerte UniversitĂ€tsseminare: Hier können Soziologiestudenten ihre Skills fĂŒr die Akademie schulen; diejenigen, die im UniversitĂ€tsbetrieb derzeit nicht gebraucht werden, können sich vormachen, dass sie trotzdem fĂŒr den Philosophie-Lehrstuhl geeignet wĂ€ren. Wer sich dagegen aufgrund der versteinerten VerhĂ€ltnisse ins Privatleben zurĂŒckzieht, sprich: in Haus, Hof, Beruf und Familie, der Ă€hnelt sich in der Regel innerhalb kĂŒrzester Zeit entweder seinen Eltern an: Am Ende des Tunnels wartet der Bausparvertrag. Oder er wird zu einem der frĂŒhvergreisten Zyniker, die man vor allem im Kunst-, Medien- und Veranstaltungsbetrieb treffen kann. Mit anderen Worten: WĂ€hrend sich die Praxisfraktion in die eigene Tasche lĂŒgt und sich durch die wenigen VerbesserungsvorschlĂ€ge, die angenommen werden, zum Mitschuldigen macht, verstĂ€rkt die Lesekreisfraktion gerade durch ihr abgeklĂ€rtes Nichtstun das, was sie aus gutem Grund verabscheut. Dieser Widerspruch kann dummerweise weder durch Reflexion gelöst werden noch durch eine neue goldene Mitte der Linken (ein bisschen Theorie und ein bisschen Praxis), sondern vorerst gar nicht: Er wird von der Wirklichkeit vorgegeben.