Letzte Woche fand in Calgary das Sled Island Festival statt, ein mehrtägiges Musikfestival was sich über die ganze Stadt zieht: Während die wichtigsten Konzerte im Olympic Plaza stattfinden (also die Headliner wie Feist, The Hold Steady, Stephen Malkmus, etc.), spielen in vielen kleineren Clubs der Stadt andere Bands oder finden Workshops zu bestimmten Themen statt. Eine sehr nette Idee und deutlich weniger stressig als die europäische Drei-Tage-Schlammschlacht Festival-Variante. Auch ist es dadurch möglich, nur Tickets für bestimmte Künstler zu kaufen und nicht nur das (etwas überteuerte) Festivalticket.
Im Rahmen von Sled Island hab ich mir das Konzert von Tim Hecker angesehen. Oder ich sollte eher sagen: ich habe das Konzert erfahren. Das Ganze fand in der Hillhurst United Church statt, also einer Kirche, was dem Ganzen schon einen ganz anderen Rahmen gab (meine Assoziationen vorher schwankten von imposanter und dröhnender Orgelmusik zu ein trauriger Mann mit Pferdeschwanz und Gitarre singt Lieder über Jesus).
Die Hillhurst United Church ist insofern auch interessant, als dass sie nicht nur Konzerte in ihrer Kirche zulässt sondern generell ziemlich liberal aufgestellt ist: Ich hab mir erklären lassen dass sie zwar offiziell Christen sind, aber auch gute Ideen von anderen Religionen übernehmen und sowieso für absolute Gleichberechtigung, homosexuelle Partnerschaften, etc. sind. Die Frage ist dann nur noch: Wozu brauch ich Religion wenn ich deswegen niemand den Schädel einschlagen kann?
Aber zurück zum Konzert: Einen interessanten Anblick bot schonmal die versammelte Hipstergemeinde vor den Kirchentüren. Im Gebäude selbst sah das Ganze natürlich noch seltsamer aus, aber es war trotzdem lustig zuzuschauen, wie das Publikum um sich vor dem Konzert die Zeit zu vertreiben sich gegenseitig die witzigsten Stellen aus den ausliegenden Gesangsbüchern vorlas und dazu rumprustete.
Tim Hecker's Vorband war CFCF, dessen Sound leider ziemlich grottig und zu leise war. Seine Instrumentierung bestand aus einem Keyboard, das durch ein Macbook und wahrscheinlich sowas wie Ableton Live durchgeschleift wurde. Das meiste Zeug war instrumental, manchmal sang er aber auch. Vermutlich gar nicht so übel, aber wie gesagt, schlechter Sound.
Tim Hecker selbst war dafür deutlich beeindruckender: Auf der Sled Island Homepage wurde er als "das Beste was Ambient seit Brian Eno hervorgebracht hat" gefeiert, was bei mir aber eher Assoziationen an Fahrstuhlmusik aufkommen ließ. Hecker macht tatsächlich Musik die sich wohl noch am ehesten als "Ambient" bezeichnen lässt, aber eigentlich ihr eigenes Genre definiert (im Zweifelsfall immer: "Ambient Core"). Hier mal ein Beispiel:
Dennoch kann der Link nur einen faden Abklatsch geben, wie es ist auf einem Tim Hecker Konzert zu sein. Denn obwohl der Mann und seine zwei Boxen (s. Foto) recht unscheinbar aussahen produzierte das Trio einen dermaßenen Lautstärkepegel in den Bässen dass einem stellenweise das Atmen schwerfiel (keine Übertreibung). Vom ersten Moment an und bis zum Ende des knapp einstündigen Sets dröhnten die Bässe auf äußerst beeindruckende Weise (trotzdem waren sogar die Mitten und Höhen teilweise noch gut zu hören - bei ihm hatte der Soundcheck funktioniert). Nach ca. 10 Minuten Beschallung verließen manche Leichtbesaitetere den Raum, während den anderen eigentlich nichts übrig blieb als sich in ihr Schicksal zu fügen.
Anders als bei anderen Konzerten gab es keinerlei Einbinden des Publikums, keine Stimmung die von der Menge ausging: Jeder saß still und mit geschlossenen Augen und in seine eigene Welt versunken. Alles in allem: Schwer in Worte zu fassen aber eine unglaubliche Erfahrung. Falls ihr also mal die Gelegenheit habt, Tim Hecker live zu sehen: Unbedingt, klare Empfehlung!