“We believe in the power of visual storytelling”
DOCKS Collective – das sind fünf junge Dokumentarfotografen, ausgebildet an der Dortmunder Fachhochschule. Zusammen veröffentlichten sie im Mai dieses Jahres DOCKS‘18, der Startschuss für eine seriell erscheinende Auswahl ihrer Arbeiten im Zeitungsformat. Ich treffe zwei von ihnen, Ingmar Björn Nolting und Maximilian Mann, auf dem Lumix Festival für jungen Fotojournalismus in Hannover.
Ingmar fotografiert beispielsweise in einem Sozialbau in Göttingen; demnächst wird er sich selbst eine Wohnung dort suchen. Maximilians letztes Projekt führte ihn nach Transnistrien, einen nicht anerkannten Staat auf dem Gebiet der Republik Moldau.
ein Interview von Alina Rothmeier, geführt am 24.6.2018
Kollektiv klingt erstmal sehr gut und ist doch ein abstrakter Begriff. Warum genau habt Ihr Euch zusammengeschlossen und wie wirkt sich das auf Eure Arbeit aus?
Maximilian Mann: Für mich bedeutet die Arbeit im Kollektiv vor allem Austausch, also gegenseitige Motivation und Kritik, sowie die Tatsache, die Fähigkeiten jedes Einzelnen in der Gruppe multiplizieren zu können. Zusammen lassen sich einfach Dinge verwirklichen, die für einen allein nicht möglich wären.
Ingmar B. Nolting: Als Kollektiv können wir uns Freiräume schaffen. Unsere Publikation DOCKS’18 beispielsweise wäre für einen Einzelnen an der Organisationsarbeit und den finanziellen Mitteln gescheitert. Und ganz allgemein gesagt ist die Künstlerbranche schon eine Welt der einsamen Wölfe, alle arbeiten als Freelancer einsam vor sich hin. Ich glaube, das muss nicht so sein.
Eure Fotostrecken erzählen von Selbstsuche, gelebten Utopien, geplatzten Träumen und dem Rand der Gesellschaft. Was hält Euch zusammen? Gibt es sowas wie den roten Faden des DOCKS, also Themen und Werte, die Euch allen wichtig sind und deshalb immer wieder beschäftigen?
I.B.N.: Was unsere Arbeiten gemeinsam haben ist kein bestimmtes Thema, sondern mehr die Haltung zu den jeweiligen Themen. Alle Strecken entstehen über einen längeren Zeitraum, gehen in die Tiefe und sind sozial relevant. Uns eint die ehrliche Dokumentarfotografie – ehrlich uns gegenüber, den Protagonisten und dem Betrachter. Trotzdem geht jeder von uns unterschiedlich an seine Projekte heran, der eine ist politischer, der andere hat eher künstlerisch-konzeptuelle Ansätze.
M.M.: In der Bildsprache unterscheiden sich unsere Fotoserien, zusammen ergänzen sie sich. Wir alle fotografieren dokumentarisch, inszeniert ist also nichts.
Viele der Probleme, die ihr ansprecht, sind keine, über die man täglich in den Nachrichten hört. Wie kommen Euch die Ideen zu den Strecken?
I.B.N.: Ich persönlich interessiere mich sehr für gesellschaftlich isolierte Gruppen. Meine bisherige Erfahrung mit der Motivsuche lässt sich eigentlich so zusammenfassen, dass sich oft das Eine aus dem Anderen ergibt. Man recherchiert in einem bestimmten Kontext und stößt auf den nächsten. Letztendlich finden die Themen mich, bevor ich sie finde.
M.M.: Mich faszinieren eben gerade Gegenden, über die kaum jemand hier etwas weiß. Ich bin immer wieder überrascht von Orten, an denen hunderttausende Menschen leben, ohne dass der Großteil unseres Kulturkreises je davon gehört hat.
Geht ihr mit bestimmten Erwartungen an Eure Projekte heran?
I.B.N.: Ich glaube als Fotograf ist es wichtig, sich von Erwartungen größtenteils freizumachen, um nicht nur die Bilder zu reproduzieren, die man eh schon im Kopf hat. Klar kann es dann auch mal passieren, dass man etwas anfängt und irgendwann merkt, so wird das nicht funktionieren. Aber es ist wichtig, daraus für das nächste Mal zu lernen.
Beeinflusst die Zeit, in der Ihr Euch intensiv mit den Geschichten hinter den Motiven auseinandersetzt, Eure Sicht auf die Dinge?
I.B.N.: Als Dokumentarfotograf bekommt man Zugang zu Situationen, denen der Ottonormalbürger nie ausgesetzt wäre und die nicht immer einfach zu verarbeiten sind. Mein Weg damit umzugehen ist es, mit anderen Leuten darüber zu reden - und die Fotografie selbst.
M.M.: Die Fotografie ist ein Türöffner und gleichzeitig kein 9-to-5-Job. Wenn ich im Rahmen eines Projekts auf Reisen bin, übernachte ich auch bei den Menschen, deren Leben ich begleite. So etwas wie Feierabend gibt es da nicht, klar wirkt sich das Erlebte auf die eigenen Ansichten aus.
All eure Serien handeln von persönlichen Schicksalen, viele stimmen nachdenklich und bedrückt. Ich stelle mir das schwierig vor – Vertrauen zu den Leuten aufzubauen, die man fotografieren möchte und gleichzeitig eine objektive Distanz zu wahren.
I.B.N.: Wir als Kollektiv haben uns schon längst von dem Gedanken der Objektivität verabschiedet, allein durch die eigene Anwesenheit verändert man die Situation. Es ist nicht unser Anspruch zu sagen „So ist es.“; wir wählen den ehrlicheren Weg und sagen „So sehen wir das.“.
M.M.: In bestimmte Strukturen vorzudringen, das ist natürlich nicht immer leicht. Gerade beim Porträtieren stigmatisierter Milieus schlägt einem oft Vorsicht und Misstrauen entgegen. Eine Möglichkeit, die ich für mich gefunden habe, um Zugang zu bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen zu finden, ist das Couchsurfing. Wenn Leute mich erstmal eingeladen haben, kennen die wiederum Leute, die jemanden kennen und so weiter.
I.B.N.: Es ist viel Beziehungsarbeit im Voraus nötig, ich kann nicht einfach an eine Tür klopfen und erwarten, dass die Person, die aufmacht, nur darauf gewartet hat von mir fotografiert zu werden. Für die Menschen ist es wichtig zu merken, dass auch sie von meinen Fotos profitieren, dass meine Arbeit sich nicht nur einseitig auswirkt.
Was genau bedeutet das Lumix Festival für Euch und Euer Kollektiv?
M.M.: So ein Festival bietet uns die Möglichkeit, mit Anderen ins Gespräch zu kommen, unsere Blase zu verlassen und Einblicke in Arbeiten von Kollegen zu erhalten.
I.B.N.: Gleichzeitig können wir uns selbst präsentieren; sehen und gesehen werden, darum geht es. Auf dem Lumix können wir unsere Zeitung unter die Leute bringen, hier erreichen wir auch Amateure und Laien, die sich für uns interessieren, aber nicht aus der Branche sind oder zwingend mit ihr zu tun haben. Diesen Gedanken finde ich spannend.
mehr Informationen zum DOCKS Collective gibt es auf www.dockscollective.com