Alt-Weltgeschichte
Welcher Autor hat sich nicht schon einmal die alles verändernde Frage gestellt: “Was wäre wenn…?” Was wäre wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte? Was wäre wenn Napoleon Drachen als Leibgarde gehabt hätte? Kommt euch das bekannt vor? Was eine gute Alternativ-Geschichte ausmacht, was wir an ihr lieben und welche Schwachpunkte sie manchmal aufweist erforschen wir in diesem Artikel.
Was ist eine Alternative Weltgeschichte?
Alternative Weltgeschichte wird im Deutschen auch ‘Uchronie’ genannt. Meist basieren alternative Weltgeschichten auf einem Event das sich von unserer realen Geschichtsschreibung unterscheidet. Das ‘E’ im M.I.C.E.-Quotienten steht also im Vordergrund, wenn ihr die Schwerpunkte eurer Story festlegt. Ausgehend von diesem Divergenzpunkt plant ihr den Rest eurer Welt. Denn ändert man ein Ereignis; hat es weitreichende Folgen, wie den ‘Ripple-Effect’, den man beobachten kann, wenn man einen Stein ins Wasser wirft. Ich stelle mir auch gerne eine kleine Zeitreise vor. Ich suche mir ein Ereignis aus der Geschichte heraus und versuche nachzuvollziehen, was sich für meine Gesellschaft, meine Politik und Wirtschaft im Vergleich zur realen Welt geändert hätte.
Wo liegen die Grenzen des Sub-Genres?
Alt-History sollte nicht eine 100%-ige Veränderung für eure Welt bringen. Eure Welt ist auch die uns bekannte Welt. Zumindest soweit, dass die Geschichte ihren Ursprung in unserer Realität hat. Geschichten die ohne alternative Weltgeschichte auskommen wären in dem Fall Fantasy-Romane mit einem eigenen Setting, oder gegebenenfalls Science Fiction Romane die soweit in der Zukunft und entfernt von unserer Kultur stattfinden, dass die Erde als ihr Ausgangspunkt nicht mehr von Relevanz ist.
Die Grenzen verschwimmen jedoch bei näherer Betrachtung. Viele Bücher lassen sich als alternative Weltgeschichten interpretieren, je nachdem wie weit man den Bogen spannt. Manche weltverändernden Events liegen schon Jahrtausende in der Vergangenheit einer Geschichte, andere wiederum werden erst in dem Moment zu einer alternativen Weltgeschichte wenn der Hauptcharakter die Bühne betritt.
Wie finde ich den richtigen Moment?
Je nachdem wie viel und wie gerne man sich ein Outline zu seinem Buch-Projekt erstellt, muss man sich vorab diese Frage stellen: Welches Ereignis führte zu dem Universum, welches meine Leser auf den ersten paar Seiten zu sehen bekommen?
Was für eine Geschichte möchte ich schreiben? Welche Gesichtspunkte sind für mich besonders interessant? Wenn man sich über sein Setting nicht sofort im Klaren ist, fragt euch für welche historischen Ereignisse ihr ein besonderes Interesse hegt. Ihr werdet wahrscheinlich keine Geschichte von mir finden die in der alten DDR oder BRD spielt, da mir diese Zeit zu nah dran ist. Lara hingegen findet die Politikgeschichte vor der Wende spannend und könnte ihre Charaktere mit Leichtigkeit in diese Zeit pflanzen. Andersherum wird sie wahrscheinlich keine ihrer Geschichten im alten Griechenland spielen lassen, da sie die Antike und Göttersagen wenig abgewinnen kann.
Oft frage ich mich auch welche Epoche eine interessante Geisteshaltung an den Tag legte. Wie würde unser 21. Jahrhundert zum Beispiel aussehen, wenn wir immer noch nach einer viktorianischen Sittenlehre leben müssten? Wenn ich ein bestimmtes Gefühl im Leser heraufbeschwören will, dann kann ich an dieser Stelle nach Ereignissen in der Geschichte gucken, die ähnliche Emotionen in mir heraufbeschwören.
Bleiben wir bei der Geschichte bei der das Viktorianische Zeitalter heute immer noch besteht. Als Autor frage ich mich was ich tun muss, um diese Idee für den Leser realistischer zu gestalten. Ich würde also in diesem Fall nach Ereignissen suchen, die Königin Viktorias Herrschaft verlängern und/oder ihren Einfluss noch weiter verstärken würden.
