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Tantra
"In diesen Erinnerungen lag eine unbeschreibliche Süßigkeit, denn der Roman, den die frömmelnde Phantasie der gläubigen Seelen mit dem höchsten Wesen spielt, von dem sie sich bald verlassen und bald wieder angenommen glauben, bald eine Sehnsucht und einen Hunger nach ihm empfinden und bald wieder in einem Zustande der Trockenheit und Leere des Herzens sind, hat wirklich etwas Erhabnes und Großes und erhält die Lebensgeister in einer immerwährenden Tätigkeit, so daß auch die Träume des Nachts sich mit überirdischen Dingen beschäftigen, wie denn Reisern einst träumte, daß er in die Gesellschaft der Seligen aufgenommen war, die sich in kristallnen Strömen badeten." (Anton Reiser)
Und so ergab es sich, dass ich heute, als ich mich zum letzten Mal ins Root Institut begab, um ein paar Fotos zu machen, mitbekam, dass um 4 pm eine Guru Puja für das lange Leben von Lama Zopa stattfinden würde auf der Nordseite der Mahabodhi Stupa. Da breitet auch ein uralter Bodhi Baum seine Arme aus, wenn auch nicht so unfassbar groß und breit wie der auf der Westseite. Just unter diesem Baum hatte ich vor 23 Jahren, 1993, meine erste Guru Puja (Lama Chöpa) absolviert. Damals konnte ich kaum folgen, verlor immer die Textstelle, musste also oft die Nachbarin fragen, wo wir waren, während das Folgen mir heute, auch wenn ich seither die Guru Puja ausschließlich auf Deutsch rezitiert hatte, keinerlei Schwierigkeiten bereitete, obwohl die Rezitatorin das Englische so schnell sprach, als wollte sie einen Weltrekord aufstellen und den tibetischen Gesang ziemlich vernuschelte und vermanschte.
Obwohl mir also alles inhaltlich wohlvertraut war, fühlte ich mich ein ganz klein bisschen als Fremdkörper. Ich war eindeutig der Älteste und bin möglicherweise für viele junge Westler auf Anhieb schwer einzuschätzen. Das tat aber nichts zur Sache, denn die Guru Puja ist eine vollständige Übung des tibetischen Tantra, der Einübung einer anderen, göttlichen Wirklichkeit, in der alle Wesen aus Licht göttlichen Ursprungs bestehen und sich in kristallenen Strömen baden.
Bin dann noch endlos im Uhrzeigersinn um die Stupa herum gewandert, heilige Mantren murmelnd, die kristallene Mala betätigend. Konnte mich kaum losreißen. Das künstliche Licht hatte etwas überirdisches. Anstatt mich hinaus in die indische Katastrophe zu stürzen, gewillt, keine Gelegenheit zu versäumen, jemanden glücklicher oder weniger unglücklich zu machen – Anhaftung (!) an die leicht überirdische Glückseligkeit, die wie ein kristallner Strom die Mahabodhi Stupa umfließt. Aber jede Anhaftung lässt nach, darüber braucht man sich keine Sorgen zu machen. Musste auch ganz profan auf Toilette. Dort ergab sich, im Halbdunkel kaum erkennbar, ein kristallner Strahl, leicht ins Goldne spielend.