Die Geschichte des Hofes Schulte-Rauxel
Die Ursprünge des Hofes Schulte-Rauxel gehen weit zurück in eine historische nicht mehr belegbare Zeit.
Auf den westfälischen Höfen saß ein Schultheiß. Das war im Mittelalter die unterste Verwaltungseinheit. Der Schultheiß war eine Art Bauernvorsteher mit der Aufgabe “die Schuld zu heischen”, d. h. Abgaben und Dienste für den Landesherren (Grundherren) einzufordern.
Das Amt des Schulte war in der Hofstätte gegründet und nicht auf die Person bezogen. Hof wie Amt waren vererbbar.
Von der Familie Schulte-Rauxel wird erstmals im Jahre 1665 in den Kirchenbüchern berichtet. Seit 1670 heißen alle männlichen Hoferben Wilhelm Schulte-Rauxel. Der letzte Namensträger, Dr. Dietrich-Wilhelm Schulte-Rauxel, der Großvater der heutigen Eigentümer (12 Generation), verstarb 1969. Der Name Schulte-Rauxel verblieb als Firmenname.
Der Grad der Abhängigkeit vom Grundherren waren in den deutschen Regionen unterschiedlich. In Westfalen gab es im 19. Jahrhundert keine absolute Leibeigenschaft mehr. Die Bauern mussten den Grundherren Pacht zahlen, Hand- und Spanndienste leisten und durften z. B. nur mit dessen Erlaubnis heiraten. Der Grundherr von Schulte-Rauxel waren die Grafen von Bodelschwingh.
In Preußen wurden derlei Vorrechte des Adels in den Stein-Hardenbergschen Reformen 1811 im Grundsatz abgeschafft. Die Bauern, die sich von jeglichen Verpflichtungen gegenüber dem Grundherren lösen wollten, mussten diesem aber eine erhebliche Ablösesumme bezahlen. Das tat als erster im Dorf Rauxel Dietrich-Wilhelm Schulte-Rauxel (7. Generation) 1835.
Im Herbst 1835 bejagte die Bodelschwinghsche Jagdgesellschaft zu Pferde die Fluren so wie sie das seit eh und je tat. Auf seinem Acker trat ihm der Schulte-Rauxel entgegen und sagte: “ Herr Baron, hier dürfen Sie nicht mehr jagen! Das Land gehört jetzt mir!!” Zwei Herzschläge lang blankes Entsetzen auf beiden Seiten. Dann der Bodelschwingher: “Ach Schulte-Rauxel, Sie haben Recht. Wir leben ja in einer neuen Zeit!” Sprach`s und zog ab.
Der alte Hof Schulte-Rauxel stand im Dorf Rauxel. Er brannte 1838/39 ab, was ausgehend von den offenen Herdfeuerstellen häufig vorkam.
Dietrich-Wilhelm Schulte-Rauxel, damals schon über 60 Jahre alt, beschloss, den Hof um ca. 150 m ostwärts zu verlegen an den Fußpunkt des Rieperberges. An der neuen Stelle gab es nicht nur mehr Platz, sondern vor allem reichlich Wasser. Es wurde nicht nur ein neuer Hof gebaut, sondern auch neue Brennerei.
Im Gründungsjahr der Kornbrennerei im Jahr 1848, hatte Castrop knapp 1000 Einwohner. Allerdings 17 Kneipen, in denen weitaus mehr Branntwein als Bier verzehrt wurde. Dieses war - zu jene Zeit - von miserabler Qualität und wurde ganz schnell sauer. (Angeboten wie Sauerbier). Ein Liter Korn kostete damals 57 Pfennige.
Der Branntwein wurde damals auf offenem Feuer destilliert, ohne das die gesamte Anlage, so zumindest die Hoffnung, durch Alkoholdämpfe in die Luft flog.
Bereits 1858 wurde auf Schulte-Rauxel die zweite Dampfmaschine Castrops aufgestellt. Sie betrieb eine Getreidemühle. Die Destillation erfolgte durch Dampf. Die Explosionsgefahr wurde dadurch minimiert, wenngleich noch längst nicht gebannt, denn man hantierte ja nach wie vor noch 30 Jahre mit offenem Licht (Stalllaterne).
