Kirschohrringe und Hühnerkartoffeln
von Anke Weber
Über der Dorfstraße flirrt die Luft vor Hitze. Ein Bauer treibt jeden Tag seine Kühe auf die Weide. In die frischen Kuhfladen lassen wir unsere Füße platschen und kreischen vor Ekel und Spaß. Wir rennen bis zum Bach und steigen ins Wasser. Aus Stöcken und Steinen bauen wir einen Staudamm und sehen zu, wie das Wasser ihn wieder umreißt. Max findet in seiner Hosentasche ein paar Cent. Damit kaufen wir Wassereis-Stangen. Sie sehen aus wie bunte Würste. Auf der warmen Treppe vor dem Laden saugen wir die ganze Farbe aus dem Eis. Unsere Lippen sind grün und knallrot. Wir kichern und Max sagt Schneewittchen zu mir.
An der Kirche wohnt Opa. Er hat einen großen Garten. Da gibt es Hühner und einen Topf mit Hühnerkartoffeln neben dem Stall. Die kleinsten Kartoffeln stopfen wir uns in den Mund. Sie sind sogar noch ein bisschen warm. Danach legen wir uns zwischen die Erbsen-Reihen und nagen die grünen Kugeln direkt aus den Schoten. Im Erdbeer-Beet muss Max rülpsen. Wir lachen mindestens drei Trillionen Stunden lang. Dann klettern wir auf den Kirschbaum. Die Kirschen sind schon fast schwarz. Saft spritzt auf mein gelbes Kleid. Das sieht jetzt ganz gesprenkelt aus. Wir knabbern die Kerne blitzblank und vergleichen, welcher besser geworden ist. Dann steckt jeder seinen Kern wieder in den Mund und spuckt ihn so weit es geht über die Straße. Ich verliere. Max sieht mich an und schenkt mir Kirschohrringe, die ich mein ganzes Leben lang tragen will.
Am Abend soll ich Füße waschen. Ich protestiere und zeige auf den roten Erdbeer-Fleck unter der Fußsohle. Und die Kirschsaft-Spritzer auf dem Knöchel, die aussehen wie rote Sommersprossen. Und auf etwas Grünliches unter den Fußnägeln, das mit Kühen zu tun hat. Diesen Tag will ich niemals abwaschen.













