Das diesjährige Berlin Festival war so voll gepackt mit Knallbonbons im Lineup, dass es natürlich gleich am Freitag mit dem ersten Knaller los ging. Die mega gehypten BΔSTILLE aus UK eröffneten bei strahlendem Sonnenschein das bunte Treiben auf dem Gelände des ehemaligen Flughafen Tempelhof. Das Festival war komplett anders aufgebaut, sodass ich selbst als erfahrener Berlin Festival Gänger Probleme mit der Orientierung hatte. Lageplan? Lageplan! Lageplan? …ist mir nicht über den Weg gelaufen…
Naja die Mainstage lässt sich ja kaum übersehen. Nachdem Bastille und vor allem Dan Smith mit seiner Wahnsinns Stimme angefangen hatten war sie auch nicht mehr zu überhören. Fast jede Band auf dem Berlin Festival hatte ein einstündiges Set, sodass die ein oder andere Newcomer Band ein bisschen ins Schlingern kam, das Set komplett auszufüllen. So spielten Bastille neben den ganzen tollen Hits von Ihrem Debüt Album „BΔD BLOOD“ noch ein Cover von den Black Eyed Peas und „Rhythm Is A Dancer“ von Snap! Letzteres Cover ist ja schon durch Youtube berühmt geworden.
Den darauf folgenden Capital Cities gings da nicht anders. Sie holten die Songs allerdings von weiter her. Das Bee Gees Cover und „Holiday“ von Madonna waren aber grenzgenial performt und kamen auch beim Publikum sehr gut an. Noch besser waren aber ihre eigenen Songs, die unter anderem in der Werbung schon zu hören waren. Zudem eigentlichen breiten Bekanntheitsgrad wurde das Publikum aber auch durch die Bühnenperformance der 4 Kalifornier angezogen. Sei es die Choreografie von beiden Sängern und Bandgründern Ryan Merchant und Sebu Simonian, als auch das körperliche Hochform bedingte Spiel von Trompter Spencer Ludwig.
Bei „Center Stage“, meinem absoluten Lieblingssong von CC, durften wir sogar mitmachen. Das niemand gefilmt hat, wie ca. 2000 Leute im Publikum den Capital Cities Shuffle tanzen ist eine Sünde. Das muss so lustig ausgesehen haben! (zwei Schritte nach links, klatsch, zwei Schritte nach rechts klatsch klatsch, um die eigene Achse gedreht und den Finger schwingend)
Die letzten 10 Minuten, denn die Songs reichten nur für 50 Minuten, feierten sich die Jungs selbst mit einem Remix von „Safe and Sound“ und das Publikum rastete komplett mit aus. Und das alles schon am frühen Nachmittag!
Ob The Sounds jetzt wirklich dazwischen gepasst haben, wage ich ja zu bezweifeln, aber sie haben mit dem für Oktober angekündigten neuen Album „Shake Shake Shake“ eine gewisse Daseinsberechtigung auf einer Festivalbühne (von den legendären Festivalauftritten der letzten Jahre mal abgesehen). Das Publikum war aber nicht das vom Hurricane, dementsprechend etwas verhaltener. Wobei sich Maja Ivarsson redlich Mühe gab die ungeteilte Aufmerksamkeit einzufordern, indem sie Ihren Rock, der eindeutig das potenzial hatte alles zu verdecken immer wieder soweit hoch rutschen ließ, dass man auch noch in der 10 Reihe ihren Schritt einsehen konnte. Obenrum erinnerte sie mich ein bisschen an eine übertrieben charakterisierte, böse, Männer fressende Schulleiterin. Zudem hatte sie ordentlich einen hocken was ihrem Auftritt die gewisse Professionalität nahm. Trotzdem sind The Sound live immer zu empfehlen. Schön war auch, dass sie neben sehr wenigen neuen Songs vor allem die guten alten Klassiker spielten für die ihre Fans sie lieben. Mein persönliches Highlight war natürlich die brennende Zigarette, die auf meinem Arm landete: When Maja Ivarsson throws a burning cigarette on you – smoke it! B)
Fenech-Soler spielten dann auf einer der Hangarbühnen. Sie haben im Prinzip kein Problem ein einstündiges Set auszufüllen, denn das neue aber noch nicht erschienen Album „Rituals“ war schon ordentlich auf der Setliste vertreten. Allerdings kommen die mit ihrer zugewiesenen Umbaupause immer nicht so ganz zurecht. Wobei es viele Instrumente hin- und einzustellen gilt, die dann möglichst so an den Rand gedrängt werden, dass Sänger Ben Duffy noch genug Platz hat um während der Performance wie ein Flummi von einer Ecke in die andere zu springen. Die ausgestrahlte Euphorie springt auch gleich zum Publikum über, sodass zu den Refrains der schon bekannten Songs ein munteres gespringe das Gesamtbild dominierte.
