„Und lebst du noch?“ Meine Finger zittern leicht als ich die Worte tippe. Ich hoffe ich wirke so ruhig und selbstbewusst, wie ich klingen will. Ich hoffe du liest die Sorge heraus, aber nur ganz dezent. Nicht so übergriffig. Nicht so anmaßend, wie die Gedanken an dich die mich seit unserem letzten Gespräch verfolgen. Du sollst nicht merken, dass ich seit Wochen darüber nachdenke, wie ich diese einfache Frage formulieren soll. Ich bin cool, ruhig, souverän. Ich schicke die Nachricht ab. Bereue es sofort. Bereue alles. Warum ist es mir überhaupt so wichtig, was du von mir denkst? Warum ist es mir wichtig, dass du denkst es wäre mir egal ob du antwortest, wann du antwortest, was du antwortest. Wieso schreie ich nicht, dass ich verdammt noch mal das Recht dazu habe zu erfahren, wie es dir geht. Nachdem du mich wieder da mit reingezogen hast. Ich habe dich doch nicht darum gebeten. Scheiße, man. Ich werfe das Handy von mir. Winde mich aus dieser ekelerregenden Hülle aus Selbstmitleid und Hoffnung. Wie erbärmlich. Wie lächerlich. Ich hasse mich selbst dafür, überhaupt geschrieben zu haben. Denke darüber nach die Nachricht zu löschen bevor du sie siehst. Entscheide mich dafür es nicht zu tun. Es ist egal. Spielt doch alles keine Rolle. Deine Antwort kommt nicht. Du liest die Nachricht nicht einmal. Es ist okay. Ich bin okay. Du bestimmt auch. Es ist alles in Ordnung. Genau das habe ich erwartet. Mein Leben geht weiter, ob mit dir oder ohne dich. Ohne dich, so wie meistens. Und es ist okay.
Pause. Funkstille. Selbstbeherrschung.
Ich öffne den Chat nicht. Ich halte länger aus als ich mir eingestanden hätte. Ich bin fast stolz auf mich. Ich kann es doch. Ich kann so leben als wärst du mir egal. Ich lache. Ich gehe aus. Mir geht es gut. Ich trinke und lache und trinke noch mehr. Das Leben kann sich so gut anfühlen, so frei, so schön. Leicht Ich gehe auf die Toilette. Ich spüre den Alkohol in meinem Blut. Aber es ist okay. Es ist genau die richtige Menge. Die Stille auf der Toilette drückt gegen die Erregung in meinem Inneren. Die Selbstbeherrschung ist verschwunden. Mauern brechen zusammen. Hinter ihnen; nur du. Meine Hände sind schneller als meine Gedanken. Der Chat öffnet sich noch bevor ich realisiere was ich tue. Magnetische Anziehung. Schwarze Magie. Anders kann ich es nicht erklären. Dein Name in Leuchtschrift zwischen all den Grautönen.
Du hast meine Nachricht gelesen. Und du hast sogar geantwortet. Nach Tagen. Genau heute. Was für ein beschissener Zufall. Was für eine abgefuckte Ironie des Schicksals. Und natürlich ist es eine Sprachnachricht. Es wäre zu viel verlangt, deine Antwort auf meine Frage als nichtssagende Kombination an Buchstaben zu erhalten. Es wäre zu einfach sie nur zu lesen und dann wieder zu vergessen. Doch du machst es mir nicht einfach, das hast du noch nie. Du entscheidest dich immer für schwierig, schwieriger, kaum auszuhalten. Der Steigerung sind keine Grenzen gesetzt. Achtzehn Sekunden. Achtzehn Sekunden hast du dir für mich genommen. Das ist zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben. Es ist zu viel, um Nichts zu sein, aber nicht genug um wirklich Etwas zu sein. Das sind wir: zu viel und gleichzeitig zu wenig. Die Erkenntnis sticht tief in mir drin. Vertreibt den letzten angenehmen Schleier den der Alkohol über meine Gefühle gelegt hat. Achtzehn Sekunden Sprachnachricht, die ich mir 800 Sekunden nur anschaue. Daumen über dem Playbutten. Auf dem Klodeckel sitzend. Mit mir ringend. Atmend. Höre dumpf die Musik aus dem Club, in dem ich eben noch war. Eben als alles noch okay war. Als ich noch okay war. Als wir noch okay waren, weil ich nicht wusste, dass es noch etwas gibt das du mir zu sagen hast. Nicht-Wissen ist schlimmer als Wissen entscheide ich. Versuche es nicht als Schwäche zu empfinden, als ich den Playbutten drücke. Merke, dass die Sekunden verstreichen, ohne dass ich etwas höre. Panik, weil die Zeit verrinnt ohne dass ich deine Stimme höre. Hektische Griffe, um die Lautstärke zu erhöhen.
