Penthesilea und ihre tödlichen Schwestern
Von Johanna Schmeller, 09.04.2008
Die Amazonen waren wild, grausam, kriegerisch. Sie schnitten sich die rechte Brust ab, um besser Pfeile schießen zu können. Die mythischen Frauen verachteten das stolz alles Männliche, doch wurden sie von den Griechen vergöttert. Jetzt geht ein Forscher der Legende nach und deckt Wahrheiten auf.
Sie waren geboren, um zu siegen. Jeder kennt das Abbild der Amazonen: Launische, mordlüsterne Töchter des Kriegsgottes Ares, eingeschnürt in gepanzerte Rüstungen und schwer bewaffnet. Die Grausamkeit der antiken Kriegerinnen ging so weit, dass sie sich die eigene Brust abtrennten, um beim Speer werfen und Bogenschießen ihren männlichen Kontrahenten in nichts nachzustehen. So zumindest will es die Sage wissen. Kaum ein antiker Mythos erzeugt bis heute ähnlich ambivalente Gefühle: Ressentiment. Respekt. Faszination.
Mit "Amazonen: Frauen, Kämpferinnen, Städtegründerinnen" legt der Berliner Archäologe Jochen Fornasier jetzt einen reich illustrierte Studie vor, die sich der geschichtswissenschaftlichen Aufarbeitung der Amazonensage und ihrem Nachwirken widmet. Fornasier liest die historische Texte neu und leistet eine eigene Interpretation, gelegentlich auch jenseits der etablierten Lehrmeinung.
Amazonen verbrannten die Brust zu Kampfzwecken
Er befindet sich dabei in guter Gesellschaft. Der aktuelle Versuch des österreichischen Schriftstellers und Komparatisten Raoul Schrott, das Rätsel Homer zu lösen und seine Heimat und historischen Vorlagen in Kilikien zu verorten, bewegt seit Monaten die Gemüter - nicht nur der Altertumswissenschaftler. In der Aufarbeitung des Amazonenmythos' unterfüttert Fornasier ein ähnlich eindrucksvolles geschichtshistorisches Gedankengebäude: Was, wenn es das renitente, unberechenbare Frauenvolk wirklich gegeben hätte?
Die große Strahlkraft der antiken Kämpferinnen lässt sich leicht nachvollziehen. Als "männertötend" beschreibt sie Herodot. Tieren ähnlich, sollen die wüsten Damen nur bei der Fortpflanzung zur Duldung des Männlichen bereit gewesen sein. Allein die größten, erfolgreichsten Feldherren ihrer Zeit schienen ihnen akzeptable Väter für ihre Nachkommen zu sein. So erkor die Amazonenkönigin Thalestris keinen Geringeren als Alexander den Großen zum geeigneten Partner. 35 Tage soll sie mit 300 Gefährtinnen zu ihm gereist sein, Steppen und Gebirgszüge überwindend, während er gegen das persische Großreich zu Felde zog. Alexander lud die eintreffende Halbgöttin bereitwillig ein, dreizehn Tage in Frieden zu verweilen. Bevor sie schwanger den Rückweg antrat.
Wenn eine Amazone denn überhaupt Kinder gebar, zog sie lediglich ihre Töchter groß. Den Mädchen wurde nach den Darstellungen einiger Zeitgenossen noch im Kindesalter die beim Kampf störende rechte Brust weggebrannt (daher die verbreitete etymologische Ableitung: a-mazos = brustlos). Die linke blieb, um später den eigenen Nachwuchs ernähren und die genealogische Linie fortführen zu können. Ihren Söhnen dagegen amputierten die Amazonen beide Unterarme und -schenkel. Das Kalkül: So verstümmelt und zur lebenslangen Hilflosigkeit verdammt, bedeuteten die Knaben wenigstens keinerlei Gefahr, wenn sie erwachsen würden.
Kaltes Ablehnen und tiefes Begehren
Trotz ihrer abstoßenden wie barbarischen Gebräuche blieben die Amazonen ein reizvolles Motiv für die Griechen. Über 300 Vasenfunde "zeugen" allein vom Zusammentreffen des Herakles mit den Amazonen, und gemeinsam mit Kentauren und Giganten waren sie ein typisches Bildelement des sakralen Tempelschmucks. Die Amazonen sollen laut Pindar sogar für ein Weltwunder verantwortlich sein: für den Bau des Artemistempels auf Ephesos. Spuren der Amazonensage führen aber auch an die Küsten des Schwarzen Meeres, nach Kleinasien, ins westliche Libyen und sogar ins südliche Russland.
