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10598 Spezial: Björk, die Ikone der 90er!
::: Natürlich gab es in den 90ern auch Kurt Cobain, The Smashing Pumpinks, Notorious B.I.G., Beth Gibbons und Thom Yorke, aber ich postuliere hiermit: Björk war DIE Popkulturikone der neunziger, keine Widerrede.. Die Zeit der großen Ikonen, die sich mit jedem Video, neuem Album, jedem Produzenten und Lebensgefährten (was auch bei ihr durchaus miteinander einherging) neu erfanden, scheint mir eigentlich der Vergangenheit anzugehören. Lasst mich mal ein paar künstlerische Kollaborateure von Björd Gudmundsdottir aufzählen: -The Sugarcubes -Michel Gondry (guter Regisseur geworden) -Spike Jonze (guter Regisseur geworden) -Michael Cunningham ('All is full of love' hat mehr Universitätsseminare beschäftigt als jedes andere Musikvideo der Geschichte und das Mensch-Maschine-Verhältnis in Genderstudies eingebracht, keine kleine Leistung) -Inez van Laamswerde (wird wahrscheinlich die Nachfolgerin von Bettina Rheims) -Vinood und Mathadin (ebenfalls ultra-populäre Modefotografen) -Stephane Sednaouie (hat mit Laetitia Casta ein Kind, ist der Onkel von Elisa, auch keine kleine Leistung) -Goldie (okay, seine Schauspielkunst hinterließ nicht einen so bleibenden Eindruck wie 'Inner City Life') -Tricky -Matthew Barney -Lars von Trier (naja, das lief nicht so gut...)
Wow, nicht schlecht für ein kleine Pop-Elfe (sic!) aus Reykjavik.Den Vorwurf, dass Björk das Talent anderer Leute zu ihrer Garderobe machte, welche sie beliebig ablegen und austauschen konnte, lasse ich definitiv nicht gelten, und ungeachtet ihres enormen Erfolges und Einflusses würde ich auch nicht sagen, dass sie je sonderlich kommerziell war- siehe Biophilia, ihr letztes Album/Medien-/Kunstwerk. Ich werde jetzt nichts mehr zu ihrer Relevanz schreiben, denn daran scheiden sich ja doch nur die Geister. Stattdessen: Mein erster Kontakt mit Björk!
Anfang der neunziger empfingen wir MTV, und es war allsonntägliches Ritual, zu den European Top 20 zu frühstücken- Ray Coke, Christiane Baker, Simone, anyone? Auf jeden Fall wurde mein Vater in der Zeit ziemlich crazy total innovativ und brachte ständig neue CD's nach Hause, von The KLF, The Shamen, The Prodigy, Army of Lovers, Björk. Wir anderen fanden diese Sachen ambivalent: von cool (Out of Space von Prodigy) bis total beschissen: Björk. Ernsthaft, in 'There's more to life than this' singt sie auf einer Clubtoilette? Wie exaltiert-bescheuert ist die denn? Jungejunge, wenn Björk lief, hing der Haussegen schief. Hehe. Bis auf "Play Dead" vom "The young Americans"-Soundtrack fand ich das ganze Album scheisse, und das hat sich auch erst später geändert- nachdem ihr zweites Album, 'Post', herauskam. 'It's oh so quiet' hat damals alles für mich gerissen, dabei habe ich bis heute 'Die Regenschirme von Cherbourg" nicht gesehen.
Ich kaufte das Album, hörte 'Isobel' und 'Possibly Maybe' und war der einzige elfjährige in ganz Wuppertal-Barmen, der Island auf einer musikalischen Landkarte verortet hatte. Ihr nächsten beiden Alben sind meine Lieblinge: die Intitmität, die Naturverbundenheit und Liebe zu Island, zum Leben, die Liebe an sich: es sind große Themen, die sich durch 'Homogenic' und 'Vespertine' ziehen, und bei aller Exaltiertheit, fiesem Medienrummel (Dancer in the dark!) und nicht endenwollenden Elfen-Vergleichen des Feuilletons. wirkt die kleine Björk Gudmunds-Tochter in ihren Videos häufig nahbarer, intimer, verletzlicher als jede andere Pop-Größe. Ihr Einsatz von Nacktheit in 'Pagan Poetry' (ihrem vielleicht tollsten Song) oder 'Cocoon' zB. erinnert mich wesentlich mehr an Marina Abramovic als an Grace Jones. Dennoch bleibt sie eine ambivalente Figur, die sich meinem Verständnis oft entzieht, und die letzten beiden Alben haben mich nicht sonderlich interessiert. Aber das ist egal, sie bleibt eine der großen, und ist, ähnlich zu Kate Bush, über jeden Zweifel erhaben, ob ihr sie mögt oder nicht.
