*SPOILER für alle, die Band 1 noch nicht gelesen haben*
Bonuskapitel I: Wettschulden sind Ehrenschulden!
„Boah, Tim, das macht echt keinen Spaß, wenn du dauernd gewinnst…“
Vor lauter Frust hätte Paul den Controller seiner Spielekonsole am liebsten einmal quer durch den Raum geworfen. Nur leider hatte er kein Geld für einen Neuen, also beherrschte er sich.
Eigentlich war er immer der Meinung gewesen, er sei ganz gut in Super Smash Bros., aber gerade war er vernichtend geschlagen worden. Dreimal hintereinander. Dabei hatte Tim sich anscheinend nicht einmal angestrengt und freute sich auch nicht besonders darüber, dass er so oft gegen ihn gewonnen hatte.
Vom Flur drang die Stimme des alten Mr. Gibson hinüber, der gerade mit seinen Enkeln telefonierte. Ansonsten war es ruhig in der Pension, alle anderen Bewohner waren noch unterwegs. Meistens wurde es wieder lebhafter, wenn es Zeit fürs Abendessen war und Annie in der Küche werkelte, während alle nach einem langen Tag wieder im Haus eintrudelten. Paul hatte sich bei seinem Umzug nach Melton Hill hier eingemietet, weil es günstig war und er nicht allein wohnen wollte, doch mittlerweile waren ihm die Pension und ihre Bewohner richtig ans Herz gewachsen.
Tim, der neben ihm auf der Couch saß, ließ langsam seinen Controller in den Schoß sinken und sah hinüber zur Wohnzimmertür, dann zu der großen Uhr über dem Fernseher.
„Das dauert noch“, meinte Paul und überlegte, ob sein Ego eine vierte Niederlage verkraften könnte, „Kat braucht immer ewig. Wenn sie sagt, ›Bin nur kurz duschen!‹ kannst du dich mindestens auf eineinhalb Stunden Wartezeit einstellen.“
„Eineinhalb…“, wiederholte er fassungslos, „Dann hätte ich doch einfach später zum Lernen kommen können!“
„Na ja, ihr hattet zusammen Schicht im Café, hat sich doch angeboten, dass du direkt mitkommst.“ Paul entschied, dass sein Ego heute stark genug war und startete ein neues Spiel. Tim griff sofort wieder seinen Controller mit beiden Händen und sah auf den Bildschirm.
„Ich hätte eine Menge sinnvollen Kram in der Zeit machen können“, maulte er dabei.
Paul kicherte amüsiert. Tim war immer so ernst, deswegen hatte es ihn überrascht, dass er überhaupt gerne Videospiele spielte. Und dann auch noch so gut darin war! Er hatte sich mittlerweile an Tims Gesellschaft gewöhnt und fand es nicht schlecht, dass noch jemand in seinem Alter Zeit in der Pension verbrachte. Auch wenn er und Tim grundverschieden waren.
„Entspann dich ab und zu mal etwas, sonst kippst du vor lauter Erschöpfung ins Grab, noch bevor du deinen Abschluss hast.“ Paul wusste, dass Tim zwei Jobs neben der Uni hatte und sich wirklich verdammt anstrengte, gute Noten zu haben. Obwohl es sicherlich auch half, dass er ein schlaues Köpfchen war. Außerdem motivierte er Kat, sich wieder mehr auf die Vorlesungen zu konzentrieren und zu lernen.
Nach außen wirkte Tim immer sehr reserviert und ruhig, doch Paul wusste, dass es da etwas gab, was ihn immer völlig aus der Bahn warf. Oder besser gesagt, jemanden.
„Wir sind wieder daaa-haaa!“
Die Eingangstür der Pension wurde mit lautem Getöse aufgerissen und Coralies Stimme hallte durchs ganze Haus. Ohne Cora war die Pension einfach nicht dasselbe.
Tim sank sofort tiefer in die Couchpolster und schien sich regelrecht wegducken zu wollen. Den Spaß wollte Paul sich nicht entgehen lassen.
„Wir sind im Wohnzimmer!“, rief er zurück, während Annie mit Einkaufstaschen an ihnen vorbei zur Küche lief.
„Hallo Jungs“, sagte sie dabei mit einem fröhlichen Lächeln.
Niemand nannte Annie bei ihrem Nachnamen und sie sah Tim auch jedes Mal vorwurfsvoll an, wenn er das tat, hatte es aber aufgegeben, ihm das ständig zu sagen.
Sobald Cora seine Stimme hörte, stand sie in Windeseile im Türrahmen. Sie trug noch ihre Jacke und die Einkaufstaschen, ihre Wangen waren gerötet und ihr Blick war auf Tim fixiert.
„Tim! Du bist hier!“, entfuhr ihr eine Begrüßung, bei der sie über das ganze Gesicht strahlte.