Die Hauptstadt der Amazonen, Themiskyra, wird an der Schwarzmeerküste verortet. Von dort aus starteten sie ihre Kriegszüge. Und während die Gattinnen der Griechen, ganz dem damaligen Weiblichkeitsideal gemäß, ihre Gefährten demütig in den Feldzug verabschiedeten, traten die Amazonen denselben Männern eiskalt und meuchelnd entgegen. Sie waren ähnlich kämpferisch, ähnlich tapfer wie die Griechen und daher nicht mit Körperkraft allein, sondern nur mit Kriegskunst und Klugheit zu schlagen.
Als menschliche Wesen bildeten sie eine wilde "Spiegelwelt" zur griechischen Ordnung: Einerseits wurden die Amazonen daher abgelehnt in ihrer sittlichen Andersartigkeit; sie wurden als Störerinnen der Sitte empfunden. Andererseits bewunderte man ihre Ebenbürtigkeit. Diese Achtung schlug nicht selten in Anziehung um; gelegentlich sogar in eine tiefe, überwiegend erotische Liebe. Die etwa verband den griechischen Helden Theseus mit der Amazonenkönigin Antiope. Sogar der ungeschlachte Achilles verfiel einer Amazone, der von ihm zu Fall gebrachten Penthesilea. 1808 griff Heinrich von Kleist dieses Motiv auf - mit vertauschten Rollen.
Während in der Antike kein Zweifel an einer äußerst realen Bedrohung durch die Amazonen bestand - davon zeugen die Überlieferungen von Autoren wie Herodot, Thukydides, Diodor, Apollodor oder Plutarch - will Fornasier der Nachweis ihrer tatsächlichen Existenz nicht gelingen. Es bleibt beim spannenden Denkmodell.
Auch wenn das Leben und Kämpfen der Amazonen also geschichtswissenschaftlich nicht belegt werden kann, so erfüllte die Sage in der Antike doch eine wichtige sozialintegrative Funktion: Das Abartige, diese kämpfenden Frauen in ihren blutverschmierten Panzern, diente den Griechen als sicherer Garant für die Richtigkeit des eigenen Wertekodex'. Die herrschende Moral forderte Demut, Disziplin und Zucht. Gleichwohl ließ sich an dem rasenden Frauenvolk die Verbindung von Krieg und Eros reizvoll demonstrieren.
Aber selbst dann, wenn Angreiferin und Verfechter der antiken Moral einander nicht lustvoll erlagen, konnte sich kaum einer der griechischen Krieger einer Auseinandersetzung mit den Amazonen entziehen: Ein Sieg gegen die Furcht einflößenden Kriegerinnen kam einer Trophäe gleich und gehörte nun einmal, "paradigmatisch" wie Fornasier sagt, in jede männliche Heldenvita.
Jochen Fornasier: "Amazonen - Frauen, Kämpferinnen, Städtegründerinnen". Verlag Philipp von Zabern, Mainz. 119 S., 19.90 Euro.
Antike: Penthesilea und ihre tödlichen Schwestern - WELT
"Die Schlacht der Amazonen", Ölgemälde von Peter Paul Rubens, 16. Jahrhundert
Was steckt hinter dem Mythos der Amazonen?
"Die Schlacht der Amazonen", Ölgemälde von Peter Paul Rubens, 16. Jahrhundert
Helmut Stapel, 22.06.2023,
Ob es die Amazonen wirklich gegeben hat, weiß bis heute niemand. Doch Legenden zufolge sollen die Kriegerinnen selbst den tapfersten griechischen Kämpfern Angst und Respekt eingeflößt haben
Das Amazonenvolk ist ein Mythos, der seit Jahrtausenden durch die Literatur, die Kunst, die Köpfe und die Geschichte spukt. Zeichnungen und schriftliche Aufzeichnungen zu den sagenumwobenen Kriegerinnen gibt es reichlich – aber ohne Quellenangabe oder konkrete Herkunft.
Das beginnt schon damit, dass nicht einmal gesagt werden kann, woher der Name der Amazonen genau kommt. Die Gelehrten streiten sich und das seit Jahrtausenden. Schließlich sind es nicht die Griechen, die das weibliche Kriegervolk für sich in Anspruch nehmen, sondern Grabfunde in Kleinasienlegen nah, dass es die zu Pferd in den Kampf ziehenden Frauen schon lange vorher gegeben hat. Kleinasien ist der Teil der heutigen Türkei, der geographisch zu Vorderasien gehört.
