Notizen eines wunderlichen alten Mannes
Mai 2026
Die aktuellen Nachrichten der letzten Wochen, seien sie aus Berlin, Amerika, Russland, Kriegsgebieten oder auch aus den Büros der Klimaforscher, können einen schwermütig machen. Oft kommen mir die Zeilen des Brecht-Gedichts „Legende von der Entstehung des Buchs Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration“ in den Sinn:
Als er siebzig war und war gebrechlich
Drängte es den Lehrer doch nach Ruh
Denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich
Und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu
Und er gürtete den Schuh
Aber wohin? Mit welchem Ziel sollte man seinen Schuh gürten?
Es braucht Energie, dagegenzuhalten. Aber die haben wir. Wir erleben eine andere Welt, im Akademikerjargon eine „tiefgreifende Transformationsperiode“.
Regressive Wünsche nach Zuständen wie in der schönen alten Zeit helfen nicht. Wir mischen uns ein. Ausgang offen.
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Die private Bibliothek Umberto Ecos umfasste 44.000 Werke, darunter eine Sammlung von 1260 antiken Büchern, die von Eco den Namen „Bibliotheca semiologica, curiosa, magica, lunatica et pneumatica“ erhielt, mit einem speziellen Arbeitszimmer, dem „Antikenzimmer“, ohne Telefon und ohne Computer – paradiesische Zustände. Diese Bibliothek – also die Bücher - ist zum Teil in Mailand und in der Universitätsbibliothek in Bologna einzusehen.
(Näheres Karen Krüger, Jedes Buch eine Passion, FAS 8. März 2026, S. 35)
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Die mir bisher unbekannte Anja Utler hat in der FAZ einige kluge Gedanken geäußert zum Weiterleben nationalsozialistischer Vorstellungen. Dies geschehe etwa durch Satzfetzen, Gesten und eine familiäre Atmosphäre, die keine Nachfragen zulasse. Wohlbekannt. Vermittelt wurde der Glaube an Hierarchien (nach den Kriterien: Abstammung, Geschlecht, Fitness und Intellekt), Wichtigkeit von Leistungswille, Training, Erfolg, und Unterordnung am angemessenen sozialen Platz. Was allein das Aufstellen nach der Größe im Turnunterricht bewirke: da hat sie einen Punkt getroffen.
„Abhärtung“, der Nächste als Feind und Bedrohung; andauernde Konkurrenz und Rücksichtslosigkeit gegenüber Schwächeren, die Ideologie des Kapitalismus.
Und was die Verdrängung der Verbrechen bei den Tätern bewirke, das konnten wir in der Zeit der 50er und 60er sehen.
(zu Anja Utler, Ich liebe euch, und ihr seid Verbrecher, faz.net, 23.5.26, 8:09)
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Ich hatte die Aufnahmen des Miles-Davis-Quintetts im Plugged Nickel aus dem Jahr 1965 erwähnt. Diese Wiederveröffentlichung bespricht Adam Olschewski, der leitende Redakteur des Jazz-Podium, in der jüngsten Ausgabe geradezu hymnisch. „Die sieben Sets dort gehören zum Besten, was der Jazz je hervorgebracht hat.“ und „Diese Box ist eine Droge.“ (Jazz-Podium 4-5/2026, S. 44 ff.) Der Artikel im Jazz Podium lohnt aber auch deshalb, weil ein wunderschönes Foto des „Plugged Nickel“ dem Text beigefügt ist.
Miles Davis wurde am 26. Mai 1926 geboren. In nächster Zeit werden also häufiger Artikel zu Ehren dieses wahrhaft großen Musikanten erscheinen.
Noch etwas zu dem Thema: Am Schlagzeug saß 1965 Tony Williams. In der Rubrik „3 Platten, die mich gemacht haben, und eine, die mich macht“ nennt der junge Schlagzeuger Leif Berger Tony Williams als den ersten „alten“ Schlagzeuger, von dem er wirklich aufrichtig fasziniert gewesen sei (aao, S. 98). Beispielhaft auf der LP „Filles de Kilimanjaro“.