Bei der aktuellen Single „All I Know“ erreichte der übermut seinen traurigen Höhepunkt, als nach übergriffen auf die Bühne durch das Publikum und einem stehenden Crowdsurfer Bens In-Ear-Monitor den Fluchtversuch startete und er den ganzen Song brauchte um sich wieder zu verkabeln, ohne den eigentlich Ablauf zu unterbrechen. Ein Kunststück, dass ihm leider nicht gelang (an dieser Stelle greife ich mal vorweg: Wenn Ellie Goulding so etwas passiert, kommt extra einer auf die Bühne und fummelt ihr solange am Arsch rum bis alles wieder sitzt).
Trotz meiner nicht besonders objektiven Wahrnehmung, was diese Band angeht, bin ich aber der Überzeugung, dass sich unter der zwei dritteln des Publikums die Fenech-Soler vorher noch gar nicht kannten, am Ende ein paar neue Fans befanden.
Danch habe ich mir eine kleine Pause gegönnt bin aber in der Nähe der Hangars geblieben um den Pet Shop Boys soweit wie möglich aus dem Weg zu gehen. Nach Fenech-Soler machten noch Dumme Jungs ihr DJ Set und führten den Elektronischen Dauergrundton auf dem Tempelhof weiter, der sich so durch die Tage brummte: #€LL¥€$
In der ersten Reihe war dieser offensichtlich nicht ganz unabsichtlich viel zu tiefe, viel zu laute Bass dezent gehörschädigend…
Neben dran war das diesjährige Art Village, eine Fortsetzung zu dem bereits letztes Jahr durchgeführten Kunstprojekt mit viel Gekritzeltem, Gebasteltem, Handwerkskunst, Tanzkunst und anderen Performences.
Ein bekannter Stifte-Hersteller hatte viele seiner Filzstifte ausgelegt und Blanko-Masken dazu. Dort herrschte den ganzen Tag ein reges Treiben. Mehr oder weniger kreativ, bemalten alle eifrig ihre Masken wie eine Bastelgruppe im Kindergarten. Am Ende hatte bestimmt jeder zweite auf dem Festival seine eigene Maske und es waren durchaus eindrucksvolle Exemplare dabei.
Das gekrönte Highlight des ganzen Festivals und Grund für Besucher aus ganz Europa waren Freitagsheadliner Blur. Die bekannte Brit-Pop Band spielt seit ein paar Jahren wieder vereinzelnd auf großen Bühnen auf. Als ich selbst Blur entdeckte waren ihre aktiven Jahre bereits beendet, deshalb genoss ich nun jeder einzelne Sekunde dieses Konzertes und es war großartig. Demon Albarn ist ein Wahnsinns Entertainer und ein ganz großer Musiker und dabei so am Boden geblieben, dass er auch von der Bühne herabsteigt um fast einen ganzen Song in den Armen des Publikums zu Singen. Jeder einzelne Song lief mir wie ein warmer Schauer über den Rücken.
Natürlich warteten die Meisten auf „Song Two“ und natürlich kam der ganz zum Schluss, weil dieser eher punkige Song mit dem Rest von Blur wenig zu tun hat. Und natürlich war das Konzert dann zu Ende und viel zu kurz. Ich kann jetzt aber sagen Blur einmal gesehen zu haben und in frieden sterben!
Damit hatte der Tag, der durchgehend so graßartig war, einen würdigen Abschluss gefunden.
Am Samstag bin ich nicht so früh auf das Gelände mit der Erwartung ab um 5 Ellie Goulding zu sehen und auch den Orsons weit, weit aus dem Weg zu gehen. Zum Glück war ich dann aber doch schon kurz vor 4 da, denn offensichtlich waren alle Bands (war eine ausgefallen?) eine Stunde nach vorne gerutscht. Eine Benachrichtigung gab es nicht. Na wenigstens die Verschiebungen im Hangar 4 durch das Wegfallen von Delphic wurden ausreichend kommuniziert. Kurzum, Ellie Goulding stand kurz nach 4 auf der Mainstage mitsamt ihren an den hinteren Bühnenrand aufgereihten Musikern. Tja also Ellie Goulding ist live gar nicht mal soo gut. Sie performt zwar, aber ein bisschen zu affektiert, sie singt toll, aber ebenfalls ein bissen zu affektiert – irgendwie ist die Sache gar nicht rund, Hype hin oder her.