Namensherkunft der Amazonen unklar
Einige antike Autoren sehen den Ursprung des Wortes „Amazone“ im griechischen Wort „a-mazos“ – was so viel wie „brustlos“ bedeutet. Tatsächlich sollen die Amazonen sich die rechte Brust abgeschnitten haben, damit sie besser mit Pfeil, Bogen und Speer umgehen konnten. Da allerdings auf jeder antiken griechischen Vase mit Amazonen-Bildern jede Kriegerin zwei Brüste hat, gehört dieses Bild dann wohl doch eher in das Reich der Legenden.
Wahrscheinlicher ist dann schon, dass der Gürtel der Amazonenkönigin Hippolyte aus dem griechischen Herakles-Mythos der Namensgeber für das Frauenvolk ist. Immerhin soll der Held Herakles den Gürtel der Hippolyte gestohlen haben: im Griechischen steht das Wort „zone“ für Gürtel. „Ama-zone“ wäre dann gleichbedeutend mit dem Begriff „wohlgegürtet“.
Amazonenmythos als Kunstobjekt
Tatsache ist, dass der Amazonenmythos ab dem 5. Jahrhundert vor Christus mit Vorliebe auf griechischen Vasen und später auch römischer Keramik abgebildet wurde. Die Römerinnen und Römer waren von der Geschichte des Frauenvolks begeistert und tauften Herakles kurzerhand in Herkules um. Doch woher stammen nun die wagemutigen Reiterinnen mit der Doppelaxt und dem halbmondförmigen Schild?
Herodot zieht Verbindung zu Sauromaten und Skythen
Während einige griechische Autoren die Amazonen aus Gewohnheit im Reich der Dichtung und Epen ansiedelten, zeichnet der Historiker Herodot im 5. Jahrhundert von Christus erstmals ein greifbareres Bild. In seinen Historien schreibt er davon, dass das Volk der Sauromaten aus einer Vermischung von Skythen und Amazonen entstanden sei.
Die Skythen waren ein Reiternomadenvolk, das um das 8. Jahrhundert vor Christus herum in den eurasischen Steppen zwischen dem Schwarzen Meer und der heutigen Ukraine gelebt hat. Im 4./3. Jahrhundert vor Christus wurden sie von den Sauromaten unterworfen.
Gefürchtete Kriegerinnen aus der Türkei?
Wo aber haben denn nun die Amazonen ursprünglich gelebt – wenn es das sagenumwobene Frauenvolk denn gegeben hat und wann? Die möglichen Orte sind ebenso vielfältig wie die Jahreszahlen. Immerhin gab es mehrere Jahrhunderte vor dem Jahr Null noch keine Notiz-Kalender – weshalb vieles überliefert ist, aber nicht unbedingt stimmen muss. Das trifft übrigens auch auf den bekannten griechischen Dichter Homer zu, dessen wirkliche Existenz bis heute nicht abschließend und verlässlich geklärt ist.
Er zumindest erwähnt die Amazonen in seinen Mythen rund um Troja – was bedeuten würde, dass die Amazonen schon zur Zeit des Trojanischen Krieges– dessen Existenz ebenfalls nicht belegt ist – existiert haben: also rund 1200 vor Christus. Dann wiederum soll Priamos, der König von Troja, am Fluss Sangarios gegen die Amazonen gekämpft haben. Das würde das kriegerische Frauenvolk in der heutigen Türkei ansiedeln.
Ein Frauenvolk aus Afrika?
Der Geschichtsschreiber Diodor wiederum berichtet im 1. Jahrhundert vor Christus, dass Völker von Amazonen in Nordwest-Afrika noch vor den Amazonen in Kleinasien gelebt haben sollen. Später widerruft er die mögliche Existenz der sogenannten lybischen Amazone und schreibt mögliche Angriffe auf Athen lieber wieder den kleinasiatischen Amazonen zu.
