Eher ein praktischer Mensch
Ehrlich gesagt kann ich es noch nicht ganz glauben. Wenn ich morgens aufstehe, kommt es immer wieder vor, dass ich meine Schulunterlagen ansehe und nachgucke, ob das Ergebnis da tatsächlich immer noch steht.
Ob das Kreuz bei "Die Abiturprüfung wurde" tatsächlich bei "bestanden" eingetragen ist.
An sich ist es ja nicht unbedingt etwas besonderes, sein Abitur nachzuholen. Das machen etliche Menschen. Als Fernlehrgang oder an Abendschulen, an Tageskollegs oder wo auch immer.
Zwei, drei oder sogar vier Jahre lernen, lange nach der eigentlichen Schulzeit. Selbst gewähltes Schicksal könnte man auch sagen. Es zwingt einen ja niemand.
Warum das für mich so viel bedeutet, dennoch mein Abitur nachgeholt zu haben? Ganz einfach. Weil es Menschen gab, die überzeugt waren, dass ich dazu nie in der Lage sein würde.
So wie mein Mathelehrer früher. Der war überzeugt, dass ich "im ganzen Leben mein Abitur nicht bestehen" würde. Oder meine Lateinlehrerin damals. Die überzeugt war, dass ich auf einer Realschule besser aufgehoben wäre.
Als ich während eines Praktikums meinen Musiklehrer traf, meinte der: "Wissen Sie, Benedikt, ich wusste schon immer, dass Sie eher ein praktisch veranlagter Mensch sind."
Auch mein Nachhilfelehrer in Mathe meinte nur: "Oh Mann, bist du dumm."
Dass ich keine Leuchte in Mathe war, hat mir wohl so einiges verbaut damals im Gymnasium. Ich hatte das Gefühl nichts zu verstehen. Beim Anblick von Zahlen, Unbekannten, Integralen und ähnlichem war ich einfach blockiert.
Nachdem ich dann die Schule abgebrochen hatte, weil mir mein Coming-Out in die Quere kam, hatte ich folgerichtig kein Abitur in der Tasche. Das war durchaus belastend. Vor allem, weil es die Auffassung meiner Lehrer in jeder Hinsicht bestätigte.
2011 wollte ich es wissen. Ich wollte herausfinden, ob meine Lehrer richtig lagen. Ob ich das, was für den Erwerb des Abiturs vorausgesetzt wird, nicht verstehen würde. Und tatsächlich, gerade in Mathe bestätigten sich alle Unkenrufe meiner Lehrer von früher. Fünf Punkte. Also gerade mal eine Gnaden-Vier.
Der Wechsel in die Kursphase veränderte alles. Ich hatte mir meine Fächer so zusammengestellt, dass auch bei Schwierigkeiten in Mathe, mein Abitur nicht allzu schlecht ausfallen würde. Zumindest hoffte ich das. Dazu hatte ich das Glück an eine Mathe-Lehrerin zu geraten, die nicht nur didaktisch äußerst fähig war, sondern deren Ehrgeiz es war, jedem Schüler Mathematik verständlich zu vermitteln.
Ich verstand plötzlich, wie Vektor-Rechnung funktionierte, hatte keine Probleme mehr mit Kurvendiskussion, verstand Stochastik und plötzlich gab es auch keine Blockade mehr. Ich begann Mathe toll zu finden. Es machte mir Spaß immer schneller Aufgaben lösen zu können. Und meine Lehrerin motivierte mich. Sie förderte, aber sie forderte auch.
Klar, ab und zu gab es auch mal einen Rückschlag und es lief nicht nur brillant. Das Ergebnis ist es aber, das zählt.
Nachdem alle Prüfungen gelaufen waren, war ich nervös, aufgeregt und beinahe schon ein nervliches Wrack. Die Prüfungen lagen Wochen zurück und je länger die Ergebnisse auf sich warten ließen, umso mehr Zeit hatte ich, über eventuell gemachte Fehler nachzudenken.
Bei der Bekanntgabe der Ergebnisse hoffte ich, zumindest bestanden zu haben. Dass ich dann ungläubig und vor Freude hüpfend in der Aula meiner Schule stehen würde, hätte ich vor drei Jahren nicht geglaubt.
Eine glatte Eins im Mathe-Abi, dazu einen Einserschnitt, der mir alle Möglichkeiten lässt, zu studieren, was ich möchte, das war niemals abzusehen.
Und es straft die Lehrer Lügen, die mich als Schüler abgeschrieben hatten. Die - weil Sie Besserwisser und keine Lehrer waren - mir in meiner Pubertät und auch in meiner Jugend den Glauben an meine eigene Leistungsfähigkeit genommen haben. Diejenigen, die mich haben glauben lassen, dass ich nicht intelligent genug bin.
An der Abendschule habe ich Lehrer kennen gelernt, die lehren. Die einem etwas beibringen. Die sich bemühen, damit man versteht. Sicher, auch da gibt es Lehrer, die allen zeigen, dass sie diejenigen sind, die studiert haben und die Schüler die Nichtwissenden sind.
Es zeigt aber auch, dass es Menschen geben muss, die an deine Fähigkeiten glauben. Die dich unterstützen.
Viele Lehrer müssen lernen, dass sie nicht dazu da sind, Schüler in Schubladen zu stecken und ihnen - vielleicht auch, weil ein Kollege bereits eine vorgefertigte Meinung zu einem Schüler hat und diese im Lehrerzimmer zum Besten geben - Chancen zu verbauen. Sie müssen lernen, die Fähigkeiten und Talente der Schüler zu erkennen und zu fördern. Und da, wo es hakt, Unterstützung bieten.
Sicherlich ist Kritik an einem Schüler richtig und notwendig. Sie darf aber nicht dazu führen, dass Schüler sich dumm oder unfähig fühlen und deshalb Chancen einbüßen.
Ich bin immer noch ein bisschen ungläubig, wenn ich meine Ergebnisse sehe. Ich gucke ab und an immer noch nach, ob ich das nicht doch alles geträumt habe.
Aber ja, da steht "bestanden". Ist ein gutes Gefühl.