Der Schmerz zwischen meinen Schläfen wächst. Die Beklommenheit, welche mein Herz umschließt, tut es ihr gleich. Auch der Regen wird stärker. Langsam füllt er die Unebenheiten der Straße auf, erschafft tiefe Seen in den Furchen und Narben des brüchigen Asphalts. Auch der Gehweg vor mir füllt sich zunehmend und macht es mir beinahe unmöglich, nicht in eine der wachsenden Pfützen zu treten. Normalerweise bringt er diesen ganz eigenen Geruch mit sich, diesen bitter süßen Duft der herannahenden Erlösung des nach Wasser bettelnden Bodens. Doch heute ist er anders. Kein besonderer, grauer Duft erfüllt die Luft. Kalt und schwer fallen die Tropfen in Massen herab, zerplatzen auf meiner der Kapuze meiner Jacke und werden vom heulenden Wind in mein Gesicht gepeitscht. Längst haben sich die vereinzelten Tropfen auf meinen Brillengläsern zu einem zusammenhängenden Film vereint, der es unmöglich macht, etwas anderes zu erkennen, als die gelben Lichtpunkte der Laternen, welche die Straße säumen. Ihr Licht vermag es nicht, den sich wellenden, dichten Vorhang des Regens bis zum Boden zu durchdringen und verbirgt den vor mir liegenden Weg mitsamt seinen Untiefen in der Dunkelheit. Nur ab und zu pflügt ein Auto wie ein Motorboot durch die ertrinkende Dunkelheit, erhellt mit seinen Scheinwerfern für einen kurzen Moment die Szenerie und lässt mich geblendet die Augen zusammenkneifen. Doch jedes dieser Lichter, das sich anmaßt, die undurchdringbare Wand aus Regen und Dunkelheit zerschneiden zu wollen, erscheint wie ein Eindringling aus einer anderen Dimension.
Dieser Ort, diese Zeit, diese Dunkelheit und dieser Regen, sie scheinen nur für mich da zu sein. Umschließen mich, nehmen mich auf, bis ich mich geborgen fühle. Während sich leise Musik durch meine Kopfhörer den Weg in mein Gehör sucht, fühle ich mich immer weiter von dieser Welt entrückt. Ein neues Zuhause? Endlich eine Heimat? Doch leider spüre ich, dass die Antwort auf diese Frage negativ ausfällt. Auch wenn es sich anfühlt, als würde diese Nacht ewig dauern, als würde in wenigen Stunden kein neues Licht, kein neuer Morgen die Straßen der Stadt erhellen, weiß ich dennoch, dass diese Nacht irgendwann enden muss, dieser Moment jedoch endlos ist. Er ist nicht einfach nur eine Falte in Raum und Zeit, eine Verwerfung die Zuflucht vor dem Trubel, der Angst, der Panik des Alltags verheißt, nein, er ist ein Alkoven zwischen den Dimensionen, der sich, wenn ich mich der Dunkelheit hingebe, wie die Arme einer imaginären Mutter um mich schließt, mich der Realität entzieht und mir das Gefühl unvergleichlicher Ruhe verleiht. Was gestern war wird fortgespült von den im Schutz der Nacht verborgenen stellaren Bächen, welche sich aus den Wolken auf mich ergießen. Was die Zukunft unvermeidlich zu bringen scheint wird in Dunkelheit gehüllt und lässt mich wie unschuldiges Neugeborenes, wie den letzten Welpen eines Wurfs, zurück. Während die dicht an dicht gedrängten Häuser neben mir langsam vereinzelten Bäumen und schließlich einem Wald weichen, entsteigt mein Wesen meinem Körper wie die Seele einem Sterbenden. Ich fühle nichts, meine Beine bewegen sich automatisch, suchen ihren Weg über den immer unwegsameren Pfad. Frei von allen Gedanken, Gefühlen und Emotionen wandere ich eine Ewigkeit durch diese unsagbare Dunkelheit, nicht ich selbst, kein anderer, noch nicht mal ein Mensch.
Doch tragen mich meine Beine unvermeidlich irgendwann wieder an meinen Ausgangspunkt zurück. Mein Wesen, das sich so frei anfühlte, wird zurück in seinen Käfig gesperrt. Zwar hat der Regen inzwischen aufgehört, doch prasselt nun ein Sturm aus Erinnerungen, Verpflichtungen und Gedanken auf mich ein, deren Gewicht ich für wenige Momente vergessen hatte. Auch der Schmerz und die Beklommenheit sind wieder da. Dennoch bin ich nicht beunruhigt. Ich stelle mich den Aufgaben und der Last von neuen, gestärkt und gesammelt durch die Auszeit. Zuversichtlich, lose Enden zusammenfügen zu können, das Paket auf meinen Schultern leichter machen zu können. Denn ich bin wie Atlas, der für einen kurzen Moment von Herakles erlöst wurde. Ich kann meiner Last nicht entfliehen, denn es ist meine Bürde, sie zu schultern. Doch spüre ich, weiß ich, dass die Welt, die auf meinen Schultern ruht, immer weiter schrumpft, dichter und leichter wird. Irgendwann, in nicht allzu ferner Zukunft, kann ich sie in eine Hand nehmen und sie betrachten. Dies ist meine Vergangenheit, die zu meiner Zukunft wird. Doch trage ich sie nicht mehr auf meinen Rücken. Ich habe sie vor meinen Augen. Sehe ihre Eigenheiten, Feinheiten und Irrungen. Dies wird der Moment sein, in dem ich aus der Dunkelheit heraustrete, in dem der Regen hinter mir liegt und ich in das Angesicht der Sonne schreite, um meinen Weg vom hellsten Licht erleuchtet selbst zu suchen.