Mythos der Amazonenkönigin: Penthesilea & Co
Ob es die Amazonen nun gegeben hat oder nicht: Beflügelt haben sie die Phantasie der griechischen Schreiber und Erzähler reichlich. Die bekanntesten literarischen Königinnen der Amazonen sind:
Otrere, Geliebte des olympischen Kriegsgottes Ares, erbaut den Tempel der Artemis in Ephesos
Hippolyte, Tochter von Otere und Ares, hat als einzige Amazone einen Keuschheitsschwur abgelegt
Penthesilea, tötet ihre eigene Schwester Hippolyte bei der Jagd und wird bei Troja von Achill besiegt – der sich in die sterbende Amazone verliebt
Myrina, führt eine militärische Exkursion in Libyen an, besiegt die Atlanter und verbündet sich mit den ägyptischen Herrschern
Thalestris, letzte namentlich genannte Amazonenkönigin, trifft 330 vor Christus den griechischen Eroberer Alexander den Großen
Wahrheit oder Legende – belegt davon ist nichts. Überliefert ist, das Thalestris ihr Reich am Thermodon gehabt haben soll, einem sagenhaften Fluss aus der griechischen Mythologie mit 96 Mündungen. Hier soll die Hauptstadt der Amazonen, Themiskyra, gelegen haben. Dafür spricht, dass in der griechischen Argonautensage die Krieger wegen der Amazonen nicht wagten, dort anzulegen. Tatsächlich existiert dieser Fluss. Er liegt in der heutigen Türkei, heißt Terme Çayı und mündet gut 50 Kilometer östlich der Küstenstadt Samsun ins Schwarze Meer. Eine Amazonenstatue erinnert in Samsun an den Mythos der Kriegerinnen.
Amazonen als Frauenvolk ohne Männer?
Doch Amazonenmythos hin oder her – eine ganz entscheidende Frage bleibt: Hatten Amazonen gar keine Männer? Waren sie überirdische Wesen oder waren sie sterblich? Mussten sie sich vermehren, haben Kinder bekommen? Auch hierzu gibt es verschiedene Aufzeichnungen ohne Quellenangabe – wie die des griechischen Geschichtsschreibers und Geographen Strabon.
Er berichtet von Amazonen im nördlichen Kaukasus, die sich an zwei Monaten im Frühling mit Männern von benachbarten Stämmen getroffen hätten, um in der Dunkelheit Kinder zu zeugen. Die geborenen Mädchen seien von den Amazonen aufgezogen worden. Die Jungen hätten sie an die benachbarten Stämme abgegeben. Auch soll es verschiedene griechische Inseln gegeben haben, auf den Frauen zeitweise ohne Männer lebten – als eine davon wird Lesbos benannt.
Was auch immer am Amazonenmythos der Wahrheit entspricht oder Legende ist: Zumindest einige Grabfunde sprechen dafür, dass es das kriegerische Frauenvolk wirklich gegen hat. 1927 wurde bei Tiflis in Georgienein gut 3000 Jahre altes Frauengrab entdeckt. Die Grab-Beigaben: ein bronzenes Schwert, eine Speerspitze aus Eisen und die Überreste eines Pferdekopfes. Das alles mag noch nichts bedeuten, aber die gute Frau hatte am Schädel eine schwere Hiebverletzung – und das spricht eher weniger für eine berufliche Karriere bei Heim und Herd.
Amazonen: Das Geheimnis der Kriegerinnen - [GEO]
Karte von Kleinasien aus dem Putzger, 1901: Der gelbe Pfeil zeigt die Amazonen-Stadt Themiskyra. Es handelt sich also nicht wie im Film um eine Insel im Mittelmeer. Allerdings wurden von der Stadt noch keine Überreste entdeckt.
Vase aus dem 5. Jh. v. Chr.: Achilleus tötet Penthesilea – man beachte, dass sie sich dabei in die Augen schauen. Der Moment, in dem sich der Held in seine Gegnerin verliebt.
Warum hat Wonder Woman zwei Brüste? Der antike Mythos der Amazonen
Wonder Woman ist die neue Kinoheldin. Eine Amazone, schön, stark und kämpferisch, versucht, die Welt vor dem Untergang zu retten. Doch was ist dran an dem Amazonenmythos? Ein Ausflug in die Welt der alten Griechen.
Wonder Woman ist eine Amazone. Sie lebt auf der Insel Themiskyra, mitten im Mittelmeer, verborgen hinter einem mysteriösen Nebel. Auf dieser Insel gibt es nur Frauen, erschaffen von Zeus zum Schutz der Menschen. Denn der böse Kriegsgott Ares hat die Menschen vergiftet, sodass sie nicht mehr im paradiesischen Frieden und im Zustand vollkommener Glückseligkeit leben können, sondern sich hassen, bekriegen und töten. So will es zumindest der Film.
