Schulpraktikum in Schweden , 14.09.2018 (14. Tag) - SchĂŒlerinterview
Heute morgen beim FrĂŒhstĂŒck - meine liebe Mitpraktikantin kam mit folgenden Worten aus ihrem Zimmer: âHeute will ich SchĂŒler interviewen.â GewĂŒnscht, getan - heute haben wir drei SchĂŒler zum Interview gebeten, was uns spontan und natĂŒrlich mit dem EinverstĂ€ndnis der SchĂŒler ermöglicht wurde. Diese drei SchĂŒler besuchen das Gymnasium, sind um die 16 Jahre alt und sprechen, beziehungsweise verstehen Deutsch. Das liegt daran, das zwei von ihnen deutsche Eltern haben und eine von ihnen in Deutschland geboren wurde und mit ihrer Familie nach der 1. Klasse nach Schweden gezogen ist. SchĂŒler mit Ă€hnlichen Vorgeschichten findet man hier tatsĂ€chlich relativ hĂ€ufig.
Diese Gelegenheit, die wenige Kommunikationsprobleme versprach, wollten wir dafĂŒr nutzen, um ein paar generelle Fragen zu klĂ€ren. HauptsĂ€chlich ging es aber darum, einen Perspektivwechsel zu vollziehen, der der Reflexion bestimmter Erfahrungen dienen sollte - schlieĂlich haben wir bislang hauptsĂ€chlich mit Lehrern geredet. Nun wurde es Zeit, das Gehörte von âBetroffenenâ bewerten zu lassen.
Wir haben bislang viel ĂŒber den Fokus gehört, der auf der IndividualitĂ€t eines jeden SchĂŒlers liegt. Deshalb wollten wir jetzt natĂŒrlich wissen, ob die drei das aus ihrer eigenen Erfahrung heraus bestĂ€tigen können. Die Antwort war eindeutig und es gab zustimmendes Nicken. NatĂŒrlich gebe es auch in Schweden hier und dort mal einen Lehrer, der diesem Anspruch nicht gerecht werden kann, aber der GroĂteil lege groĂen Wert darauf, diesen theoretischen Fokus auch in die Tat umzusetzen. Individuelle Förderung - sei sie von Seiten des SchĂŒlers oder des Lehrers angeregt - sei gang und gĂ€be. Auch, dass es im allgemeinen ein gutes Klassenklima geben wĂŒrde konnte uns bestĂ€tigt werden. Die Lehrer seien sehr kommunikativ - gerade auch was Lernziele und Erwartungen betreffe. Stets werde das Ziel der Unterrichtsreihe offen gelegt und auch Erwartungshorizonte werden im Vorfeld von PrĂŒfungen ausgeteilt. Nur mit der Möglichkeit freiwillig ein weiteres Jahr Schule anzuhĂ€ngen, verhĂ€lt es sich in der RealitĂ€t dann doch nicht so eindeutig problemlos, wie es angedeutet wurde. Wiederholen wolle/solle man nur im Ernstfall und selbst dann gelte dies unter den SchĂŒlern in keiner Weise erstrebenswert.
Was auch immer man zum Thema Noten im schwedischen Schulsystem gehört hat - laut Aussage der SchĂŒler gibt es auch hier Noten die als gut und erstrebenswert empfunden werden und Noten, die Unzufriedenheit hervorrufen. SpĂ€testens in der 9. Klasse geraten sie dann auch in den SchĂŒlerfokus, sofern man es gerne auf das Gymnasium seiner eigenen Wahl schaffen möchte. Begrenzte KapazitĂ€ten sorgen fĂŒr den Vorzug des besseren Grundschulabschlusses. Wenn man auf das Gymnasium kommt hat man als SchĂŒler hier zunĂ€chst die Wahl zwischen einem allgemeinen Bildungsweg, der die SchĂŒler auf eine spĂ€tere Ausbildung an einer UniversitĂ€t vorbereiten soll und einem berufsorientierten Bildungsweg. Letzterer bereitet unmittelbar auf die Ergreifung eines Berufs vor - sei es im Bereich Tourismus, ein Ingenieursberuf oder sonstiges. Die Wahl des richtigen Gymnasiums ist jetzt insofern wichtig, da jedes Gymnasium ĂŒber bestimmte Angebote und eine spezifische Reputation verfĂŒgt. Einer klaren Berufsvorstellung und einem vorauseilenden Ruf folgend, reisen SchĂŒler bisweilen an das andere Ende des Landes, um ein bestimmtes Gymnasium zu besuchen. Beide Ausbildungswege nehmen drei Jahre in Anspruch. Der berufsorientierte Bildungsweg sieht dabei fĂŒr jedes Jahr ein fĂŒnfwöchiges Praktikum vor, das man ab dem zweiten Jahr auch im Ausland absolvieren kann. Der allgemeine Bildungsweg sieht ein fĂŒnfwöchiges Praktikum im dritten Jahr vor.
Das klingt jetzt erst mal so, als mĂŒsse man sich relativ frĂŒh in seinem Leben fĂŒr einen konkreten Lebensweg entscheiden, aber der Schein trĂŒgt. Falls man merkt, dass man den eingeschlagenen Weg nicht zu Ende gehen möchte, wĂ€hlt man einfach einen anderen. Prinzipiell ist es möglich, bis zum 22. Lebensjahr eine gymnasiale Ausbildung zu beginnen. Das bedeutet: wenn man mit 15/16 Jahren an ein Gymnasium wechselt, eine dreijĂ€hrige Ausbilden abschlieĂen wĂŒrde, ein Jahr lang in einem bestimmten Beruf arbeitet und dann merkt, dass man doch lieber etwas anderes gemacht hĂ€tte, hĂ€tte man selbst dann noch die Gelegenheit eine andere Ausbildung an einem Gymnasium zu beginnen und abzuschlieĂen.
Mehr als interessant fanden wir die EinschĂ€tzungen zum Thema Hausaufgaben, die hier nur noch im Zweifellfall aufgegeben werden. Das betrifft dann FĂ€lle, in denen ganz dringen - aus unspezifischen GrĂŒnden - zu Hause etwas nachgearbeitet werden muss. Die Entwöhnung von den Hausaufgaben hat bei einer von uns interviewten SchĂŒlerin - laut eigener Aussage - dazu gefĂŒhrt, dass sie etwas faul geworden werde. BestĂ€tigt wurde das von einem der anderen beiden, der sagte, dass er uns seine Freunde im Fall von Hausaufgaben ĂŒberhaupt nicht wĂŒssten, wie sie mit diesem Sonderfall umgehen sollten, da sie fĂŒr das Arbeiten zu Hause ĂŒber keine Lernstrategie verfĂŒgen wĂŒrden. Vor allem das Zeitmanagement bereite vielen dann Schwierigkeiten.
Unsere letzte Frage war: WĂŒrdet ihr etwas an eurem Schulsystem verĂ€ndern wollen? Ich mache es kurz: keinem viel auf diese Frage spontan etwas ein. Einig wurden sich aber alle in einem Punkt: sie alle schĂ€tzen am schwedischen Schulsystem vor allem die FlexibilitĂ€t. Einer der drei lieferte in diesem Zusammenhang ein schönes Schlusswort: ihm kommt es so vor, als mĂŒsse man in Deutschland immer etwas ganz bestimmtes, vorgegebenes schaffen, wĂ€hrend es in Schweden nur wichtig sei, ĂŒberhaupt etwas zu schaffen.