"Eine Kathedrale des Lichts..." (Albert Speer)
"The spectacle is not a collection of images, but a social relation among people, mediated by images." (Debord)
Baudrillard nennt es Hyperrealität. Er hat nicht unrecht mit seiner Beobachtung; tatsächlich schieben sich Zeichen und Simulationen immer mehr in den Vordergrund unseres Erlebens von Welt, unserer Erfahrung, unserer Iche. Aber das muss nichts schlimmes sein, wie Deleuze betont. Problematisch wird es nur, wo die Macht diese Simulationen instrumentalisiert; oder, wo wir diese Simulationen benutzen, um unsere seins-fetischistischen Illusionen zu verstärken. Manche sagen, beide Aspekte wären ein und derselbe...
"The reality principle coincided with a determinate phase of the law of value. Today, the entire system is fluctuating in indeterminacy, all of reality absorbed by the hyperreality of the code and of simulation. It is now a principle of simulation and not of reality, that regulates social life. The finalities have disappeared; we are now engendered by models. There is no longer such a thing as ideology; there are only simulacra."
"The territory no longer precedes the map, nor survives it. Henceforth, it is the map that precedes the territory - procession of simulacra - it is the map that engenders the territory.
simulacra is the model of reality. But it is no longer a question of either maps or territory. Something has disappeared: the sovereign difference between them that was the abstraction's charm."
Das Bild ist jetzt die einzige Realität. Was nicht auf einem Bild ist, ist nicht. Das ist keine ontologischer, sondern ein durch und durch sozialer Zustand. Nun ist es aber so, dass das soziale sich über das Ontologische gelegt hat. Die Außenwelt hat für uns nur dann Geltung, oder Relevanz, wenn sie dem Sozialen angehört bzw. in diesem erst vollständig konstituiert wird. Durch den Diskurs des Sozialen. Hier wird die Macht wirksam.
In der Hyperrealität nehmen wir wahr aufgrund der Relevanz; diese wird uns über den Diskurs vermittelt. Der Diskurs ist Text, ist Bild, ist Gerede. Außerhalb seiner ist nichts. Was wir wahrnehmen, ist vollständig von diesem Diskurs durchdrungen. Wir sehen nur noch, was längst repräsentiert wurde. Baudrillard sagt nicht einfach, die Realität wäre verloren gegangen. Aber wir nehmen von ihr nicht mehr ihre Realität wahr, sondern ihr Bild, das wir schon lange vor ihr kennen. Wenn wir den Eiffelturm besuchen, so sehen wir nicht den Turm, wie er sich uns zeigt, sondern wir sehen den Turm, wie wir ihn längst bereits aus Film und Fernsehen kennen. Was wir wahrnehmen, verliert in unseren Augen seine Gestalt an sein Abbild, oder sein Logo: es ist egal, wie eklig das Supermarkt-Essen tatsächlich aussieht, wir essen es trotzdem; vielleicht, weil wir statt seiner zu sehr noch das Bild auf der Verpackung im Gedächtnis haben.
"The real is produced from miniaturized units, from matrices, memory banks and command models - and with these it can be reproduced an indefinite number of times. The age of simulation thus begins with a liquidation of all referentials."
Aber was ist die Realität? Sie ist selbst eine Simulation, die wir durchspielen. Baudrillard ist nahe an einem Platonismus; ja, es scheint, er habe Nietzsche vergessen. Er tanzt nicht, er nihiliert.
Baudrillard ist uns bedeutsam in der Analyse der Macht und ihrer Verbindung zur zeitgenössischen psychologischen "Dominanten", der Verzweiflung.
"Disneyland (and all simulations thus) is there to conceal the fact that it is the "real" country, all of "real" America, which is Disneyland (just as prisons are there to conceal the fact that it is the social in its entirety, in its banal omnipresence, which is carceral). Disneyland is presented as imaginary in order to make us believe that the rest is real, when in fact all of Los Angeles and the America surrounding it are no longer real, but of the order of the hyperreal and of simulation. It is no longer a question of a false representation of reality (ideology), but of concealing the fact that the real is no longer real, and thus of saving the reality principle."
Die Hyperrealität ist ein Virus der Zeichen, eine krebsartige Wucherung der Zeichen, die uns das "Sein", das symbolische Universum Lacans, das Endliche Kierkegaards - sind. Hyperrealität bedeutet, dass wir die Welt nicht mehr außerhalb dieser Zeichen wahrnehmen können; wir können zwischen Natur und Kultur, Realität und Fiktion/Hyperrealität nicht mehr unterscheiden. Mehr noch - wir wollen die Hyperrealität, denn in ihr ist uns alles "besser": stärker, höher, weiter, schillernder. Eine obszöne Porno-Gesellschaft, wenn man so will.
Vergessen wir nicht: Simulationen können uns auch befreien. Aber solche, wie hier, wie heute, zumeist nicht.
Die Realität verschwindet hinter den Zeichen, die wir hemmungslos produzieren, um sie zu kontrollieren - die Zeichen der "Realität" überlagern die Wirkliche Welt. Das ist es, was Kierkegaard mit Verzweiflung des Unendlichen meinte.
Wir haben Panik und produzieren weiter und weiter. The machine. Ein Teufelskreis. Wir stellen die Probleme mit ihrer Bekämpfung her. Das sagt uns Pynchon.
Verzweiflung der Unendlichkeit: jemand anders sein wollen, woanders sein wollen. Sich Schein-Welten aufzubauen. Das psychologische Äquivalent zu, oder die innere Basis, der Moderne in ihrem Produktions- und Repräsentationswahn. Die Hyperrealität ist der Höhepunkt der Verzweiflung des Unendlichen: hier ist das Unendliche ewig gestellt. In Wahrheit, wie bei der Verzweiflung, ein narzisstischer Kreislauf um ein scheinbares Zentrum.