Die Amazonen leben nun auf ihrer wunderschönen Insel vor sich hin, erproben sich im Kampf und hüten in ihrem Turm eine Waffe, die stark genug ist, einen Gott zu töten.
Die Frauengesellschaft auf Themiskyra lebt in perfekter Harmonie. Die «Wonder Woman»-Idylle erinnert an Jakob Bachofens Beschreibung des Matriarchats (Gynaikokratie). Eine ursprüngliche Gesellschaftsform vor dem Patriarchat, in dem die Frauen das Sagen hatten, weil sie auf magische Weise mit der Natur verbunden sind. Sie sind die Erschafferinnen von Leben – und eins mit dem Universum.
Dieser Frauenstaat ist laut Bachofen gekennzeichnet durch die «Abwesenheit innerer Zwietracht» und die «Abneigung gegen Unfrieden». Eine Vorstufe der Menschheit also, die noch nichts wusste von Krieg, Verwüstung und Hass.
«Aus dem gebärenden Muttertum stammt die allgemeine Brüderlichkeit aller Menschen.»
Jakob Bachofen, «Mutterrecht»
Dieses romantische Matriarchat, das Bachofen 1861 skizzierte, ist historisch nicht nachweisbar. Ein Mythos. Der aber bis heute vor allem von feministischen Strömungen immer wieder zum Leben erweckt wird.
Die Amazonen in «Wonder Woman» merken in ihrem paradiesischen Refugium einfach nicht, dass draussen schon längst der Erste Weltkrieg tobt. Bis ein Amerikaner vom Himmel fällt und zur Bestimmung Dianas wird: Die Tochter der Amazonenkönigin Hippolyta will ihn auf die Schlachtfelder begleiten, um Ares zu töten. Denn nur so könne man den Krieg beenden, glaubt «Wonder Woman» – und bricht auf, ihre heilige Pflicht zu erfüllen.
Irgendwo zwischen ihrem heldenhaftem Einsatz im Niemandsland und der Vernichtung eines belgischen Dorfes durch das von Isabel «Dr. Poison» Maru entwickelte Senfgas (auch das eine Frau!) beginnt der idealistischen Diana zu dämmern, dass nicht Ares die Menschen böse gemacht hat. Sie sind es selbst! Sie sind eine verzwickte Mischung aus Gut und Böse. Doch trotz all ihrer Fehlbarkeiten entscheidet sich Wonder Woman für den Kampf an der Seite der Menschen. Für das Gute in ihnen. Für die Liebe und die ursprüngliche Brüderlichkeit aller.
Wonder Woman ist eine hochgradig idealisierte Frauenfiktion und ihre Wurzeln reichen bis ins antike Griechenland – zu den sagenhaften Amazonen. Doch wer waren diese kriegerischen Frauen wirklich?
Der antike Amazonenmythos
Die Griechen verlegten dieses mythische Frauenvolk an den Rand der damals bekannten Welt. Anfangs sollen sie im Gebiet der Thraker (Balkan) gelebt haben, als man dieses Gebiet später jedoch erkundet hatte, verschob man ihre Wohnstätte ans südliche Ufer des Schwarzen Meers in die Stadt Themiskyra (Türkei), die vom Fluss Thermodon durchflossen wird.
Keiner der Dichter, Redner und Geschichtsschreiber hat die Amazonen je zu Gesicht bekommen. Wir sehen diese Frauen also stets durch die Augen der griechischen Überlieferung. Fremdsicht, gepaart mit einer ordentlichen Prise Fantasie, die sich vom 7. Jahrhundert bis ins 1. Jahrhundert v. Chr. auch immer wieder der sich verändernden Lebenswelt der Griechen anpasst.
In den Quellen werden diese kriegerischen Frauen als männergleich, männerbezwingend, manchmal auch als männerfeindlich oder männervertilgend beschrieben, sie tragen Waffen, reiten auf ihren Pferden in den Kampf und sie verschmähen weibliche Tätigkeiten. Die Herleitung ihres Namens ist bereits in der Antike umstritten und bis heute ungeklärt. Manche leiteten ihn von «a-mazos» – griech. für brustlos – ab.
Denn die Amazonen sollen gemäss einigen Überlieferungen ihren kleinen Töchtern die rechte Brust verstümmelt oder ausgebrannt haben, damit sie den Bogen ungehindert abschiessen konnten. Auf bildlichen Darstellungen in Tempeln, auf Trinkgefässen und Vasen sind sie allerdings stets mit unversehrten Brüsten zu sehen.