P.S.: Als ich bei einer WG-Party in Kreuzberg auf einen Isländer stieß musste ich unbedingt die These überprüfen, dass alle Isländer sich untereinander- und damit auch Björk- kennen. Was soll ich sagen? Björk war die Babysitterin der älteren Schwester des Typen... ::: P.P.S.:Im Youtube-Channel Björk-TV gibt es nahezu alle offiziellen Videos von ihr. Ich empfehle, die Gema-Sperren zu umgehen, z.B. durch ProxTube.
10598 Nr. 3b
It‘s a fire Portishead Dummy 1994 Zum Mixtape: ---- Der Song und ich: :::Mitte der neunziger kam mein Bruder aus einem Urlaub aus England zurück und brachte einen wahren Schatz mit: Ein Mixtape mit Songs von: Urge Overkill, Radiohead, Portishead. Meine Güte, diese Kassette war eine Offenbarung; und der einzige Songd darauf , der ‘Street Spirit‘ noch toppen konnte, war ‘Glory Box‘ von Portishead. Natürlich war die Band mir, dem versierten Musikexpress/Sounds-Leser (alle Klassenkameraden lasen zu der Zeit noch die Bravo, die Sucker!), dem Namen nach bereits geläufig, zumal ein anderes Triphop-Kollektiv aus Bristol ca. ein Jahr zuvor meine Einstellung zur Musik für immer verändert hatte. Aber mit dieser Stimme, die soviel Traurigkeit, Blues, die Bilder von Rauchschwaden und Whiskeyfässern in mir heraufbeschwor, hatte ich nicht gerechnet. Damn! Dazu noch diese rätselhaften, an Stummfilme angelehnten Schwarzweiß-Musikvideos, die ganz eigene Ästhetik der Band und notorische Interviewscheue: Diese Band war ein Mysterium. Als ich zunächst Beth Gibbons & Rustin‘ Man sowie Portishead zum dritten Album dann live sah, wurden sie dann doch etwas nahbarer, aber auf die gute Art, nicht die entzaubernde. Mehr muss ich zu Portishead nicht erzählen, oder? Vielleicht nur soviel: Ohne Portishead hätten mein Bruder und seine Ehefrau sich vielleicht nie verliebt. Und dann stünde ich jetzt ohne den niedlichsten Neffen der Welt da. Danke, Portishead! :::
10598; Musikvideo: die 80er Joe Jackson Steppin Out Night and Day 1982 Zum Video: :::Boah, die 80‘er! Werden ja häufig und gerne als herzlos, konsumgeil und oberflächlich abgestempelt, aber meiner Meinung nach trifft dies viel eher auf die globalisierten neunziger zu. Überhaupt, wenn man sich anschaut, wie naiv-romantisch viele Videoclips damals waren! So auch dieses: Ein Zimmermädchen (im französischen Maid-Kostüm!) verwandelt sich für eine Nacht zurPrinzessin, um zur Musik des ebenfalls der Arbeiterklasse entstammenden Barpianisten durch die Nacht zu tanzen- was für eine wunderbares Bild für das allwöchen-endliche Ausgehen, indem auch das Proletariat sich schick machen und für eine Nacht dem Alltag entfliehen darf! Natürlich waren diese Videos häufig scharf an der Grenze zum geschmacklos-verkitschten (und oft darüber hinaus), aber der Einfluss der Clips ist nicht zu unterschätzen: Musikvideos schufen nicht nur eine völlig neue narrative Ausdrucksmöglichkeit für die Musiker, sondern bildeten auch ganze Generationen von mitunter wegweisenden Videoclipregisseuren aus. Gondry, Cunningham, Jonze, Dave Barney oder auch Vinoodh/Matadin sind heute ja maßgebliche Produzenten des Kino, der Kunst oder der Modefotografie. Und über die identitätsstiftende Wirkung der Ästhetik eines Hype Williams für den HipHop-Mainstream will ich gar nicht erst anfangen. Aber zurück zu den Anfängen: wusstet ihr, dass Musikvideos zunächst vor allem in Europa (den UK) produziert wurden, und MTV Amerika in Ermangelung eigenen Materials die britischen Clips rauf