„Ich warte nur auf Kathrin, wir wollten lernen“, erklärte Tim und es war ihm sichtlich unangenehm, dass Cora jedes Mal so auf ihn reagierte, sobald sie ihn erblickte.
„Cora, stell dir mal vor, er hat mich schon dreimal bei Smash Bros. besiegt“, sagte Paul mit theatralischer Dramatik in der Stimme und hielt Cora seinen Controller entgegen, „Hilfst du mir?“
Cora vollführte eine blitzschnelle Bewegung, bei der sie ihre Einkaufstaschen fallen ließ, den Weg bis zur Couch anscheinend überwand, ohne den Boden zu berühren und dann einen Purzelbaum über die Rückenlehne vollführte, um genau zwischen Tim und Paul auf den Sofakissen zu landen. Sie griff nach Pauls Controller, setzte ein breites Grinsen auf und meinte:
„Okay, der Gewinner bekommt ein Date mit Tim.“
Völlig perplex starrte Tim sie an, dann schien er sich wieder zu fangen und rutschte ein wenig von ihr weg, wobei er sofort gegen ihren Wetteinsatz protestierte.
„Das macht überhaupt keinen Sinn! Was, wenn ich gewinne, ich gehe doch nicht auf ein Date mit mir selbst.“
„Hm, na gut, dann bekommst du eben ein Date mit mir, wenn du gewinnst“, erwiderte Cora triumphierend und ohne aufzusehen, dann verpasste sie Tims Figur in dem Spiel eine üble Attacke.
„Ganz sicher nicht, wir spielen ohne Wetteinsatz!“
„Hast du etwa Schiss zu verlieren?“
„Darum geht es doch gar nicht, hörst du mir überhaupt zu?“
Egal, wie wütend Tim schien, Paul konnte nicht anders als zu lachen, die beiden waren einfach zu amüsant. Während sie weiter über den Siegerpreis diskutierten, stand Paul auf, griff nach den verwaisten Einkauftaschen und ging in die Küche.
„Hey Annie, brauchst du Hilfe beim Einräumen?“
Als alle Einkäufe verstaut waren und Annie anfing, das Abendessen vorzubereiten, schlenderte Paul zurück zum Wohnzimmer. Im Türrahmen angelehnt stand Kat und beobachtete die Szene vor dem Fernseher. Sie hatte ihre Haare noch in ein Handtuch gewickelt und obwohl sie nur Leggings und einen Pullover trug, sah sie wunderschön aus. Moment mal, war das einer von seinen Pullis? Typisch Kat, dauernd schnappte sie sich seine Klamotten und gab sie nie zurück.
Kathrin ignorierte seinen Kommentar und hielt nur einen Finger vor die Lippen, damit er leiser redete. Paul stellte sich zu ihr und sah, dass Cora und Tim mittlerweile zu Mario Kart gewechselt waren. Cora machte ihre eigenen Soundgeräusche passend zum Spiel oder summte fröhlich die Melodie mit. Tim hatte sich vornübergebeugt und fixierte hoch konzentriert den Bildschirm. Die beiden waren so in das Spiel vertieft, dass sie gar nicht bemerkten, dass sie Zuschauer hatten.
„Vier zu drei für mich!“ Cora hielt triumphierend den Controller in die Luft, während ihre Figur als erstes durch das Ziel fuhr.
„Letzte Revenge“, verlangte Tim und startete ein neues Spiel.
„Dann aber Kuhmuh-Farm!“, bestimmte Cora die Strecke.
„Weißt du“, flüsterte Kathrin Paul zu, „die beiden passen irgendwie ganz gut zusammen.“
Paul nickte. „Finde ich auch. Sag das nur nicht Tim, dann wird er sofort total verlegen.“
Für einen Moment sahen sie den beiden zu, wie sie versuchten, den Maulwürfen auf der Strecke auszuweichen.
„Meinst du, er mag sie?“, überlegte Kathrin.
„Hm, keine Ahnung, vielleicht ist sie etwas zu jung für ihn?“
„So weit sind sie jetzt auch nicht auseinander“, wandte Kathrin ein, „Außerdem scheint Tim nicht gerade erfahren mit Mädchen zu sein, könnte also funktionieren.“
„Ja, er ist bestimmt kein Player.“ Paul lachte bei der Vorstellung und Cora drehte sich zu ihnen herum.
„Hey, da seid ihr ja! Setzt euch dazu, wir holen die anderen Controller und spielen zusammen!“
Paul ließ sich nicht zweimal bitten.
„Okay, aber wenn ich gewinne, will ich ein Date mit Tim.“
„Du bekommst ‘nen Tritt in den Hintern“, knurrte Tim.
Kat setzte sich mit auf die Couch und Paul davor. Er schloss die Controller an und sie starteten gemeinsam ein neues Spiel.
Gelernt wurde an dem Abend nicht mehr.