Darstellung einer verwundeten Amazone, bekleidet mit kurzem Chiton (Unterkleid) wie ein attischer Hoplit, jedoch mit einer freien Brust. Römische Kopie nach einem griechischen Original aus dem 5. Jahrhundert v. Chr.
Ihre männliche Nachfahren würden sie laut einigen Autoren ebenso verstümmeln, um sie für den Kriegsdienst untauglich zu machen. Oder sie beseitigten sie gleich ganz.
Gräber von Kriegerinnen – reale Vorbilder der Amazonen?
Auch wenn die Amazonen in der überlieferten Form mythischer Natur sind, wurden viele skythische und sarmatische Kriegerinnengräber mit weiblichen Skeletten gefunden. Archäologen konnten damit belegen, dass es zwischen dem 6. und 3. Jahrhundert v. Chr. in Südrussland, der Ukraine und in Kasachstan Völker gab, bei denen Frauen eine gesellschaftlich hohe Stellung einnahmen und mit Waffen kämpften. In einigen Gräbern fanden sich mehr Waffenbeigaben bei den Frauen als bei den Männern. Die Oberschenkelknochen einiger weiblicher Skelette waren gebogen, die Steissbeine gestaucht, was darauf hindeutet, dass sie schon in jungen Jahren viel geritten waren.
Das erste Mal finden die Amazonen Erwähnung in Homers «Ilias», die irgendwann im 8. oder 7. Jahrhundert v. Chr. entstanden ist:
«Drauf erschlug er die männliche Hord' Amazonen.»
Hier erinnert sich der Held Glaukon an die ruhmreichen Taten seines Grossvaters Bellerophontes, der erst die Chimäre – das feuerspeiende Mischwesen aus Löwe, Drache und Ziege – bezwungen und danach die Amazonen niedergemacht hatte.
In dieser homerischen Kriegerkultur gehörte der siegreiche Kampf gegen die kampferprobten Frauen zum Katalog der Heldentaten. Amazonen mussten also den Männern ebenbürtig sein, denn wären sie zu schwache Gegner, wäre ein Triumph über sie keine ruhmreiche Tat. Doch sie gehörten eher dem Reich des Aussergewöhnlichen an, einer widernatürlichen Welt – so wie die Chimäre. Wesen also, welche die natürliche Ordnung missachten und so die Überlegenheit des Menschen in Frage stellen. Der arachaische Held muss diese Ordnung wiederherstellen, indem er die widernatürlichen Kreaturen besiegt.
Penthesilea und Achilleus
Im 7. vorchristlichen Jahrhundert taucht erstmals eine Amazone mit Namen auf: Penthesileia, eine Thrakerin und Tochter des Ares. Der Kriegsgott als Stammvater der Amazonen! Nicht deren Feind, wie es in «Wonder Woman» erzählt wird. Ares sollte aber vor allem die aussergewöhnliche Kriegsbefähigung der Amazonen (griech. areios) erklären, aktiv tritt er niemals für sie in Erscheinung.
Penthesilea nun kämpft mit ihrem Volk auf der Seite der Trojaner gegen die Griechen. Der beinahe unverwundbare Achilleus tritt gegen sie an und besiegt sie. Doch noch während die Amazone in seinen Armen stirbt, verliebt sich der Held in sie. Und setzt unverzüglich zu einer bitteren Klage darüber an, warum beim Teutates er die Schöne getötet und nicht als Braut nach Hause geführt habe.
Vase aus dem 5. Jh. v. Chr.: Achilleus tötet Penthesilea – man beachte, dass sie sich dabei in die Augen schauen. Der Moment, in dem sich der Held in seine Gegnerin verliebt.
Der Held verknallt sich in die Amazone! Das weist sie nun schon sehr klar als Frau aus. Es bestehen fortan also zwei Möglichkeiten: Der Held kann die Amazone entweder im Kampf besiegen – oder heiraten.
Eine von Herakles' 12 Aufgaben bestand darin, den Zaubergürtel der Amazonenkönigin Hippolyte zu klauen. Ihr Vater Ares hat ihr diesen einst geschenkt und er glänzte derart prächtig, dass er Hippolytes Gegner in der Schlacht zu blenden vermochte.
