Foto: Straßenszene im Zentrum von Marmarita.
Es dauert lange, bis dieses Interview zustande kommt. Bei meinem ersten Telefonat mit ihm, sagte er mir bloß, daß er mich nicht treffen wolle und legte auf. Ich bleibe hartnäckig und bei unserem zweiten Telefonat folgt sogar eine Begründung: Er gebe keine Interviews mehr, zu gefährlich. Das habe nichts mit mir persönlich zu tun, er müsse schlicht und einfach auf der Hut sein, weil er jetzt im Untergrund lebe. Denn er sei ernsthaft um seine Gesundheit besorgt, falls er wieder ins Gefängnis müsse, er sei ja schließlich nicht mehr der Jüngste. Dann sprechen noch einmal gemeinsame Freunde mit ihm. Einige Tage später stimmt er einem Treffen doch zu. "Wir sprechen hier nur als Freunde", sagte er mir. "Keine Ton-Aufzeichnungen, keine Fotos, kein Name."
Es ist ein heißer Nachmittag im Haus eines gemeinsamen Bekannten. Mein Gesprächspartner ist Marxist, hat zwei Bücher veröffentlicht. Manche nennen ihn General der Gefängnisse, weil er 32 Jahre ohne Unterbrechung eingesperrt war. "Es gibt keinen Kerker in Syrien, den ich nicht kenne", sagt er lachend. In einem von ihnen mußte er seine Zähne lassen. Somit dürfte er nicht nur Syriens langjährigster Gefangener sein, sondern auch einer, der am brutalsten gefoltert wurde.
"Ich wurde immer wieder verhört, gefoltert, mißhandelt, in noch dunklere Kerker verlegt", erzählt er mir bei Amstel-Dosenbier. Wie soll ich das Aussehen so einer Person beschreiben, ohne zu viel zu verraten? Können Sie sich an das Bild von Christian Klar erinnern, so wie es von Günter Gaus aufgenommen wurde, als dieser ihn nach Jahrzehnten der Haft im Gefängnis besucht hatte? Christian Klar sieht abgemagert und blaß aus, seine tiefen Augenhöhlen werfen kleine Schatten auf sein Gesicht. So können Sie sich gerne auch meinen Gesprächspartner vorstellen. Allerdings mit etwas weniger Zähnen.
Wie er die drei Jahrzehnte im Knast durchgestanden habe, will ich von ihm wissen. "Ich liebe das Leben, ich glaube an das Gute im Menschen und ich behalte immer die Hoffnung", antwortet er mir lachend. Es ist erstaunlich, daß dieser Mensch trotz all seiner erlittenen Qualen das Lachen nicht verlernt hat und vielleicht häufiger lacht als jeder andere meiner Gesprächspartner in Syrien. "Mein Lebensmotto ist", fährt er lachend fort: "Wenn Du das Leben schätzt und liebst, dann wirst Du auch von ihm geliebt."
Erst eine Initiative aus der Bevölkerung, unterstützt von einigen bekannten mutigen Juristen ermöglichte vor nicht allzulanger Zeit seine Freilassung nach mehr als drei Jahrzehnten Haft. Weshalb er denn so gefährlich sei, daß man ihn so lange habe wegsperren müssen, will ich von ihm wissen? "Offenbar ist der alleinige Umstand, links zu sein schon sehr gefährlich", lacht er. Eine Waffe habe er nie in der Hand gehabt, Gewalt als Mittel zum Sturz eines Regimes, welches das Volk mit Gewalt unterdrückt, finde er jedoch legitim. So habe er sich auch in einer seiner Schriften geäußert. Das war wohl zu viel des Guten. Vor seiner Verhaftung wirkte er an der Universität als Englisch-Dozent. "Vor den Intellektuellen, die mit Worten wirken, hat das Regime viel mehr Angst, als vor bewaffneten Aufständischen. Gewaltfreier Widerstand ist für das Regime langfristig viel gefährlicher als bewaffnete Kämpfer, die vom Militär über kurz- und mittelfristig lokalisiert und ausgeschaltet werden", ist er überzeugt.
