Tag zwei: Ist das schon normal?
I.
Um acht Uhr, also in 25 Minuten, sollen in Istanbul wieder die Proteste starten. Es wird die zweite Nacht sein, in der demonstriert wird, für Kobane, gegen die türkische Regierung, gegen ISIS, für die kurdische Bevölkerung. Den ganzen Tag schon hat sich die Polizei in der Innenstadt gezeigt, seit dem frühen Nachmittag steht nur eine Ecke von meiner Wohnung entfernt eine Art Polizei-Panzer, davor zwei oder drei Polizisten, die Waffen in der Hand. Die Botschaft lautet ganz klar: Wir sind stärker, versucht bloß nichts Dummes. Vor einer Stunde noch konnte ich auf meiner Straße spielende Kinder hören, Familien, Frauen. Mit Einbruch der Dunkelheit wurde es still. Ab und an knallt es, als würde jemand Böller zünden. In meiner Nachbarschaft leben viele Kurden, die Verbindung zu Kobane ist stärker als andernorts. Gestern haben mich die Proteste sehr erschreckt. Ich war noch nie in einer vergleichbaren Situation. Heute bin ich entspannt, oder gebe es zumindest vor. Ich habe Essen gekauft, um nicht mehr raus zu müssen, Brot, Käse, Oliven, Tomaten. Und zwei Bier. Ich habe einen klaren Serienplan (die neue Folge von The Good Wife, die zweite Folge Scorpion, der Pilot von Madam Secretary). Ich bin vorbereitet.
II.
Es ist viertel vor acht. Die ersten Männer rufen Parolen, die ich nicht verstehe, aber von letzter Nacht wiedererkenne. Ich höre Menschen pfeifen. Der zweite Tag der Proteste beginnt.
III.
Zwei meiner Mitbewohner und ich stehen auf unserer Dachterrasse, beugen uns über den Rand, wollen sehen, was passiert. In der Straße: Jugendliche mit Böllern, vereinzelt Männer, keine Frau weit und breit. Auf einmal kommt die Polizei um die Ecke, schießt, Funken sprühen, Gas tritt aus. Ich weiche zurück in den Hausflur, meine Mitbewohner bleiben draußen. “Erstmal warten, ob das wirklich Tränengas ist. In ein paar Sekunden wissen wir es ja.” Ich bin schon auf der Treppe, als die beiden anderen hinterher gerannt kommen. “Ja, Tränengas, weg hier!”
VI.
Die Straße vor unserem Haus ist menschenleer. Auf einmal kommen aus einer Seitengasse eine, zwei, drei, vier Personen, drei mit Steinen in der Hand, einer hat ein weißes Tuch um seinen Kopf gewickelt, einer zieht eine Steinschleuder auf. 16, 17 Jahre alt sind sie vielleicht, irgendwo zwischen Junge und Mann. Sie werfen Böller, brüllen die Polizei an, die nicht weit entfernt stehen kann, ich sehe sie nicht. Sie brüllen, bis wieder Gas kommt. Dann weichen sie zurück, bis zur nächsten Runde.
V.
Meine Augen tränen. Einer meiner Mitnehmer hat die Haustür geöffnet. Nur ganz kurz. Schauen, ob das Gas noch in der Luft hängt. Ja, tut es, danke.
VI.
Nicht alle scheint das Tränengas so zu stören wie uns. Gegenüber hängt eine Frau auf der Leine zwischen den Häusern Wäsche auf, ein Mann, klein, Glatze, bugsiert seine Frau, die den Arm vor ihr Gesicht hält, durch die Gasse. Ein Taxi biegt in die Straße ein, hält an, jemand steigt aus. Das Leben geht weiter, für die richtigen Bewohner der Stadt. Für uns bleibt es stehen.
VII.
Es ist zehn. Gestern ging alles um diese Zeit erst so langsam los. Heute haben wir schon zwei Stunden hinter uns. Dass sich Lärm und Ruhe, Böller und Tränengas, Proteste und Polizei abwechseln, fühlt sich jetzt schon fast normal an. Das Licht brennt heute bei uns allen. Bei einem meiner Mitbewohner läuft Hiphop, einer schaut Nachrichten, alle sind in ihren Zimmern, arbeiten, sehen fern, telefonieren. Wo gestern noch Angst und Ausnahmezustand herrschte, ist heute beinahe eine seltsame Normalität eingekehrt. Langsam verstehe ich, was Menschen in Krisengebieten damit meinen, dass die Krise ganz normal wird und man so weiterlebt wie bisher auch. Wären die Straßen frei von Tränengas und hätte ich ähnliche Situationen schon ein paar Mal häufiger erlebt, ich hätte mein Bier vielleicht in einer Bar getrunken und nicht in der Küche. Und trotzdem: Mein Reisepass wird auch heute Nacht wieder griffbereit neben mir liegen, nur für den Notfall.
VIII.
Die Auseinandersetzungen rücken näher. Die Böller knallen in kürzeren Abständen, die Stimmchöre werden lauter, das Husten stärker, gleich muss sich vermutlich wieder jemand übergeben. Heute weiß ich, dass die Schläge auf die metallenen Rollläden der Einkaufsläden der Polizei gelten, nicht uns. Trotzdem erschrecke ich jedes Mal, wenn etwas direkt vor unserer Haustür explodiert, wenn ich die Funken sprühen höre, wenn mein Vermieter im Zimmer über mir so abrupt aufspringt, dass die Decke knarzt. Meine Nase fühlt sich an, als hätte ich erst viel zu viel Nasenspray benutzt und dann eine kräftige Portion Pfeffer geschnupft. Immer wieder im Haus zu hören: Niesen, Naseputzen, Husten. Die Geräuschkulisse ist eine Kombination aus Silvester und Grippe, nur, dass es um ein so wichtiges, so großes Problem geht, das nicht einmal annähernd mit Kater und Schnupfen zu vergleichen ist. Und genau so schizophren wie dieser Vergleich fühlt sich diese ganze Situation an, wie eine nicht greifbare Absurdität, die zugleich schon am zweiten Tag ihren eigenen Rhythmus bekommt.