Herakles – die stärkste Frucht der Seitensprünge seines Vaters Zeus – hat die zwölf Aufgaben natürlich nicht aus reinem Vergnügen erledigt. Vielmehr waren sie die Wiedergutmachung für den Mord an seiner Frau und seinen drei Söhnen, die er im Wahnsinn – den Hera aus Eifersucht über ihn brachte – erschlug.bild: watson
Die Amazonen unterliegen in der Schlacht gegen den griechischen Helden, Hippolytes Schwester wird gefangen genommen. Im Austausch gegen sie händigt die Amazonenkönigin Herakles ihren Gürtel aus.
Der Held schafft es, ihr «den Gürtel zu lösen», was im Griechischen auch den Geschlechtsakt meinen kann. Attische Frauen weihten ihre Gürtel vor der Hochzeit der Göttin Artemis, was den Verlust der Jungfräulichkeit symbolisierte. Wieder sind hier also die zwei Möglichkeiten des Siegs erkennbar: Der Kampf oder die Liebe.
Gemeinsam mit Herakles zog auch Theseus – der mythische König von Athen und Bezwinger des Minotaurus' – gegen die Amazonen. Doch er verliebt sich unsterblich in Antiope, die Schwester Hippyolytes, macht sie zu seiner Braut, verschleppt sie nach Athen und zeugt mit ihr einen Sohn namens Hippolytos. Die Amazonen lassen sich diesen Raub selbstverständlich nicht gefallen und ziehen nach Athen. Die Kämpfe dauerten drei Monate an und je nach Überlieferung unterlagen die Amazonen (die bevorzugte Version der Athener) oder Antiope setzte dem Krieg durch Vermittlung ein Ende.
Antiope in skythischer Tracht wird entführt von Theseus und Peirithoos.
Die Amazonen werden auch in diesem Mythos besiegt, Antiope durch die Liebe, ihr Volk durch den Kampf. Doch es ist das erste Gefecht, das nicht in der Ferne, sondern im Herzen Griechenlands ausgefochten wird. Theseus, als der mythische Gründer Athens und Nationalheros, wird ab dem 6. Jahrhundert immer mehr zur Identifikationsfigur der aufstrebenden Stadt. Die Phase der Einzelherrschaft (Tyrannis) ist vorbei, die Polis wird demokratisiert und von einer funktionierenden Bürgerschaft regiert. Und diese ist es dann auch, die sich erfolgreich gegen die einfallenden Amazonen zur Wehr setzt. Es sind nicht mehr länger die Einzelhelden wie Achilleus oder Herakles, die die kriegerischen Frauen besiegen, sondern die Gemeinschaft der Athener.
Die Amazonen werden zu Barbarinnen
Berichte über die Amazonen werden aus der mythischen Zeit bis in die Gegenwart der Autoren weitergegeben. Selbst die Geschichtsschreiber zweifeln grundsätzlich nicht an ihrer Existenz, doch sie versuchen dieses geheimnisvolle, fremde Volk zu rationalisieren.
Bei Herodot, der im 5. Jahrhundert v. Chr. lebte, lesen wir, dass die Amazonen nach der Niederlage gegen die Athener im Gebiet der Skythen nördlich des Schwarzen Meers gestrandet seien, wo sie sich mit dem Reiternomadenvolk zusammengetan hätten. Doch weil sie sich der Lebensweise dieser Menschen nicht anpassen wollten, gründeten sie weiter nördlich das Reich der Sauromaten.
Und wieder wird die Wohnstätte der Amazonen verschoben: Erst vom Gebiet der Thraker ans südliche Ufer des schwarzen Meers, nun in den Norden ins Gebiet der Skythen (heutiges Südrussland und Ukraine).bild: wikimedia
Dort lebten sie, wie es ihre Vorfahren seit Jahrhunderten getan hätten: Sie gehen zu Pferd auf die Jagd, kämpfen wie Männer und keine Frau heiratet, bevor sie nicht einen Feind erschlagen hat:
«Nicht eher darf eine parthénos [Jungfrau] heiraten, bevor sie nicht einen Feind getötet hat. Manche werden alt und sterben, ohne sich zu verheiraten, weil sie den Brauch nicht erfüllen konnten.»
