Dem Individualismus scheint sich die heutige Generation vollends verschrieben zu haben. Allem wird stilsicher und frech der persönliche Stempel aufgedrückt.
Ob Shirts oder Schuhe, ob Schmuck oder Handyhüllen, fast überall steht „Ich bin anders!“ drauf. Und das ist gut so. Wer Dinge gestaltet, hinterfragt sie dabei. Nichts geschieht nebenbei, es erfordert Bewusstsein und Wahrnehmung und den Mut, die definierten Werte einzufordern.
Nur in der Kulinarik scheint es sich anders zu verhalten. Hier trauen sich zu viele nicht, ihrem Geschmack Ausdruck zu verleihen, vor allem wenn ein sogenannter Experte eine andere Meinung dazu publiziert. Wir essen und trinken mehrmals täglich, sehen uns aber nicht dazu befähigt zu entscheiden, was uns gefällt und was nicht. Das ist nicht nur schade, sondern ganz und gar unverständlich. In der Musik beispielsweise entscheiden wir sehr wohl, welcher Song uns gefällt, und hören diesen dann unzählige Male, während wir die schlechteren auslassen. Hier lassen wir uns von niemandem unseren Stil vorschreiben oder unsere Vorlieben verbieten.
“Wer Dinge gestaltet, hinterfragt sie dabei.”
Bei teuren Weinen und Spirituosen sieht es ganz anders aus. Wir vertrauen lieber dem Urteil diverser Magazine, Parker-Punkten oder Whiskeyguides, sind dabei bereit, viel Geld für etwas auszugeben, das wir offenbar nicht verstehen. Zu allem Überfluss rezitieren wir diesen Schwachsinn, den andere formuliert haben, egal, was wir davon halten. Zu Hause haben wir Regale voller Kochbücher und Feinschmeckermagazine, kaufen Grills zum Preis eines gebrauchten Kleinwagens, trinken Wein aus Gläsern, die mehr kosten als der Inhalt, und finden trotzdem nur gut, was andere für gut befinden.
“Es ist an der Zeit, auch bei Drinks konsequent zu sein und auf sich und seinen Geschmack zu hören. ”
Es ist an der Zeit, etwas zu ändern. Es ist an der Zeit, auch bei Drinks konsequent zu sein und auf sich und seinen Geschmack zu hören. Wer gute von schlechter Qualität zu unterscheiden lernt und dies auch artikulieren kann, tut sich selbst und meinen Kolleginnen und Kollegen hinter den Bars einen großen Gefallen. Ein guter Cocktail ist nichts wert, wenn der schlechte genauso schmeckt. Wer keine Ansprüche hat oder sie nicht äußert, weiß auch die Leistung dahinter nicht zu schätzen.
Ich vertraue auf EINE GENERATION WEITER, die sich bewusst mit dem auseinandersetzt, das sie zu sich nimmt, dies selbstbewusst bewertet und ganz unbewusst damit die Messlatte weit nach oben schraubt.
Cheers!
Über Andi Till:
Neben so viel Haltung darf der Genuss natürlich nicht zu kurz kommen. Daher entwickelte der Bartender Andreas Till gemeinsam mit unseren Editoren passende Signature-Drinks, die durch kleine Raffinessen in Form von außergewöhnlichen Zutaten und überraschenden Zubereitungen begeistern. Till ist Besitzer der drei Gastronomien Pacific Times, Barista und Bar i Centro in München und wusste schon im Alter von 15 Jahren, dass er eine eigene Bar leiten möchte. Ebenfalls ein Visionär also, der den Aufstieg des Münchener It-Viertels um den Gärtnerplatz entscheidend mitgestaltet hat.