Der General der Gefängnisse steht hinter der bewaffneten säkularen Opposition, die unbedingt erreichen müsse, das menschenfeindliche und korrupte Regime zu stürzen. Die Revolution gebe den Menschen die Hoffnung zurück. Durch den bewaffneten Aufstand bestehe zumindest die Hoffnung auf ein besseres Leben. "Die Erhebung gegen das Regime ist der Versuch des syrische Volks, seine Geschichte wieder in die eigenen Hände zu nehmen", betont er. Die Unterstützung aus dem Ausland betrachte er hingegen mit Sorge. Im Falle einer erfolgreichen Revolution würden diese Mächte eine Gegenleistung verlangen für ihre Unterstützung.
Ohnehin verfolgten alle auf diesen Konflikt einwirkenden Mächte ihre eigene Agenda und das Wohl und Leid des syrischen Volkes stehe auf keiner dieser Agenden. Daß die Revolution erfolgreich sein wird, daran zweifelt der General der Gefängnisse nicht. Hunderttausend Tote offiziell, vielleicht noch einmal so viele Tote inoffiziell, Hunderttausend Aufständische, mindestens fünf Millionen Flüchtlinge im Ausland, über zwei Millionen Vertriebene im Inneren, diese Zahlen seien Fakten, die für sich sprechen und gegen das Regime, sagt der General der Gefängnisse. "Das Regime ist langfristig am Ende, es ist nur eine Frage der Zeit bis es stürzt". Er betont, daß 70 Prozent Syriens zerstört seien und alle Städte Syriens geteilt seien bis auf Ausnahme der Städte Damaskus, Tartus, Latakia, Salamiye und al-Soweida.
Von den religiösen Eiferern wie den Kämpfern für das Emirat in Irak und Syrien (Dawlat al-ʾIslāmiyya fi al-'Iraq wa-l-Sham) und der Nusra-Front (Jabhat an-Nuṣrah li-Ahl ash-Shām) hält der Marxist jedoch rein gar nichts. "Lieber leiden wir weiterhin unter dem unsäglichen Regime als unter einer Sharia-Herrschaft der Djihadisten."
Adam, ein junger Mann aus Harasta, einem Außenbezirk von Damaskus, kämpft mit der Freien Syrischen Armee gegen die Truppen des Regimes. Mit dem Fahrrad ist er auf verschlungenen Wegen in einen Bezirk von Damaskus gefahren, wo wir uns nachts heimlich treffen können.
Er behauptet, die Rebellen kontrollieren trotz der Stellungsverluste in al-Qusayr und Homs immer noch 70 Prozent der ländlichen Gebiete Syriens. Er erzählt mir, daß dies weder ein Bürgerkrieg sei noch eine internationale Verschwörung gegen Syrien, sondern das gewaltsame Niederschlagen eines einst friedlichen Protests gegen ein gewalttägiges und willkürliches Regime. "Die Armee geht mir aller Härte und Gewalt gegen alle Aufständischen vor, die für Freiheit, Würde und Gleichheit kämpfen", sagt der junge Mann. "Was wir heute in Syrien erleben, ist das Niedermetzeln der Zivilbevölkerung."
In einer kleinen braunen Plastiktüte ist alles, was der junge besitzt: ein Pyjama, eine Haarbürste, eine drei Monate alte und zerflederte Ausgabe der "Financial Times" vom 3. April diesen Jahres, die er wie seinen Augapfel hütet, als ob sie eine wertvolle Antiquität wäre. Adam umgeht die Checkpoints so gut er kann und ist nachts nicht viel auf den Beinen. "Ich habe kein Haus mehr, in das ich zurückehren kann. Mein Viertel in Harasta ist komplett zerstört", berichtet Adam. Seine schwarze Stoffhose hat Löcher. Sein Hemd ist zerknittert und dreckig. "Ich entschuldige mich für meine Erscheinung", sagt er. "Ich bin obdachlos und ohne Arbeit. Mein Haus in Harasta wurde von der Syrisch-Arabischen Armee zerstört. Ich bin nur nach Damaskus gekommen, um mich mit Dir zu treffen."
