Asylkrise? Asylkatastrophe.
Die Krise als Entscheidungssituation
ZunĂ€chst einmal wird die widerwĂ€rtige Wortschöpfung Asylkrise auch von jenen falsch verwendet, die damit andeuten wollen, wir â also Ăsterreich â hĂ€tte/n auf Grund der derzeitigen oder absehbaren FlĂŒchtlingssituation ein fundamentales Problem â handelt es sich doch keineswegs um eine Krise des Asyls oder des Asylrechts laut Genfer Konvention von 1951.
Die ursprĂŒngliche Bedeutung des griechischen Wortes ÎșÏÎŻÏÎčÏ war âMeinungâ, âBeurteilungâ oder âEntscheidungâ 1) und erscheint im Zusammenhang durchaus noch adĂ€quat. Die spĂ€tere Verwendung im Sinne einer âmit einem Wendepunkt verknĂŒpfte Entscheidungssituationâ 1) wĂ€re zutiefst wĂŒnschenswert, trifft jedoch weder die RealitĂ€t noch die TonalitĂ€t im kontextspezifischen Sprachgebrauch.
Vielmehr soll mit der Verwendung des Wortes Krise wohl vermittelt werden, dass es sich um eine Krankheit handle, um eine fieberhafte Krise, mit welcher Bedeutung das Wort in die deutsche Sprache eingeflossen ist. Also etwas, das möglichst bekĂ€mpft, um nicht zu sagen: ausgemerzt werden mĂŒsste. Wohin uns diese sprachlichen Assoziationen fĂŒhren und wie sie uns beeinflussen, hat unlĂ€ngst Petra Stuiber in ihrem Kommentar dargestellt. 2)
ZurĂŒck zur Definition der Entscheidungssituation: âNimmt die Entwicklung [einer Krise] einen dauerhaft negativen Verlauf, so spricht man von einer Katastrophe.â â und genau da stehen wir bereits. Im Katastrophenschutz definiert man damit Ereignisse, die âin groĂem Umfang das Leben oder die Gesundheit von Menschen [...] oder deren lebensnotwendige Versorgung gefĂ€hrdenâ 3) und die mit den regional vorhandenen KrĂ€ften (ohne Hilfe von AuĂen) nicht bewĂ€ltigbar sind.
Allerdings leiden unter dieser Katastrophe ausschlieĂlich jene, die als FlĂŒchtlinge zu uns kommen. Nicht wir. Nicht Ăsterreich, das zweitreichste Land der EU und auf Platz 11 bzw. 15 weltweit. 11)
 Nichtbewaeltigung fuehrt zur Katastrophe
Im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen â Amtsdeutsch: Bundesbetreuungsstelle Ost â waren Anfang August ĂŒber 4.000 Personen (nicht) untergebracht. An einem Ort, der fĂŒr die Beherbergung und Versorgung von 500 Menschen vorgesehen war.
Unter den 4.000 Personen waren 2.303 unter 18 Jahren, 1.698 unbegleitete Jugendliche, 227 allein reisende Frauen mit Kindern. Mehr als 1.500 Personen schliefen im Freien, davon 528 Jugendliche. 4) Die herrschenden, dramatischen ZustĂ€nde dort dĂŒrften bekannt sein und können getrost als katastrophal bezeichnet werden.
Eine Katastrophe fĂŒr die Menschen, die dort leben mĂŒssen. Und eine Krise per Definition war es fĂŒr die Verantwortlichen, allen voran die Bundesregierung, denn diese Entwicklung kam keineswegs ĂŒberraschend. Die Nicht-BewĂ€ltigung der Krise fĂŒhrte zur Katastrophe.