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Unverdaute Anglizismen
g e h e n und sich wohl fühlen
Viele meinen, wenn man etwas in einer Fremdsprache, vorzugsweise englisch, bezeichnet, werde es moderner, geheimnisvoller oder was auch immer. So will die Stadt Lüneburg nun in einem der leerstehenden Innenstadtläden ein paar Verwaltungseinheiten einrichten; es wird stolz verkündet, es werde auch ein „Coffee-Corner“ und für Einwohner ein „Front-Office“ geben.
Fremdsprachiges soll beeindrucken.
Sportreporter haben für die Tätigkeit der Sportler nun einen besonderen Begriff, wenn sie die Dauer etwa eines Spiels betrifft: In einer Fernsehübertragung bemerkte ein Wortbegleiter zur Einwechselung eines Spielers nach der Halbzeit, „dass er nur über die halbe Distanz gehen muss“. gehen statt spielen , kämpfen, laufen , Distanz statt Spielzeit --- weiß er eigentlich, was er da sagt? Wie er wohl „to go by bike“ übersetzt? gehen durch das Fahrrad?
Bei „Ich bin fein mit …“ dreht sich mir der Magen um.
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1984 gab Carla Bley mit ihrer Band ein Konzert im Hamburger Studio 10 des NDR, ich saß im Publikum. Ich erinnere mich noch an viele Einzelheiten, sie begann mit „La Paloma“, denn sie habe gehört, solche Musik höre man in Hamburg gern, und lotete viele Ecken des zeitgenössischen Jazz aus. Im Tonträgerhandel entdecke ich nun, dass dieses Konzert auf einer Doppel-CD veröffentlicht wurde. Carla Bley, Joyful Noise (Live in Hamburg, 1984), ca 18 Euro. Die CD wurde in einer Sendung des NDR am 23. April vorgestellt, die Sendung kann man noch nachhören über die App „NDR Kultur“.
Der Bassist Steve Swallow erinnert sich : "Dies ist eine großartige Live-Aufnahme. Michael Naura, der sich seit vielen Jahren beim NDR für den Jazz einsetzte, war ein toller Gastgeber. Er gab uns das Gefühl, dass wir hier willkommen waren und uns wohlfühlen sollten. Die Band hat gebrannt, sie feierte nicht nach, sondern während des Konzerts - aber, wie Gil Evans sagte, es war eine Party, bei der wir alle ein Ziel vor Augen hatten. Es ist ein Segen, dass diese Aufnahmen eines wirklich aufsehenerregenden und außergewöhnlichen Auftritts unversehrt in einem Regal tief im Keller des NDR-Archivs überlebt haben! Und sie sind zudem ein unwiderlegbarer Beweis für die Kraft und Menschlichkeit in der Musik von Carla Bley!" In jedem Takt steckt ein Augenzwinkern, das Konzert ist voller Fantasie und Originalität, Freigeist und Humor.
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Ein Glas Wasser mit einem Schuß Balsamico-Essig erinnert an Campari-Soda; gesund ist es zudem. Es hemmt die Gucose-Spitzen.
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Zu vielen Todesanzeigen könnte ich etwas sagen. Erinnerungen werden wach. Der Tod Gunter Hampels am 19. Mai im Alter von 87 Jahren hat mich veranlasst, in seiner Musik zu kramen. Anhörenswert fast immer, eigen aber auch. Hervorzuheben sind das frühe Album heartplants (1965), fantastisch das Album Winged Serpent mit Enrico Rava,Cecil Taylor, Thomas Stanko, John Tchicai und anderen. Wenn man den Titel Cun-un-un-un-an auf einer Trauerfeier spielen würde ,… ich halte die Stimmung für eine optimistische, für den Toten, und für die Nachwelt.
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Vergnügungen
Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen
Das wiedergefundene alte Buch
Begeisterte Gesichter
Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten
Die Zeitung
Der Hund
Die Dialektik
Duschen, Schwimmen
Alte Musik
Bequeme Schuhe
Begreifen
Neue Musik
Schreiben, Pflanzen
Reisen
Singen
Freundlich sein.
(B. Brecht)
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Wenn ich Du wäre, würde ich mich lieben
(gefunden auf der KLP in Beesem)
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