Als ich ihn frage, ob er mich nach Harasta bringen kann, antwortet er, daß dies für mich als Nichtsyrer schwierig sei. Er versucht es trotzdem und macht ein paar Anrufe mit unterschiedlichen SIM-Karten, mit denen er Telefonverbindungen zu unterschiedlichen Rebellen herzustellen versucht. Er sagt, die SIM-Karten seien registriert auf die Namen von Syrern, die bereits gefallen seien, und deren Telefonrechnungen aber weiterbezahlt würden, um mit ihren SIM-Karten heiße Nummern anrufen zu können. Nach dem Gespräch fährt er wieder zurück in die von der Freien Syrischen Armee angegriffenen Gebiete um weiter zu kämpfen für die Befreiung Syriens von der Diktatur Bashar al-Asads.
Neben der innersyrischen Opposition, die sich im Untergrund und im bewaffneten Kampf befindet, gibt es auch eine außerparlamentarische Opposition, die in Syrien mit friedlichen Mitteln gegen das Regime kämpft und nach erzwungenen Reformen vom Regime als legal eingestuft wird.
Zu diesem legalen Arm der Opposition gehört die im September 2011 von säkularen Dissidenten und jungen Aktivisten der Zivilgesellschaft gegründete "Bewegung zum Aufbau des syrischen Staats" (al-Tayar). Ihr Hauptziel war von Beginn an, als Nichtregierungsorganisation zwischen den verfeindeten Lagern der tief gespaltenen syrischen Gesellschaft zu vermitteln.
Das Damaszener Büro von al-Tayar versteckt sich in einer kleinen Seitenstraße unweit des italienischen Krankenhauses. Das Gebäude liegt von der Straße aus nicht einsehbar hinter einer hohen Mauer und kein Hinweisschild gibt Aufschluß auf die Nutzer dieser Immobilie. "Das ist leider notwendig", erläutert Louay Hussein. "Denn es hat Anschläge auf unser letztes Büro gegeben." An dem vorherigen Standort explodierte sogar eine Bombe. Seitdem wird die neue Anschrift geheimgehalten.
Louay Hussein hat alle verlockenden Angebote ausgeschlagen, ins Exil zu gehen und sich dort dem "Syrischen Nationalrat" anzuschließen. Dabei hätte er guten Grund, vor dem syrischen Regime zu fliehen. Der 1960 in Damaskus geborene Alawit hatte in seiner Geburtsstadt Philosophie studiert und war Kommunist geworden, als ihn das Regime von 1984 bis 1991 ins Gefängnis warf. Wieder auf freiem Fuß, schlug er sich zunächst als Bäcker durch, begann zu schreiben und gründete seinen Verlag "Dar Petra". Auch ein jahrzehntelanges Reise- und Schreibverbot brachen das Rückgrat des Dissidenten nicht, auch dann nicht, als die Regierung den staatlichen Stellen jeglichen Kontakt mit seinem Verlag untersagte.
Als am 15. März 2011 in Dara'a die ersten Proteste stattfanden, war er, ebenso wie in den Tagen danach, unter den Organisatoren der friedlichen Kundgebungen, und er unterrichteten die internationalen Medien über die Ereignisse. Am 21. März 2012 wurde er verhaftet, die Geheimdienste stellten sein Haus auf den Kopf, Anfang 2012 konnte er seinen ebenfalls bedrohten zwei Töchtern Asyl in einem EU-Land verschaffen. Da er sich konsequent gegen den gewaltsamen Sturz des syrischen Regimes ausspricht, ist er für sie kein gefragter Gesprächspartner mehr. Auf die Frage was er von der Zerstörung der syrischen Chemiewaffen halte, entgegnet Hussein, daß diese Abrüstungs-Maßnahme von Vorteil für alle Akteure in diesem Konflikt sei, ganz besonders aber für Syrien, das nun keinen Anlaß mehr für die Androhungen von Militärschlägen biete. Auch wären die Chemiewaffen dem Regime nicht mehr wirklich nützlich gewesen, weil es sie aufgrund der internationalen Ächtung nicht ohne weiteres hätte einsetzen können, ist Hussein überzeugt.
