Wie fühlt sich mein Herz an? Traum IV
Gebannt starre ich durch die Scheibe. Die blinkenden Lichter des Nachtlebens reflektieren sich in der polierten Oberfläche, Gelächter und johlendes Geschrei dringt an mein Ohr. Doch weit entfernt erscheint mir diese unwirkliche Szenerie. Wie abgeschottet betrachte ich diesen wunderschönen Stoffhamster, der dort in den dürren, metallnen Streben des Greifarms hängt. Es war wie die Liebe auf den ersten Blick. Eben noch schlenderte ich die nächtliche Straße hinab, war voll und ganz Teil des Lebens um mich herum. Ich floss mit dem Strom immer weiter fort, mein Blick glitt über die hell erleuchteten Dönerbuden, die dunklen, verrauchten Bars, die Menschen, die sich vor den Clubs auf der Straße drängten. Plötzlich, ich erinnere mich noch genau, scheint mein Blick an einem unscheinbaren Automaten wie festgeklebt. Es ist einer dieser Spielautomaten, an denen man versucht, ein Plüschtier mithilfe eines Arms zu ergreifen und durch eine Klappe in die Freiheit zu entlassen. Als ich nähertrete, sehe ich im Licht der kalten Neonröhre des Automaten zahlreiche Stofftiere in allen Formen und Farben über und untereinander liegen. Dort, ein rosaner, etwas abgenutzter Elefant, direkt daneben ein zerknautschtes Wiesel. Doch keines dieser Tiere vermag meinen Blick zu fesseln wie dieses eine. Dort oben, auf der Spitze des Berges der Tiere thront ein kleiner, wunderschöner Goldhamster. Sogar eine kleine Brille trägt sie. Ihre kleinen, dahinter liegenden Augen sind nicht schwarz, wie bei den anderen, sie sind von einem tiefen unnatürlichen Blaugrün, das mich immer mehr in seinen Bann zieht. Mir wird klar, dass ich diesen Hamster auf jeden Fall für mich gewinnen muss. Ich will sie mit nach Hause nehmen, ich will sie neben mir im Bett liegen haben, meine Finger durch ihr Fell streichen lassen und in diesen wunderschönen Augen versinken. Entschlossen angle ich mein Portmonee aus der Hosentasche, suche meine letzte Zwei Euro Münze hervor und führe sie an den Schlitz des Automaten. Kurz bevor sie verschwindet, bemerke ich das Gesicht von Dante auf der Rückseite. “Okay, alter Freund”, denke ich, während ich mit der rechten Hand den Joystick ergreife und mit die linke auf die zwei Knöpfe daneben lege, “bring mir Glück”.
Langsam bewege ich den Arm, bis er direkt über dem Hamster zum stehen kommt. “Tut mir Leid, kleine Hamsterdame, gleich bist du frei” denke ich und drücke den grünen Knopf. Der Arm schnellt hinab, öffnet die Finger und umschließt die Hamsterdame sicher und schnellt mit ihr in seine alte Position zurück. Ein bisschen verloren und einsam schwebt sie dort. Auf einmal bekomme ich Gewissensbisse. Was tue ich ihr an? Gibt es keinen anderen Weg, um sie für mich zu gewinnen? Etwas ratlos betrachte ich die Klappe unter dem Bedienelementen. Nein, definitiv zu klein. Ich würde sowieso nicht in den Glaskasten hineinpassen. Mit einer unendlichen Anspannung in meinem Innersten, wende ich mich wieder ihr zu. Ganz vorsichtig bewege ich den Arm in Richtung des Öffnung, die zu mir führt. Trotz aller Vorsicht, beginnt er heftig hin und her zu schwanken. Ich bekomme Angst um die Hamsterdame. Geht es ihr gut? Wird sie aus dem Greifarm hinausfallen? Als der Arm sich beruhigt hat, lege ich ganz behutsam die letzten Zentimeter bis zur Öffnung zurück. Langsam kommt der Arm über ihr zu Ruhe. Ein letztes Mal sehe ich ihr in ihre wunderschönen, intelligenten Augen. Alles spiegelt sich dort drinnen. Zuneigung, Sorge, Angst, aber auch Zuversicht und Liebe. Ich denke ein letztes Mal an die Welt um mich herum. So laut, so aufgedreht. War ich mit meinen Freunden hier? Ich weiß es nicht mehr, wenn, dann sind sie sicher schon weitergelaufen. Wieder streifen sie meine Blicke. Ihr wunderschönes Fell, die kleine Nase, die schönen Lippen. Ich bin versucht, sie niemals loszulassen, niemals den Schritt zu wagen, sie den Weg zu mir finden zu lassen. Doch noch während ich in der Betrachtung des wunderschönsten Wesens der Welt versunken bin, wird mir klar, dass ich es tun muss. Dass ich sie loslassen muss, damit sie zu mir kommt. Denn ich weiß, dass wird sie. Ist es Bestimmung? Bin ich es selber? Doch das bleibt mir verschlossen. Aber ihr Blick sagt mir mehr, als ich wissen muss. Ich bin entschlossen, ich fasse Vertrauen. Zu Mir, zu Ihr, in die Zukunft. Meine Finger verkrampfen sich um den Joystick. Keine Bewegung jetzt mehr. Es war genug. Langsam drückt mein Finger den roten Knopf hinein. Ich sehe, wie sich die metallnen, kalten Finger langsam lösen. Fast fühlt es sich an, als würden sie den kalten Griff um mein eigenes Herz lösen. Dann sehe ich dich, im freien Fall, der Öffnung entgegen trudeln. Ich schließe die Augen, denke an dich, an mich, an uns und warte auf das Geräusch der sich öffnenden Klappe.
Denn ists zwar leicht zu lieben, doch eine Kunst ists, hinzunehmen, dass man geliebt wird.













