Südengland 2023 - Tag 7
Ladies and Gentlemen!
Leider ist es mit dem super Wetter erst einmal vorbei. War es gestern noch trocken, so regnet es heute.
Nutzt aber alles nix, dann müssen wir uns halt wetterfest anziehen, wenn wir losziehen.
Heute widmen wir uns einem der größten Skandale, der vor rund 250 Jahre das südliche England buchstäblich in Atem hielt. Worum ging es dabei? Natürlich um Liebe, Leidenschaft, Ehebruch and everything in between. How shocking!
Schauplatz des ganzen Liebeswirrwarrs war das prachtvolle Anwesen Appuldurcombe House. Ein Barockhaus aus dem 18. Jahrhundert.
Das Haus liegt in einem schönen Garten, entworfen von Capability Brown. Alleine schon die lange private Zufahrt ist beeindruckend.
Das Appuldurcombe House wurde 1701 von Sir Robert Worsley auf dem Gelände eines früheren Tudor-Herrenhauses erbaut. Das Tudor-Haus wiederum wurde auf den Ruinen eines normannischen Klosters errichtet, das bei der Reformation unter Heinrich VIII. aufgelöst und zerstört wurde.
Das Anwesen war berühmt für seine 52 Zimmer (ein Zimmer für jede Woche des Jahres) und 365 Fenster (eines für jeden Tag des Jahres). Das Haus wurde allerdings erst 1772 fertiggestellt.
In diesem Jahr kehrte Sir Richard Worsley, der Sohn Sir Roberts, von einer Grand Tour durch Europa zurück. Inspiriert von den klassischen Landschaften, die er auf seinen Reisen sah, beauftragte Sir Richard dann Lancelot „Capability“ Brown mit der Gestaltung rund um sein Familienhaus.
Brown baute eine Reihe von Extravaganzen auf dem Kamm der nahe gelegenen Hügel. Einer davon war ein Obelisk (jetzt nur noch ein Stumpf) zum Gedenken an Sir Robert Worsley.
Brown erdachte auch eine gewundene Serpentinenfahrt vom Haus zum Obelisken, die extra geschaffen wurde, um sorgfältig entworfene Einblicke in das Haus und das Grundstück zu geben.
Eine ähnliche gewundene Auffahrt verband das Haus zudem mit dem Freemantle Gate, dem Haupteingang des Anwesens vom nahe gelegenen Godshill.
Amüsiert erfuhren wir von dem damaligen Skandal, der sich unter anderem auf dem Anwesen abspielte.
1775 traf Sir Richard Worsley auf die bildschöne Seymour Fleming, 17 Jahre jung und steinreich. Seymour brachte in die Ehe eine Mitgift von 52.000 Pfund (heute über 7 Millionen Pfund).
Obwohl das Paar 1776 einen Sohn bekam, war die Ehe zwischen Richard und Seymour von Anfang an unglücklich.
Sir Richard nutzte das Vermögen seiner Frau, um Appuldurcombe in ein prächtiges Herrenhaus zu verwandeln. Er füllte es mit Chippendale-Möbeln und unbezahlbaren Artefakten.
Richard repräsentierte den Höhepunkt des Reichtums und Einflusses der Worsleys: Er war Geheimrat und – als Rechnungsprüfer des Haushalts von George III – dem König nahe.
Sir Richard wurde von Politik und anderen Interessen sowie einer Liebesaffäre mit der Herzogin von Devonshire absorbiert. Es war damals nicht ungewöhnlich, dass ein Mann seine Frau zu Hause ließ und sich auf romantische Affären mit anderen Frauen einließ.
Angesichts der drohenden französischen Invasion treffen Truppen ein, angeführt von einem jungen Aristokraten namens George Bisset. Bisset freundete sich erst mit Sir Worsley und später mit seiner Frau an. Bald führten George und Seymour mehr als nur ein höfliches Gespräch beim Essen.
Sir Worsley bekam Wind von der Affäre und genoss es offenbar, sie zu beobachten und förderte die Liebschaft sogar - bis seine Frau schließlich mit Bisset durchbrannte. Lady Seymour hatte George Bisset da bereits eine Tochter geboren, die ihr Mann adoptierte, um einen Skandal zu vermeiden.
Als Lady Seymour ihren Mann Sir Richard verließ, hatte sie gehofft, ihr Ehepartner würde sie gehen lassen. Damals konnten sich Frauen nicht von ihren Ehemännern scheiden lassen, aber anstatt sich von Seymour scheiden zu lassen, rächte sich Richard, indem er Bisset wegen „krimineller Konversation“ (Ehebruch) verklagte. Er forderte 20.000 Pfund Schadensersatz: rund 2,5 Millionen Pfund in heutigem Geld.
Der Prozess wurde von der Presse eifrig verfolgt, wobei Broschüren mit den anzüglichen Details von einem neugierigen Publikum aufgeschnappt wurden. Transkripte des Falls wurden zu internationalen Bestsellern.