Daß die Zerstörung der Chemiewaffen das Regime am Ende stärkt und nicht schwächt, begründet Hussein mit den Worten: "Es stärkt das Regime, denn ein ansonsten unumgänglicher Militärschlag hätte das Regime definitiv viele militärische Verluste gekostet."
Ob er sich denn völlig sicher sei, daß nun kein Militärschlag gegen Syrien mehr ansteht? "Wir sind von Anfang an immer davon ausgegangen, daß es niemals einen solchen Militärschlag gegen Syrien geben würde", ist sich Hussein gewiß. "Denn ein solcher Militärschlag wäre nicht wirklich zum Vorteil der USA und Israel. Außerdem würde nicht so viel Anstrengung in eine zweite Genfer Konferenz investiert werden, wenn man das Regime anstelle von Verhandlungen wirklich so einfach wegbomben könnte."
Der parlamentarischen Opposition in Syrien gehören zwei Parteien an, die Syrische Soziale Nationalistische Partei (SSNP), auf arabisch: al-Ḥizb as-Sūrī al-Qaumī al-Iǧtimāʿī, und die kommunistischen Partei des Volkswillens (Ḥizb irādat asch-Schaʿb).
Zwischen allen Stühlen sitzt Nazih Abu Afash, der berühmteste Dichter Syriens, weil er sowohl das Regime als auch die Revolution kritisiert. Abu Afash wohnt die eine Hälfte des Jahres in Syrien, die andere Hälfte im Libanon, und unterstützt die extrem nationalistische SSNP, die in Syrien und Libanon aktiv ist. Die SSNP tritt für die Gründung eines Nationalstaats ein, der das heutige Syrien, den Libanon, die türkische Provinz Hatay und Israel umfaßt. In Syrien wurde die SSNP in den frühen 1950er-Jahren eine politische Kraft, sie wurde aber bis 1955 völlig unterdrückt und erst 2005 legalisiert, als sie in die von der syrischen Baath-Partei (hizb al-baʿth al-ʿarabī al-ischtirākī) geführte Nationale Fortschrittsfront (al-Jabha al-waTaniyyah at-taqaddumiyyah) eintrat. Mit vielleicht 90.000 Mitgliedern ist sie die größte legale Partei Syriens, abgesehen von der Baath-Partei. Die SSNP verfügt über vier von 250 Sitzen im syrischen Parlament und gehört der legalen innersyrischen Opposition an seit sie 2012 aus der 1972 gegründeten Nationalen Fortschrittsfront austrat und sich mit der Partei des Volkswillens zusammenschloß zur oppositionellen Volksfront für Wandel und Freiheit (al-Jabha asch-Scha'bia li t-Taghyir wa t-Tahrir). Dennoch bekleiden zwei ranghohe Führer dieser oppositionellen Volksfront Ministerämter im Kabinett von Assads Gnaden. Qadri Jamil, Vorsitzender der Partei des Volkswillens, ist seit Juni 2012 Stellvertretender Ministerpräsident für Wirtschaftsangelegenheiten und Ali Haidar, der syrische Parteivorsitzende der SSNP, seit Juni 2012 Staatsminister für syrisch-nationale Versöhnungsangelegenheiten.