Die Elektrifizierung von Brennerei und Hof erfolgte durch den Sohn des Gründers (1826-1880). Nun gab es elektrisches Licht, elektrisch betriebene Pumpen, erstmals fließendes Wasser(!) und damit weitgehend unbekannt, auch ein WC.
Dieses Institut löste in der Familie allergrößtes Interesse aus. Von nah und fern kam die Verwandtschaft, um dieses Wunderwerk zu bestaunen.
Der Einzug der Elektrizität in der Brennerei interessierte weniger.
Bergbau und Industrialisierung ergriffen Besitz vom Ruhrgebiet. In der Schaffensperiode des Gründerenkels (1855-1935) wandelte sich Castrop vom Dorf zur Industriestadt. Die Einwohnerzahl explodierte in den dreißig Jahren vor dem ersten Weltkrieg. Der alte Schulte-Rauxel fuhr mit seinen Ochsengespannen vor die Zechentore. Die Bergleute nahmen einen viertel Liter Korn - vergleichsweise sehr niedrig prozentig - mit unter Tage, um die fürchterlichen Arbeitsverhältnisse des damaligen Bergbaus aushalten zu können. Mit der Schlempe die beim Brennvorgang übrig blieb, wurden die Ochsen gemästet.
Die Firma Schulte-Rauxel erreichte den wirtschaftlichen und finanziellen Zenit der Firmengeschichte. Nach dem ersten Weltkrieg erfolgte ein umso tieferer Fall. Das Vermögen des Unternehmens ging in der Inflation zum Großteil unter.
Bei der Besetzung des Ruhrgebiets durch die Franzosen strömte Alkohol unkontrolliert ins Land, weit unter den Erzeugungskosten der ansässigen Brennereien. Von den 12 Brennereien, die es damals in Castrop gab, mussten 9 aufgeben.
Während des Nationalsozialismus durfte nur noch Getreide zu Alkohol verarbeitet werden, das für die Ernährung unbrauchbar geworden war. Im Verlauf des zweiten Weltkrieges folgte bald ein totales Brennverbot für Kornbrennereien.
1944 deckte eine Luftmine alle Dächer des Hofkomplexes ab und zerstörte die Brennereigeräte. Notdürftig “geflickt” begann schon 1945 wieder der Brennereibetrieb mit “Bergmannsschnaps” unter britischem Schutz und Kontrolle.
Nach der Währungsreform 1948 wandelte sich die Konsumwelt. Verbrauchermärkte wuchsen wie Pilze aus dem Boden. Dr. D. W. Schulte-Rauxel glaubte, seinen Traditionskunden, den Gastwirten verpflichtet zu sein und weigerte sich, an die neuen Vertriebsformen zu liefern. Die Gastwirtschaft an der Ecke verschwand lautlos und damit fast auch die Firma Schulte-Rauxel.
Noch rechtzeitig zog sich die Firma aus dem Trinkbranntweingeschäft zurück und verlegte sich ganz auf die Produktion von hochprozentigem (95 %) Alkohol. Eine grundlegende Sanierung der über 100 Jahre alten Gebäude und eine Modernisierung der Brennereianlage auf hohem technischen Niveau unter der erfolgreichen Leitung von Dr. Reinhard Hirschmann und seiner Ehefrau Almuth, geb. Schulte-Rauxel ermöglichten stabile Jahre, bis 2002 eine EU Gesetzgebung das Kornbranntweinmonopol abschaffte und damit auch die vor der Wende immerhin dritt größte Brennerei der Republik unwirtschaftlich machte.
Seit dem bemühen sich Konrad Hirschmann und seine Frau Karin Ahlrichs, mit Unterstützung der Brüder Christoph und Wilhelm Hirschmann, dem alten Hof ein neues Gesicht zu geben. Die Ansiedlung von Handwerksbetrieben, der Feuerwehr und kulturell engagierten Unternehmen haben den Hof wieder mit Leben gefüllt.
Wir freuen uns, wenn alle Bewohner, Beschäftigte und Besucher das schöne Ambiente des Hofes genießen können.