âVerglichen mit einigen anderen EU-LĂ€ndern werden in Ăsterreich relativ viele AsylantrĂ€ge gestellt. Das hat mehrere GrĂŒnde, liegt aber sicherlich auch daran, dass es in Ăsterreich ein insgesamt solides Asylsystem gibt. Bei uns mĂŒssen Kinder nicht auf der StraĂe leben und Asylsuchende ihr Essen nicht in den MĂŒlltonnen suchen.â
Das Zitat auf der Website des UNHCR 5) klingt in Anbetracht der aktuellen ZustĂ€nde fast zynisch. Ăhnlich die Stellungnahme des BundesprĂ€sidenten: 8)
âEs ist gewĂ€hrleistet, dass ein Asylwerber, der auf den Ausgang seines Verfahrens wartet, ein Dach ĂŒber dem Kopf und zu essen hat [...] Dies entspricht der guten Tradition Ăsterreichs als FlĂŒchtlingsaufnahmestaat und geschieht nicht nur aus der völkerrechtlichen Verpflichtung heraus.â
 Faktencheck
FlĂŒchtlinge in Ăsterreich 55.600
FlĂŒchtlinge in der TĂŒrkei 1.590.000
FlĂŒchtlinge weltweit 59.500.000
Aufnahme von FlĂŒchtlingen aus Syrien in Ăsterreich 7.754
Aufnahme von FlĂŒchtlingen aus Syrien EU-weit 149.641
FlĂŒchtlinge aus Syrien 7.600.000
FlĂŒchtlinge pro 1.000 EinwohnerInnen Ăsterreich 6
FlĂŒchtlinge pro 1.000 EinwohnerInnen Tschad 34
FlĂŒchtlinge pro 1.000 EinwohnerInnen Libanon 232
Alle Zahlen aus 2014 10)
 Oesterreich und die Krise, Syrien und die Katastrophe
Nach SchĂ€tzungen von UNHCR lebten Anfang 2014 rund 55.600 FlĂŒchtlinge und subsidiĂ€r Schutzberechtigte in Ăsterreich. Die Zahl der offenen Asylverfahren lag bei rund 22.700. 5)
Im Laufe des Gesamtjahres wurden rund 28.000 AntrĂ€ge auf Asyl gestellt â so viele wie allein im ersten Halbjahr 2015. 6)
Hat das Bundesamt fĂŒr Fremdenwesen und Asyl (BFA) im JĂ€nner dJ noch eine Zahl von 40.000 AsylantrĂ€gen prognostiziert 7), liegt die SchĂ€tzung fĂŒr das Jahr 2015 nun bei 70.000 AntrĂ€gen. 8)
Die weitaus meisten AntrĂ€ge kamen und kommen ĂŒbrigens von FlĂŒchtlingen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak.
Das BFA hat laut eigener Auskunft im Vorjahr 27.000 Asyl-Entscheidungen getroffen. Davon waren jedoch nur 18.000 Entscheidungen ĂŒber ErstantrĂ€ge, und davon wurden wiederum nur 39 % positiv entschieden â also rund 7.000 Personen Asyl gewĂ€hrt.
 Syrien
Die Arabische Republik Syrien ist (war) mit 21 Mio Einwohnerinnen das am dichtesten besiedelte Land im Nahen Osten. Seit Ausbruch des BĂŒrgerkriegs 2011 sind 160.000 BĂŒrgerinnen umgebracht worden. Das sind mehr als alle Einwohnerinnen von Salzburg. Die HĂ€lfte des Staatsgebiets kontrolliert die Terrororganisation Islamischer Staat (IS). 12)
Vier Millionen Menschen sind inzwischen aus Syrien geflĂŒchtet. Mehr als neun Millionen Menschen haben Haus und Hof verlassen und sind innerhalb Syriens auf der Flucht.
Mehr als die HĂ€lfte der Bevölkerung eines gesamten Staates flĂŒchtet aus Angst vor dem Tod.
 Motivation Flucht
GlĂŒcklicherweise ist offen sichtlich in Anbetracht der aktuell umlaufenden Bilder und lokalen Ereignisse der Begriff WirtschaftsflĂŒchtling (subjektiv) rĂŒcklĂ€ufig.
Dennoch reichen Fotos von FlĂŒchtlingen im Besitz eines Smartphones, um niedrigste Neidkomplexe zu schĂŒren.
Der scheinbare Ăberhang an mĂ€nnlichen FlĂŒchtlingen wird genauso ins Spiel gefĂŒhrt, wie Ăngste in Bezug auf âfremdeâ Religionen, kulturelle Gepflogenheiten oder ArbeitsplĂ€tze geschĂŒrt werden.
Einzelbeispiele und -schicksale werden von jeder Seite dargestellt, werden gegeneinander abgewogen, greifen jedoch meist zu kurz. Mediale Diskussionen, welche Fotos aus welchem Grunde publiziert werden âdĂŒrfenâ, sind wichtig, lenken aber von der eigentlichen Situation ab.
 Menschen
Asylanten. Asylschwemme. Asylkrise. Asylkritiker. Ja, die Begriffe werden bereits sensibler gehandhabt.
Dennoch wird von allen Medien von FlĂŒchtlingslagern, Lagerbewohnern und Verteilerzentren gesprochen und geschrieben.
Lager. Hallo? Zwischenlager, Endlager? â â[Ort] zum Aufbewahren von Roh- und Betriebsstoffen sowie Fertigteilen. âOrt, an dem Menschen vorĂŒbergehend untergebracht sind; siehe Lager (Camp) oder FlĂŒchtlingslagerâ. 13) VorĂŒbergehend?
Verteilerzentrum. Gehtâs noch, sind wir bei der Post? Google liefert zu dem Begriff bereits acht von zehn Ergebnissen im Kontext zu âAsylwerbernâ aus.
Die nackten Zahlen erfordern ein strategisches Management. Verantwortlich: die Bundesregierung. Logistische Begriffe, ok. Aber?! WorĂŒber sprechen wir?