Seymour konnte sich nicht vor Gericht verteidigen, weil sie eine Frau war und sie befürchtete, dass Sir Richard ihren Geliebten in den Bankrott klagen würde. So versuchte sie zu beweisen, dass sie die 20.000 Pfund nicht wert war, die ihr Ehemann forderte.
Lange vor der Kardashian-Jenner-Sippe nutzte sie bereits sehr clever die Sensationsberichterstattung der Presse über den Prozess, um ihren Mann zu demütigen.
Täglich wurden alle Einzelheiten des Falls und des Prozesses in den Zeitungen minutiös veröffentlicht und eine eifrige Leserschaft machte den Gerichtsbericht zum Bestseller. Seymour enthüllte, dass sie in den letzten Jahren zahlreiche Liebhaber gehabt hatte (angeblich waren es bis zu 27).
Auf ihre Bitte hin erschienen 5 davon im Zeugenstand und gaben dabei Details über Sir Worsleys pikante Vorlieben preis. Sir Richard habe ihre Affären gefördert und er war erwischt worden, wie er seine Frau durch das Schlüsselloch des Schlafzimmers ausspionierte.
Als letztes vernichtendes Beweisstück wurde enthüllt, dass Sir Richard ihrem Geliebten Bisset einmal geholfen hatte, auf seine Schultern zu klettern, um durch ein Fenster auf seine nackte Frau zu schauen, während sie ein Bad nahm.
Der Richter erklärte, der voyeuristische Sir Richard habe nicht nur geholfen, die Liebhaber seiner Frau zu finden, sondern auch ihrem Ehebruch mit Bisset zugestimmt.
Nach einer einstündigen Debatte akzeptierte die Jury die Anklage wegen Ehebruchs, sprach Sir Richard jedoch nur die lächerliche Summe von 1 Schilling (5 Pence) Schadensersatz zu.
Seymour ließ sich nie scheiden. Sie und Bisset trennten sich und sie zog nach Frankreich. Sir Richard starb 1805 allein und unglücklich. Er ließ Seymour frei, wieder zu heiraten und ihr Vermögen zurückzugewinnen. Sie kehrte zu ihrem Mädchennamen Fleming zurück und heiratete später einen Mann, der 20 Jahre jünger war als sie.
Der Skandal wurde 2015 als heißes BBC 2-Kostümdrama “The Scandalous Lady W“ mit Natalie Dormer als Lady Seymour Worsley (Game of Thrones, The Tudors) verfilmt.
Der Legende nach streift Sir Richard Worsley immer noch als Geist durch das Haus, möglicherweise auf der Suche nach seiner Frau Seymour. Das Anwesen gilt als der am meisten heimgesuchte Ort auf der Isle of Wight ...
Es gibt angeblich noch zwei weitere Geister im Haus, einer von einem weinenden Kind und der andere von einem psychisch kranken Mönch, der auf dem Grundstück herumläuft. Seit neuestem geistert hier auch ein gewisser “Hasenbär” umher. Kurzum: Vorsicht ist geboten!
1805 ging Appuldurcombe an den Earl of Yarborough über. Der Graf veränderte das Gelände rund um das Haus, fügte einen Brunnen direkt vor dem Eingang hinzu, baute Unterkünfte für Bedienstete, Ställe und gewundene Pfade inmitten sorgfältiger Anpflanzungen exotischer Bäume.
Die Familie erlebte im 19. Jahrhundert schwere Zeiten, denn das prächtige Herrenhaus brannte 1820 bei einem mysteriösen Feuer nieder.
Nach 1909 wurde es dem Verfall preisgegeben. Der Verfall wurde 1943 beschleunigt aufgrund umfangreicher Bombenschäden im Zweiten Weltkrieg und ist seit dem nicht mehr bewohnbar.
Leider stehen von dem einstigen prachtvollen Herrenhaus im Grunde nur noch die Außenmauern. Auch wenn das Haus heute eine Ruine ist, so kann man dennoch die fantastische Architektur bewundern, denn Appuldurcombe ist immer noch ein beeindruckendes Beispiel für ein Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert.
Displays erzählen die Geschichte des Hauses und natürlich kann man auch die 11 Hektar großen Gärten genießen. Besucher bekommen ein ganz kleines Gefühl dafür, wie schön Appuldurcombe in seiner Blütezeit gewesen sein muss.
Das Anwesen ging in der zweiten Hälfte des 20ten Jahrhunderts in die Denkmalpflege von English Heritage über. Nach und nach wurden einige Teile des Hauses restauriert und die Gärten neu angelegt.
Mehrere Nebengebäude des Anwesens wurden in Ferienhäuser umgewandelt und zudem befindet sich auf dem Gelände auch noch eine Falknerei.
Appuldurcombe ist täglich, mit Ausnahme von Samstags, geöffnet - jeweils von 10 bis 17 Uhr. Ein großer Parkplatz bietet mehr als genug Stellfläche für potentielle Besucher. Der Eintritt ist überraschenderweise frei, was natürlich sehr erfreulich ist, da die Eintrittspreise üblicherweise exorbitant sind.
Good Night!
Angie, Micha und Mister Bunnybear (Hasenbär)