Es ist halt nichts schwarz-weiß bei der legalen Opposition in Syrien, die Übergänge zwischen legaler Opposition und Regierung sind fließend, man redet miteinander, man braucht einander. Das Regime zeigt die legale Opposition stolz im Ausland vor als Beweis für angebliche Meinungsfreiheit und politischen Pluralismus in einem der grausamsten Polizeistaaten der Welt. So sagte Bashar al-Assad dem Spiegel vom 7. Oktober: "Natürlich gibt es eine Opposition hier im Lande – wo gibt es die nicht?" Und die legale Opposition ist auf die Gunst des Regimes angewiesen, um nicht eingekerkert zu werden oder in den Untergrund gehen zu müssen, so wie es Riad al-Turk tun muß, ein Führer der innersyrischen Fundamental-Opposition und Demokratieaktivist der ersten Stunde, der in Syrien auch "Weiser Mann der syrischen Opposition" genannt wird. Er war für über 20 Jahre im Gefängnis. Von der Gründung 1973 bis 2005 war er zudem Generalsekretär der Syrisch-Demokratischen Volkspartei (Hizb Al-Sha'ab Al-Dimuqratiy Al-Suriy), die bis 2005 besser bekannt war als Syrische Kommunistische Partei des Politbüros. Von Riad al-Turk heißt es, er schlafe keine Nacht am gleichen Ort. Nur wenige engste politische Vertraute stehen mit ihm in Kontakt. Würde das Regime seiner Habhaft, würde der 1930 in Homs geborene Oppositionelle sofort wieder ins Gefängnis wandern.
Das Problem von Abu Afash ist, daß er als SSNP-Unterstützer bei der Exil-Opposition, vor allem dem Syrischen Nationalrat, als Regimetreuer verhaßt ist. Das Regime selber lehnt Abu Afash wegen seiner mehr als deutlichen Regime-Kritik jedoch ab, nennt ihn einen "Nestbeschmutzer". Als ich Hussein Ibrahim, ein Berater des früheren Präsidenten Hafez al-Assad, erzähle, daß ich zu Abu Afash fahren will, flippt dieser ansonsten in sich ruhende Naturwissenschaftler völlig aus: "Was wollen Sie denn bei dem? Die Fahrt können Sie sich sparen. Den zu interviewen, da kommt nur Mist raus!" Trotzdem ließ ich mich nicht abhalten und bin ohne Genehmigung und unter erschwerten Bedingungen nach Marmarita gefahren.
Marmarita ist ein kleines christliches Bergdorf mit 200 Einwohnern im Gouvernement Homs im Westen Syriens. Von seinen Hügeln aus kann man die libanesische Grenze sehen, die nur wenige Kilometer entfernt liegt. Wenige Kilometer westlich beginnt das Gouvernement Tartus. Der Ort liegt in den südlichen Ausläufern des Jebel Aansariye, kurz bevor das Bergland jenseits des Nahr al-Kabir, des libanesisch-syrischen Grenzflusses, ins Libanongebirge übergeht. Marmarita ist wahrscheinlich das größte Dorf im Wadi Al-Nasarah („Tal der Christen“) mit einer überwiegend griechisch-orthodoxen Einwohnerschaft. Es war vor dem Krieg im Sommer ein beliebtes Ausflugsziel und ist nördlich vom Krak des Chevaliers (Qalʿat al-Ḥuṣn) nur auf einer Bergstraße erreichbar, die oft von islamischen Extremisten angegriffen wird. Nur ein "Service" genannter weißer Kleinbus fährt pro Tag von Homs nach Marmarita. Der Kleinbus hat zehn Sitze, doch wir saßen zu Zweiundzwanzig in dem Bus. Ich habe keine Ahnung wie das möglich war, aber es hat funktioniert, in dem wir uns in den kleinen Bus quetschten und aufeinander auf dem Schoß saßen. Über den Bus flogen während der Fahrt Raketen, die glücklicherweise neben der Straße einschlugen und Felder und Palmen entflammten. Auch in den Ortskern Marmarita rücken regelmäßig djihadistische Kämpfer vor, die das Feuer auf Häuser und Restaurants eröffnen. Daher fährt zur Zeit niemand, der es nicht wirklich muß, nach Marmarita. Die männlichen Einwohner von Marmarita haben sich alle bewaffnet, um ihre Familien zu beschützen.
