Ich liege in meinem Bett, während mich plötzlich ein Drücken im Bauchraum aus dem Schlaf reißt. Ich fasse mir an meine leichte Kugel und weiß, dass es mein kleines Baby ist, das mich wecken wollte. Ich schaue auf die Uhr, die auf dem Nachttisch steht und erschrecke: 6:37 Uhr! Mist, ich komme noch zu spät zum Dienst! Ich springe aus meinem Bett und renne ins Bad, um mir die Zähne zu putzen. Ich betrachte mich im Spiegel und beschließe, auf Make-Up zu verzichten, weil dafür nun wirklich die Zeit fehlte. Ich greife noch irgendwelche Sachen aus dem Kleiderschrank und ziehe sie so schnell an, wie es mit dem schon ein wenig sichtbaren Babybauch denn nur möglich ist und schon bin ich mitsamt meinen Autoschlüsseln aus der Wohnung verschwunden.
Als ich in der Klinik ankomme, ist es noch relativ still und somit habe ich noch nichts zu tun. Also beschließe ich, mich ein wenig mit den Akten zu beschäftigen. Gerade, als der Klinikchef Dr. Heilmann rein kommt, sitze ich auf meinem Platz. Er grüßt mich und lobt meine Pünktlichkeit. Glück gehabt. Er holt sich noch kurz einen Ordner heraus und verschwindet auch so schnell, wie er gekommen war. Prüfend blicke ich mich im Raum um, um zu sehen, ob jemand da ist. Doch ich bin alleine und deshalb fasse ich mir vorsichtig an den Bauch und bedanke mich bei meinem kleinen Schatz da drin. Ich glaub's nicht! Ich fange an, mit dem Fötus zu reden und dabei habe ich mir doch fest vorgenommen, nicht mit dem ungeborenen Baby zu reden. Natürlich kommt im unpassendsten Moment Kaminski rein und sieht meine Hände auf dem Bauch liegen. Er schmunzelt und schaut mich hoffnungsvoll an. Danach fragt er: "Sie haben sich also schon entschieden. Das ist schön." Ich antworte laut:" Nein das habe ich nicht, aber ich habe gerade Schmerzen.""Sind Sie sich wirklich sicher? Ich meine, es ist Ihr Kind. Familie gibt man nicht so einfach auf!" Das versetzte mir einen Schlag. Ich muss an früher denken und bei diesen Erinnerungen kommen mir die Tränen. Damit Kaminski es nicht sieht, rufe ich ihm hinterher "Ich muss zu einem Patienten" und verlasse das Ärztezimmer. So wie jedes Mal verkrieche ich mich auf das Klinikdach. Hier sieht es keiner und niemand vermutet mich hier. Angekommen laufen mir schon die Tränen herunter.
Wieso bin ich momentan so angreifbar? Schwanger sein ist so anstrengend. Ich blicke verträumt über den Klinikgarten und die Stadt. Die Erinnerungen erscheinen direkt vor meinen Augen, als wäre es Realität. Wie ich sie im Arm hielt, ihre kleinen, weichen Hände berührte und ihr zärtlich über das Köpfchen streichelte. Mich mit ihren braunen Augen anguckend, fing sie an zu lachen. Es tut so weh. Und das nach 16 vergangenen Jahren. Ohne es zu bemerken, fing ich wieder an, meinen Bauch sanft zu streicheln. Ich konnte es nicht tun, ich konnte es einfach nicht. Was denken denn die Kollegen von mir? Dass ich kein Herz hätte und mir alles total egal sei? Selbstverständlich ist mir mein Baby nicht egal, Abtreiben war auch nie wirklich eine Option. Dennoch hat die Schwangerschaft Erinnerungen zurückgeholt, von denen ich gedacht habe, ich hätte sie erfolgreich verdrängt. Das Leben ist so verdammt unfair! Manchmal wünsche ich mich in diese Zeit zurück, um alles zu verhindern. Dieser Fehler, der mir damals unterlaufen ist, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Ich bin schuld daran.