Da haben mich die folgenden White Lies doch mehr beeindruckt. Sänger Harry McVeigh gewann mit den Jahren zunehmend an Selbstbewusstsein. So schmetterte er auch die Songs des mittlerweile dritten Studioalbums „Big TV“ mit seiner berühmten tiefen Stimme über das Festivalgelände. Der viel zu laute zu intensive Bass blieb bestehen, sodass ich bei einer dermaßen sonoren Band nun wirklich langsam um mein Hörvermögen bangte.
Da die White Lies auch nicht so in das ziemlich elektrolastige Lineup passten war ich erstaunt, wie viele echte White Lies Fans in den vorderen Reihen vertreten waren und die neuen Songs textlich besser drauf hatten als Harry himself, der auch schon mal ablesen musste. Bei den Millionen anderen Sympathiepunkten viel das aber nicht weiter ins Gewicht.
Dadurch, dass auf der Mainstage alles früher begann, auf dem Hangar 4 aber eher nur eine längere Pause entstand, wo eigentlich Delphic spielen sollten, hatte ich bis zur nächsten wichtigen Station ordentlich Zeit. Aber bei soviel Halligalli und dermaßen schönem Wetter konnte man die freie Zeit durchaus genießen. Das Berlin Festival 2013 war übrigens das Festival mit dem besten Wetter auf dem ich dieses Jahr war. Verrückt!
Als sich die Sonne dem Abgrund näherte war die richtige Tageszeit für die düstere elektropop Brasilianerin Dillon gekommen. Wäre sie nicht sehr dicht an das Publikum ran getreten hätte ich ihr Gesicht in der Dunkelheit überhaupt nicht gesehen. Die Wahlberlinerin zeigte sich schwer beeindruckt von ihrem Publikum, dass bei den Hits „Thirteen Thirtyfive“ und „Tiptapping“ eine großartige Mitsingleistung hinlegte. Da bekam nicht nur sie Gänsehaut. Danach war Dillon völlig aus dem Häuschen und hüpfte nur noch wo sie vorher andächtig Schritt. Sie umarmte ihren Mitmusiker/DJ mitten auf der Bühne, noch bevor er nach dem Set von dieser verschwinden konnte. Ein herzergreifendes Bild!
Die Klaxons erweckten das Publikum aus der seligen Trance in die Dillon es zuvor versetzt hatte (könnte man so sagen, aber in Wirklichkeit ist nach jedem Gig vor jeder Bühne quasi ein 90%iger Publikumsaustausch).
Auch die Klaxons wollen bald mal mit einem neuen Album um die Ecke kommen (wann, wie, wo ist noch nicht herauszufinden).
Allerdings wurden sie schon nach der Hälfte des Sets jäh durch technische Probleme gestoppt. Das Publikum klatschte und Sang komplette 5 Minuten durch, sodass im Prinzip keine Pause entstand. Schon wieder hatte das Publikum des Berlin Festivals ein paar Musiker völlig geflash. Ja man!
Die neuen Songs taten der Stimmung auch weiter keinen Abbruch den sie reihten sich in die Klaxons Hits ein als wären sie schon immer da gewesen. Das waren ziemlich starke, laute, tanz hüft und rumbrüll 60-Minuten. Da habe ich mich zum Abschluss noch mal richtig gewasted, sei es „Hopp-hopp-rin-in-Kopp“, Konfetti oder Glitzer. Danach war meine Stimme mal wieder im Eimer, ich völlig durchgeschwitzt und bereit für den Abflug vom Tempelhof. Ich tänzelte noch ein wenig über das Gelände zu den Beats von Fritz Kalkbrenner und verabschiedete mich dann, bevor der große Ansturm auf die Shuttlebusse zur Festivalerweiterung Club X-Berg losging.
Dieses Jahr habe ich es wieder nicht zu Silent Disco geschafft. Zum Einen bin ich nach so einem langen Tag volle Konzerte immer total erledigt, zum Anderen haben mich aber auch die 20 € Pfand für die Kopfhörer ziemlich abgeschreckt. Soviel hatte ich gerade mal insgesamt mit auf Gelände genommen!
Im Großen und Ganzen war das diesjährige Berlin Festival sehr nach meinem Geschmack und ich möchte keines der Konzerte verpasst haben, die ich gesehen habe. Die Organisation war dieses Jahr wieder ein bisschen besser geworden. Das Berlin Festival hat also bald nicht nur die most maga Linups sonder auch ein most mega Gelände mit allem drum und dran! Herzlichen Glückwunsch!