Wahre Abenteuer brauchen keine Wunder
von
Anke Weber
Im Verborgen unter einem duftenden Fliederbusch lag die kleine Werkstatt. Dort saß Jola im Schneidersitz auf der Hobelbank und malte mit dem Finger Muster in die Sägespäne. Währenddessen wünschte sie sich von Herzen, dass an diesem Tag etwas Großartiges passieren würde. Möglichst ein Wunder. Jolas Opa sägte und schnitzte. Er hatte Jola eine Holzfigur versprochen. Zum Trost. Denn Jola war ein bisschen traurig. So genau wusste sie nicht warum. Aber so ist es eben manchmal. Und dann ist es gut, einen Opa zu haben, der Tröster-Figuren schnitzt. Oder eine Oma, die Waffeln backen kann. Oder einen Freund.
Jola hatte alles. Und in eben diesem Moment kletterte ihr Freund Lon die kleine Stiege empor. Lon war nass, denn draußen regnete es. Aber noch nasser als Lon war sein Hund Tokko, der Jola groß wie ein Bär erschien und dazu sehr ungestüm war. Immer, wenn er irgendwo auftauchte, passierte etwas. So war es auch dieses Mal. Jolas Opa hatte soeben die Holzfigur fertig geschnitzt. Eine Fee mit Flügeln, die frech in die Welt blickte. Jolas Trübsinn verschwand. Sie umschloss die Fee mit den Fingern, umarmte ihren Opa und hüpfte von der Werkbank. Sofort sprang Tokko an ihr hoch. Vor Schreck ließ Jola die Fee fallen. Tokko schnappte sich die Figur und rannte mit seiner Beute hinaus. Unter großem Geschrei folgten ihm Lon und Jola bis zum Ententeich. Tokko war längst im Wasser, die Enten schnatterten, Lon schrie und Jola sprang in den Teich, auf dem ihre kleine Fee trieb. Vergessen waren alle Ermahnungen und Ententeich-Spielverbote. Schließlich musste eine Fee gerettet werden! In diesem Moment tauchte ein atemloser Opa auf, der sich ebenfalls ins Wasser stürzte. Mit Schuhen und Hose. Schließlich musste ein Kind gerettet werden! Kurz darauf standen alle wieder am Ufer. Gerettet! Auf dem Rückweg quatschte in Jolas Schuhen das Wasser. Ihr Opa ging barfuß. Kein Wunder, dass die Leute ihm verwundert hinterher sahen.
Nur Jolas Oma wunderte sich nicht. Sie schüttelte lächelnd den Kopf, brachte Handtücher, frische Kleidung und einen Teller mit duftenden Waffeln. Jola hielt ihre Fee fest umklammert. Genüsslich biss sie in eine Waffel und ließ – wie aus Versehen – die andere Hälfte zu Tokko unter den Tisch fallen. Verschmitzt tauschte sie mit Lon Blicke aus. Dann griff sie zur nächsten Waffel, schaute in die Runde und lächelte. Ja, mehr brauchte man nicht im Leben, dachte Jola. Denn wahre Abenteuer brauchen keine Wunder.
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