MENSCHEN, die auf der Flucht sind.
MENSCHEN, die vertrieben werden.
MENSCHEN, die ihren Besitz, ihre Angehörigen und ihre Heimat verloren haben.
MENSCHEN, die aus Todesangst ihre Heimat verlassen mĂŒssen.
MENSCHEN, die sonst sterben.
MENSCHEN, die das Risiko des Todes auf der Flucht in Kauf nehmen.
MENSCHEN, die keine Wahl haben.
MENSCHEN, die zu uns kommen.
Menschen, die mit Einsatz all ihrer Mittel und Möglichkeiten ĂŒber 3.000 Kilometer zurĂŒck legen, um ĂŒberleben zu können. Ihre angestammte Heimat, ihr Umfeld und ihre Angehörigen zurĂŒck lassen mussten.
Menschen, die dies leisten, geleistet haben und bereit sind zu leisten: Bitte kommt zu uns. An euch können wir uns ein Beispielt nehmen. Ihr seid willkommen. Jetzt und in Zukunft.
 Mittaeter
Meine persönliche und soziale Filter Bubble stimmt mich versönlich und zuversichtlich. Spendenaufrufe werden geteilt, privater Einsatz und Engagement vor Ort ist allgegenwÀrtig. Jeder Beitrag: so wertvoll!
Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass dies keineswegs allgemein umlegbar ist. Zuviele negative Kommentare mischen sich dazwischen. Zuviele Hass-Postings werden repliziert. Zusehr schmerzen mich die Wahlprognosen.
 Politisch
So sehr hĂ€tte ich mir gewĂŒnscht, dass eine der wahlwerbenden Parteien in (O)Ă frĂŒhzeitig Stellung zur Problematik bezieht.
Niente. Mich erreichten mehr Statements von BĂŒrgermeisterinnen, die die Nichtaufnahme von FlĂŒchtlingen fadenscheinig argumentiert haben. Klöster und Kirchen, die dagegen Stellung bezogen haben. Und dann die unsĂ€gliche âTaferl-Aktionâ unseres BĂŒrgermeisters.
Keine Ansage. Kein klares Statement. Keine Position.
Liebe Leute: Als Linke am rechten Rand fischen gehen ⊠das funkt nicht.
Wir haben in OĂ kommenden Sonntag Landtagswahlen. Liebe Parteien, PolitikerInnen, gewĂ€hlte VolksvertreterInnen: Bitte sagt mir in diesem Zusammenhang (deutlich und ĂŒberzeugend), warum ich euch wĂ€hlen soll. Das vermisse ich. Schmerzlich.
Persoenliche Anmerkung
Diesen Blogpost habe ich nicht geplant. Eigentlich wollte ich mir nur ein Google-Doc anlegen zur Sammlung der Ergebnisse und Quellen eigener Recherchen. Zu oft wurde ich bei Diskussionen mit falschen Zahlen und Halbwahrheiten konfrontiert.
Das Löschen der Facebook âFreundeâ who like HC Strache â so traurig das sein mag â ist nicht die Lösung. Es isoliert. Es macht nur sicher. Es ist verfĂ€nglich.
Mit der Gegenpropaganda werden wir auch kaum die rechten [i.S.v. richtigen] Adressaten erreichen. Aber â on the long run â fĂŒr mich sind es noch immer die Fakten, die zĂ€hlen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Krise
http://derstandard.at/2000020188538/Schluss-mit-der-Naturkatastrophe
Tiroler Katastrophenmanagementgesetz
https://www.aerzte-ohne-grenzen.at/sites/default/files/msf_traiskirchen_bericht_2015.pdf
http://www.unhcr.at/unhcr/in-oesterreich/fluechtlingsland-oesterreich/wie-viele-asylsuchende.html
http://www.bmi.gv.at/cms/BMI_Asylwesen/statistik/files/2015/Asylstatistik_Juni_2015.pdf
http://medienservicestelle.at/migration_bewegt/2015/01/27/asylantraege-2014-gestiegen-7-000-mal-asyl-gewaehrt/
http://www.bundespraesident.at/newsdetail/artikel/zahlen-daten-fakten-zur-aktuellen-fluechtlingssituation/
http://www.unhcr.at/unhcr/in-oesterreich/fluechtlingsland-oesterreich/questions-and-answers/fluechtlinge-menschen-die-schutz-brauchen.html
http://medienservicestelle.at/migration_bewegt/wp-content/uploads/2015/06/1506_Fact-Sheet-16-11.pdf
http://diepresse.com/home/wirtschaft/international/517546/index, http://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/3823396/Osterreich-bleibt-zweitreichstes-Land-in-der-EUÂ Â
https://de.wikipedia.org/wiki/Syrien
https://de.wikipedia.org/wiki/Lager
https://en.wikipedia.org/wiki/Filter_bubble


