Im Zuge der Perserkriege, die die Griechen im frühen 5. Jahrhundert v. Chr. ausfechten, werden die Amazonen immer mehr als fremdes, barbarisches Volk dargestellt. Sie sind monarchisch, also ganz und gar anti-griechisch organisiert, sie essen Fleisch in rauen Mengen – auch das ein klares Zeichen für mangelnde Kultur. Sogar auf Trinkgefässen und Vasen sind sie nun wie skythische Krieger gekleidet. Perser wie Amazonen haben in hochmütiger Manier (Hybris) versucht, griechischen Boden zu erobern – und beide sind sie gescheitert.
Um 330 v. Chr., als Alexander der Grosse auf seinem Feldzug gegen die Perser mit seinen Truppen am südlichen Kaspischen Meer lagerte, kam die Amazonenkönigin Thalestris in sein Lager geritten, begleitet von 300 vollbewaffneten Kriegerinnen. Ein Kind wolle sie von ihm haben, erklärte sie dem makedonischen König. Denn er habe sich als grösster aller Männer erwiesen, sie hingegen sei mutiger und stärker als alle anderen Frauen. Ein gemeinsames Kind würde alle Sterblichen an Kraft und Mut übertreffen.
Nach 13 Tagen gemeinsamen Verkehrs habe er laut dem Geschichtsschreiber Diodor die Amazonenkönigin «reich beschenkt» entlassen.
Einen Kampf wird zwischen den beiden nicht mehr ausgefochten. Thalestris würdigt Alexanders Stärke, sie will sich nur noch mit ihm vereinigen, um starken Nachwuchs zu zeugen.
Die Amazonen und der Feminismus
Für die Griechen, allen voran für die Athener, hatte der Amazonenmythos die Funktion der Identitätsstiftung. Ein Sieg über sie bedeutete die allerhöchste Anerkennung, erst für die einzelnen Heroen der mythischen Zeit, später für Athen als demokratischen Stadtstaat. Sie wurden als ernstzunehmende Gegnerinnen verstanden, als den Männern gleichwertige Kriegerinnen, in die man sich nicht zuletzt auch verlieben konnte. Sie sind begehrenswert, sie können zur Ehegefährtin werden, gleichzeitig sind sie auch exotisches Feindbild, barbarisch und faszinierend, gefürchtet und ehrwürdig zugleich.
Naheliegend scheinen natürlich auch feministische Auslegungen der Amazonenmythen. Eine Horde Frauen, die die männliche Furcht vor weiblicher Macht symbolisiert. Der Sieg über die Kriegerinnen sollte die Richtigkeit des Patriarchats bestätigen. Die Amazonen werden von den Männern geschlagen, sie domestizieren damit das Wilde in der Frau. Sie gehört ein für allemal ins Haus, so wie das bei der klassischen, beinahe rechtlosen Athenerin der Fall ist. Die Amazonen kriegen zurecht auf den Deckel, weil sie sich dem männlichen Überlegenheitsanspruch widersetzen.
So einfach ist das aber nicht. Amazonen wurden vom 7. vorchristlichen Jahrhundert bis in die Zeit der römischen Eroberung als Legitimationsfiguren herangezogen. Die gesellschaftliche Dominanz der Männer war da schon längst Tatsache und eine kämpfende Frauengesellschaft eine griechische Unmöglichkeit.
Die Amazonen sind Wesen aus der Zeit der Heroen und als sie die Schreiber in ihre Gegenwart zogen, liessen sie sie dafür immer weiter weg leben: Von Thrakien wanderten sie ans südliche Ufer des Schwarzen Meers, von dort in den Norden ins Gebiet der Skythen, am Ende verbannte man sie sogar nach Libyen auf den afrikanischen Kontinent. Als wollte man sie nicht entzaubern, blieben sie immer weit entfernte, nicht ganz fassbare mythische Wesen.
Und was hat das jetzt alles mit «Wonder Woman» zu tun?
Wonder Woman weiss, wie man mit einem Bogen umgeht. Und es gelingt ihr sogar mit zwei Brüsten.
Offenbar nicht sehr viel. Die antike Amazone, so wie die Griechen sie sich vorstellten, hat wenig gemein mit Wonder Woman. Diana entspringt eher der romantischen Vorstellung eines Matriarchats, wie es Bachofen einst beschrieben hat. Im Film sind die Amazonen die Bewahrerinnen einer ursprünglichen, vollkommenen Harmonie, eine Art Liebeskämpferinnen. Ein neuer Mythos wird hier gesponnen, einer für ein modernes Publikum, das sich nach einer idealistischen Heldin sehnt, die einer von Kriegen übersäten Welt wieder Frieden und Versöhnung zu bringen vermag.