Michael Dreyer â Gemeinschaftsarbeiten
Badischer Kunstverein, Karlsruhe.
Dreyer eröffnet den Parkour mit einer Reihe gemalter BuchumschlĂ€ge. GroĂformatige, grob auf die Leinwand geworfene WĂ€lzer mit plausibel klingenden Titeln, die in Schönschrift auf die Buchdeckel aufgebracht sind. Das hat einen gewissen Witz. Die nachlĂ€ssige Behandlung der Malerei hat eine angenehme UnzulĂ€nglichkeit. Und doch lĂ€sst die von ihm zusammengestellte imaginĂ€ren Bilbliothek den Betrachter unbefriedigt zurĂŒck, denn das Wort (in Form der Buchtitel) drĂ€ngt sich vor das Bild. Die Schrift ist malerisch nicht gelöst, und das von den Buchtiteln eröffnete Themenfeld lĂ€uft ins bedeutungslos Bedeutungsschwere. Soweit ich mich erinnere, ging es sehr oft um Ethik, Tiere, vergangene Zeitalter und Biografien.
Im groĂen Saal vollzieht sich dann der Wandel vom Buchdeckel zum Plattencover. Das quadratische Bild einer Schallplatte funktioniert als Bindeglied zu einer Reihe von GemĂ€lden von ZahnrĂ€dern, die in der gleichen âZirkeltechnikâ erstellt wurden: Mithilfe eines an einem Zirkel befestigten Pinsel malt Dreyer exakte Kreise. Durch die Variation des Radius entstehen runde FlĂ€chen. Diese formieren sich zu ineinander greifenden ölverschmierten ZahnrĂ€dern. Der Verweis auf Grobmechanisches steht in direkter Folge des Buches, der Schallplatte. Es ist eine prĂ€digitale Welt, die hier heraufbeschworen wird.
Dann plötzlich KĂŒken, knallgelb, die wie in Chaplins âModern Timesâ auf den ZĂ€hnrĂ€dern balancieren. Beide Bildelemente sind mit der gleichen Zirkeltechnik gemalt, technisch also Verwandte. Sie stehen jedoch in klarem formalen wie inhaltlichen Kontrast zu den morastfarbenen Maschinen, deren Zweck sich nicht offenbart. Stehen diese RĂ€der still oder schweben die KĂŒken in Lebensgefahr?
Es folgt ein nĂ€chster Abstraktionsschritt: Die KĂŒken werden zu Eiern. Auf mittelformatigen fast abstrakten erdfarbenen LeinwĂ€nden blitzen sie hervor. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass die Eier die bare weiĂ grundierte Leinwand zeigen. Sie wurden nur durch Abkleben der FlĂ€che erzeugt. Die unbehandelte Leinwand ist also das Ei. Das ist schön und absolut logisch. Ob diese Arbeiten aber auch ohne den hier geschaffenen Werkzusammenhang funktionieren wĂŒrden?
Nach diesem Höhepunkt zerfranst die Schau: Obskure BĂŒcher und MĂŒnzen werden nun, in echt, in Vitrinen dargeboten. Offenbar als Verweis auf den Arbeitsprozess, denn an der Wand hinter den Vitrinen hĂ€ngen Collagen, deren Bestandteile man auch auf den Buchseiten wiederfindet. Im nĂ€chsten Raum folgen eigentĂŒmliche Verweise auf die Pariser Kommune, Napoleon, die sich nicht recht in die ErzĂ€hlung der Ausstellung einordnen lassen. Vielleicht ist hier die Abwandlung von Emile Zolas âJâaccuseâ in âJâaccĂ©lĂ©reâ der SchlĂŒssel der die TĂŒre vom vorindustriellen ins postindustrielle Zeitalter öffnet. Da hĂ€ngt âRevolutionâ in der Luft.
Im letzten Raum wiederum Collagen. Sie zeigen jeweils zwei identische PortrĂ€tfotografien z. B. von Martin Kippenberger, Hubert Fichte, Franz Josef StrauĂ, Ulrike Meinhof, Liza Minelli, Katharina Sieverding und Hanne Darboven, die einmal aufrecht und einmal auf dem Kopf stehend zu einander in Beziehung gesetzt werden. Alle Motive vereint, dass die PortrĂ€tierten eine Hand im Gesicht haben, sich den Kopf stĂŒtzen, ans Kinn fassen u.Ă€.. Die beiden Fotografien sind jeweils so platziert, das sich eine Bewegung von der Hand ĂŒber den Arm hinĂŒber auf das andere Bild ergibt. Ein Ăbergreifen vom einen PortrĂ€t auf das andere sozusagen â wie der Griff durch den Spiegel hindurch auf das vermeintlich Dahinterliegende. #badischerkunstverein #kunstkritik #ausdererinnerung #review