Bevor ich mit dem Interview beginnen darf, schwärmt Abu Afash erst einmal Stundenlang bei einer Flasche selbstgebranntem Araq von klassischer Musik und führt mir seine Lieblingsstücke über den Lautsprecher seines Handys vor, darunter Lieder von Johann Sebastian Bach, "Komm, süßer Tod, komm, selge Ruh!/O Welt, du Marterkammer,/ach! bleib mit deinem Jammer/auf dieser Trauerwelt,/der Himmel mir gefällt,/der Tod bringt mich darzu./Komm, selge Ruh!" und Streichquartette von Joseph Haydn, das Lerchenquartett, das Vogelquartett und das Sonnenaufgangsquartett. Dann erst beginnt Nazih Abu Afash über Politik zu sprechen. Er erzählt, daß er schon immer seine Stimme kritisch gegen das Regime erhoben habe. Aber auch den Aufstand, der im Frühjahr 2011 begann, habe er von Anfang an kritisiert, zum Beispiel in einem viel beachteten Interview mit der libanesischen Zeitung „al-Safir“. Er sagte damals „al-Safir“: „Wenn eine Demonstration aus der Moschee kommt, dann marschiere ich nicht mit. Eine Revolution sollte von einem öffentlichen Platz ausgehen, der keine Minderheiten ausschließt. In der Revolution gibt es viele Islamisten, die mir angst machen.“
Vielleicht ist es diese Angst, die Nazih Abu Afash empfindet, die ihn dazu hinreißen laßt Sätze zu sagen wie diesen hier: "Bashar al-Assad ist der neue Salvador Allende." Aber vielleicht hatte Abu Afash zu diesem Zeitpunkt auch schon etwas zu viel von dem selbstgebranntem Araq getrunken.
Auch an der Exil-Opposition läßt Abu Afash kein gutes Haar. Er kann sich richtig aufregen über Michel Kilo von der Syrischen Demokratischen Plattform, ein bekannter Journalist aus Latakia, der für die libanesische Zeitung an-Nahar schreibt, von 2006 bis 2009 im Gefängnis saß und seit Mai 2013 einer von 60 Mitgliedern der Nationalen Koalition der syrischen Revolutions- und Oppositionskräfte ist, die im November 2012 in der katarischen Hauptstadt al-Doha gegründete wurde. Abu Afash sagt über Kilo: "Michel ist mein Freund, ich respektiere ihn als Menschen und als Politiker, doch jetzt redet er nur noch Quatsch und ist ein Hotel-Oppositioneller außerhalb Syriens geworden, der das Geld von Saudi-Arabien nimmt und nach der Pfeife von Bandar bin Sultan tanzt." Bin Sultan ist der Generaldirektor des berüchtigten Saudischen Geheimdienstes."
Und über Burhan Ghaliun, den französisch-syrischen Soziologieprofessor an der Sorbonne, der ab August 2011 der erste Vorsitzende des Syrischen Nationalrates war, spottet er: "Burhan ist ein typisch Pariser Café-Oppositioneller."
Das ist das Dilemma der syrischen Opposition. Die Exil-Opposition mißtraut der innersyrischen Opposition und die innersyrische Opposition verachtet die Exil-Opposition als Hotel- und Café Oppositionelle, die sich und ihre Familie in Sicherheit gebracht haben. Der nasseristiche Oppositionelle Rajaa al-Nasser, Generalsekretär des Nationalen Koordinationskomitees für Demokratischen Wandel der syrischen Kräfte (هيئة التنسيق الوطنية لقوى التغيير الديمقراطي), kommt aus Aleppo, ist bis heute in Syrien geblieben und hat seinen Sohn im Krieg verloren. Ahmad al-Dscharba aus Qamishli, Präsident der Nationale Koalition der syrischen Revolutions- und Oppositionskräfte, sowie George Sabra aus Qatana, Präsident des Syrischen Nationalrats, haben sich und ihre Familien ins Ausland und somit in Sicherheit gebracht. Die Exil-Oppositionellen bezahlen für die Revolution in Syrien nicht mit ihrem eigenen Blut, sondern geben das Geld der Golfstaaten in Europa aus, lauten die Vorwürfe innersyrischer Oppositioneller.
In seinem Berggarten pflückt Abu Afash eine weiße Pelargonium-Blüte und schenkt sie mir zum Abschied. Ich fahre mit der Blüte in meiner Hand bis Damaskus währenddessen wieder Raketen neben der Straße einschlagen.