In diesem Universum regiert eine Nachkommin Königin Viktorias über weite Gebiete der Welt und Kolonialherrschaft ist weiterhin die Norm. Um meine Geschichte glaubwürdig zu machen, reicht es in dem Fall nicht, dass Auskommen einer einzelnen Schlacht, einer Handelsroute oder das Schicksal einer einzelnen Person zu verändern. Meine alternative Geschichte soll größere Wellen schlagen. Ein einzelner Strang ist nicht genug Veränderung um mein Setting glaubwürdig zu machen. Um alles besser abzurunden sucht man nach mehreren Möglichkeiten und neuen Ausgängen bis man genug Stoff hat Dinge glaubwürdig erscheinen zu lassen.
Eines ist dabei besonders zu beachten:
Je weiter das alternative Ereignis von der Gegenwart der Story entfernt liegt, desto alternativer zu unserer eigenen Welt wird sie. Je kürzer die Distanz, desto näher liegt die Story an unserer Realität.
Erkauft euch den Glauben eurer Leser, indem ihr hier und da genug historische Fakten in eure Story streut, um den Eindruck zu vermitteln ihr wüsstet jedes noch so kleinste Detail. Der Leser muss nicht wissen, dass ihr keine komplette Weltgeschichte recherchiert habt. Für die viktorianische Story muss ich zum Beispiel nicht komplett ausarbeiten in wie weit sich die Mode zu Hofe auf das allgemeine Volk ausgewirkt hätten. Ein paar nähere Details was genau meine Charaktere tragen, ist genug den passenden Eindruck zu erwecken. Ein paar kleine Wahrheiten erkaufen euch auf lange Sicht mehrere große Lügen.
Recherche ist die Mutter der Porzellankiste
Eine gute Recherche ist dabei das A und O. Alternative Geschichten haben viel mit Historie und politischen Machenschaften zu tun. Deswegen würde ich jedem raten, der einen solchen Roman schreiben will, von vornherein schonmal viel nachzuschlagen, bevor er anfängt zu lesen. Es gibt nichts schlimmeres nach 50.000 Wörtern festzustellen, dass man einen großen Fehler in seine Geschichte hineingeschrieben hat, der sich weder gut weg-erklären, noch so einfach bearbeiten lässt.
Im Anhang findet ihr zwei Bücher, die mir viele Fragen beantworten, wenn ich an einer alternativen Weltgeschichte arbeite. Ich hoffe der Artikel hat euch inspiriert und euch ein paar neue Denkansätze gegeben. Behaltet eure tollen Ideen nicht für euch, sondern haut in die Tasten und lasst uns vielleicht einen coolen Kommentar da. Was ist eure liebste alternative Weltgeschichte? Was würdet ihr gerne mal lesen, oder selber schreiben?
Seid kein unbeschriebenes Blatt, schreibt weiter!
G. D. Angier
Bibliografie
http://www.uchronia.net/
-> (In Englisch) Gibt euch einen Überblick über die literarischen Werke, die sich mit alternativen Weltgeschichten befassen und Bücher die in einer solchen Welt spielen. Die Seite wird immer regelmäßig geupdated und man findet dort sehr schnell neue Bücher, wenn man neuen Lesestoff braucht.
How to Invent Everything: A Survival Guide for the Stranded Time Traveler - Ryan North
-> (In Englisch) Das Kompendium für Autoren die ihre Bücher in einer alternativen Zeitlinie spielen lassen wollen oder planen Zeitreise als Element in ihrer Geschichte zu benutzen. Das Buch fängt mit der Entstehung unseres Planeten an und endet im 21. Jahrhundert. Es werden nicht nur prähistorische Events beachtet, sondern ganze geologische Zeitalter erklärt. Besonders gut gefällt mir hier der Detailreichtum. Der Autor bearbeitet nicht nur gesellschaftliche Aspekte auf, sondern erklärt unter anderem auch wie z.B. Webstühle und Penizillin funktionieren.
The Timetables of History - Bernard Grun
-> (In Englisch) Etwas trockener und sachlicher als ‘How to Invent Everything’, als Nachschlagewerk und für Recherche aber wunderbar geeignet. Das ganze Buch ist eine kontinuierliche Tabelle die weltweite Ereignisse zu verscheidenen Themen aufgreift. Durch die Art der Darstellung bekommt man ein sehr abgerundetes Bild vom Entwicklungstand verschiedener Länder und Kulturen. Besonders schön hierbei ist, dass nicht nur die westliche Welt betrachtet wird, sondern globale Ereignisse zu finden sind.