und runter spielte? Dies führte zur so genannten Second British Invasion in der amerikanischen Musik, nachdem die Beatles und Kohorten die 60‘er bereits gründlich aufgemischt hatten.::: Der Song und ich: ::: Wie ich bereits erwähnt hatte, waren die ersten 10 Jahre meines Lebens natürlich vom Musikgeschmack meiner Familie, namentlich meiner Eltern geprägt. Dementsprechend kannte ich damals viele Songs von Grönemeyer, The Genesis (Peter Gabriel-Phase!), Ideal, Tears for Fears, Eurythmics oder den Simple Minds auswendig, aber auch eher ungewöhnliche Kunststudentenmusik wie Propaganda. Retrospektiv betrachtet (wobei ich mich nicht von nachträglicher Geschichtsverzerrung im Sinne einer Konstruktion meines Geschmackes freisprechen kann/möchte) lief aber im Hause P. recht viel britische Musik mit schwarzen Wurzeln: Simply Red, Breakout Sister, Sade, Bronski Beat. Von Grace Jones mal ganz zu schweigen. Hinterlässt so etwas Spuren? Wahrscheinlich. Höre ich jedenfalls heute alles noch gerne. Breakout! P.S.: Swing out Sister haben eine Coverversion von ‘Am I the same girl‘ von Barbara Acklin eingespielt. Die Musik dazu stammte von Young Holt Unlimited und wurde von diesen als Instrumentalversion unter ‘Soulful Strut‘ veröffentlicht. Wer mich schon mal auflegen gehört hat weiß, dass ich diesen Song nahezu immer als Anfangsstück spiele. Kennengelernt habe ich den Song übrigens durch eine ganz bezaubernde Dame aus Berlin. Danke, very_b.!:::
10598 Nr.2
Der Song: Wayfaring Stranger Interpret: Jamie Woon Album: 12",oder: Brownswood Bubblers Compilation 2 Jahr: 2007 Zum Mixtape: :::Nach dem Intro darf es ruhig ein wenig ruhiger bleiben, oder? Der Song ist zwar laaaangsam, aber deep. Und damit sexier für mich als so manche Dancefloorfiller.::: Der Song und ich: :::Da kommt im Jahre 2007 so ein schmaler, weißer Junge daher, und nimmt mal eben so a capella, mit einem Effektgerät und ein paar Fingerschnipsen einen uralten Folk-spiritual auf. Und hat dabei mehr Soul als Beyoncé in ihrer ganzen Karriere. Der Text handelt von einer spirituellen Reise durchs Leben. Warum sind heutige Songs eigentlich häufig so eindimensional und klischeebelastet? Auch wenn ich keine eindeutige religiöse Haltung vertrete, oder besser gesagt, noch nach einer solchen Suche, finde ich solche Themen doch als Mensch relevanter als den füntausendsten Boy meets girl-Aufguss. Übrigens, Tschechow schrieb in seinen Kurzgeschichten auch öfters über religiöse Themen. Ist das eigentlich seit dem 20. Jahrhundert out, oder lese ich einfach nur zu wenig? Jedenfalls: Ich solidarisiere mich ja jederzeit gerne mit dünnbrüstigen weißen Mittelschichtsjungs (an wen erinnert euch diese Beschreibung? hehe.), die den Soul spielen... Aber verdammt, dieser Junge spielt ihn nicht, der hat ihn! Ich habe ihn einmal live gesehen (auch hier eher spärlich instrumentiert: Ein Schlagzeuger, einer an der Gitarre, Jamie am Effektgerät und Mikrofon), und es war der Wahnsinn. Von Retrosoul á la Amy Winehouse und Adele halte ich ja nicht viel, da mir dieser häufig zu sehr die Form 50jahre alter Motownhits imitiert, aber zu wenig die Inhalte. Soul hat ja mehr mit Gefühl zu tun als mit Instrumenten oder Technik, finde ich. Und wenn junge Menschen mit dem typischen Produktionethos der heutigen Bedroom-/Internetgeneration daherkommen und sowas abliefern, ist mein Glaube an die Zukunft gerettet. Und an Gott. Oder wie war das? ::: Hier ist ein Link zu einer Liveversion.