Nochmal auf Anfang. Eine neue Chance. Klappe; die Zweite. Kleiner Trommelwirbel in meinem Kopf. Mein Leben eine Filmdarstellung auf großer Leinwand. Eine Tragödie in zu vielen Akten. Und Action! „Es geht mir wieder gut.“ Die Ersten Sekunden. Deine Worte. Dann Ruhe. Bilder. Gefühle. Verlorene Momente. Realisier die Bedeutung deiner Worte. Atme durch. Dir geht es wieder gut. Das freut mich, denke ich. Und ich meine es auch so. Wirklich. Ich bin froh, dass es dir besser geht. Dass dein Leben scheinbar wieder in geordneten Bahnen verläuft. Dass der gequälte Unterton in deiner Stimme verschwunden ist. Es nimmt auch mir eine Last von den Schultern, die mir erst in dem Moment bewusst geworden ist. Wie schwer die Sorge um dich wirklich wog, obwohl ich dachte ich hätte genug Distanz gewahrt, um mich zu schützen. Vor deinen Ängsten, fast genauso sehr wie vor meinen Wünschen. Es sind noch zu viele Sekunden übrig. Muss ich mehr hören? Das reicht doch denke ich. Mehr hab ich nicht gefragt, mehr will ich nicht wissen. Das ist genug. Dir geht es gut, mir geht es gut. Es ist alles okay. Wir sind okay. Nur halt nicht zusammen okay, aber getrennt okay. Das ist nicht schlecht, oder? Egal. Einmal angefangen ist deine Stimme meine Droge und die restlichen Sekunden der Nachricht ein weiterer Schuss, den ich mir nicht entgehen lassen kann. Warum mache ich mir etwas vor. Ich häng an den Sekunden wie ein Junkie an seinem Stoff. Jetzt kann ich es zu lassen. Hier sieht mich keiner. Hier ist keiner der Zeuge meiner Schwäche werden kann. Hier bin nur ich und ich zerfalle in Einzelteile mit jeder weiteren Sekunde. „Tut mir leid, dass ich erst so spät geantwortet habe. Bei mir ist alles wieder gut. Ich fahre nächste Woche weg. Wie geht es dir?“. Musik im Hintergrund deiner Sprachnachricht. Ich stelle mir vor, dass du im Auto sitzt. Noch einen Blick auf dein Handy wirfst, bevor du aussteigst und dabei meine Nachricht entdeckst, die schon seit Tagen unbeantwortet in unserem Chat ruht. Du nimmst dir kurz die Zeit zu antworten. Vielleicht denkst auch du, du wärst es mir schuldig. Weil ich da war, die letzten Wochen und Monate. Ich war da, wenn deine Nächte zu lang und deine Gedanken zu dunkel waren. Ich war da, um dich durch deine Ängste zu begleiten. Jetzt hast du die Ängste hinter die gelassen. Sie sind nichts weiter als Rauch der Vergangenheit und mich hast du mit ihnen zusammen zurückgelassen. Und das ist okay. Wirklich. Es ist das, womit ich gerechnet habe. Ich wusste was mich erwartet. Wir haben dieses Spiel schon so oft durchgespielt. Mit den unterschiedlichsten Anfängen und den verschiedensten Abläufen. Nur das Ende, das blieb immer gleich. Darauf zu hoffen, dass es dieses Mal anders werden würde, wäre nichts weiter als dummer, naiver Selbstbetrug gewesen.
Das habe ich hinter mir. Daraus bin ich entwachsen, wie eine Schlange, die sich ihrer zu eng gewordener Haut entledigt. Ich bin besser als damals, stärker. Also antworte ich mit schnellen Bewegungen meiner Finger „Mir geht es gut.“
Wieder nur vier kurze Worte. Und ich hoffe sie klingen freundlich, aber distanziert. Nach einem endgültigen Abschluss. Weil ich weiß, dass es für dich einer ist. Und ich will, dass du aus den Worten herausliest, dass es okay für mich ist. Dass es auch für mich das Ende ist. Dass ich nicht daran zerbreche. Dass ich aufgehört habe nachzufragen. Weil ich nie die richtigen Antworten bekomme. Warum also noch nachfragen? Es ist okay. Es geht dir gut. Mir geht es gut. Es ist okay.
Wir sind wieder Fremde. Vielleicht bis zum nächsten Mal, wenn es in dir schmerzt. Vielleicht kommst du dann wieder zu mir. Und ich helfe dir wieder. So wie die letzten Male. Wir spielen unsere kleines Spiel aus Verständnis und Freundschaft und etwas das nach mehr schmeckt. Und dann ist es wieder vorbei. Ein Ende, eines von vielen in unserer Geschichte. Es ist okay, ich bin okay, du bist okay. Nur wir nicht. Wir sind nicht okay, weil es kein wir gibt. Aber das ist okay...










