Seit fast 15 Jahren baut Keisuke Oka an seinem Projekt Arimaston in Tokyo, die allermeiste Zeit alleine. In Japan hat er es durch dieses Gebilde anscheinend zu einer gewissen Bekanntheit gebracht. Ich bin neulich ganz zufällig darauf gestoßen, kurz nachdem ich den schönen Film Shoplifters gesehen hatte – und plötzlich weiß ich wieder, was mich an Japan lange fasziniert hat.
Es ist sicher kein Zufall, dass gerade in einem Land, das wie kaum ein anderes von der heillosen Lebenswelt des Spätkapitalismus geprägt ist, viele Architekten nach so etwas wie Menschlichkeit und Natürlichkeit suchen. Die Zeichnungen von Kazuyo Sejima, Junya Ishigami oder Atelier Bow-Wow drücken das auf jeweils eigene Art aus. Ich würde Keisuke Oka ebenfalls in diese Reihe stellen. Er selbst erklärt, es gehe ihm darum, ein lebendiges Gebäude zu erschaffen (https://www.japantimes.co.jp/news/2018/10/01/national/creative-force-concrete-jungle-architects-tokyo-project-draws-love-improvisation/#.XCynGalCdE5). Das Verb “erschaffen” – das ich sonst im Bezug auf die technokratische Tätigkeit des Architekten eher unpassend finde – macht in diesem Zusammenhang Sinn. Das Arimaston nähert sich durch die Langsamkeit seines Wachstums und seine eigenwillige Form einer wirklichen Schöpfung an, allerdings in einem anderen Sinn als in der Renaissance-Vorstellung vom Architekt als Demiurg.
Menschlichkeit und Natürlichkeit sind alles andere als unproblematische Begriffe. Ihnen konnte der Essenzialismus bis heute nicht ausgetrieben werden und gerade für Architekten ist es gewissermaßen die Gretchenfragen, wie sie zu diesem Konzept stehen. Ich würde die genannten Japaner trotzdem nicht als Anti-Modernisten sehen. Bei Keisuke Oka geht es offensichtlich um die Suche nach einer bedeutsamen Architektur. Statt mit rhetorischen Mitteln sucht er diese Bedeutung durch Langsamkeit und Detailierung zu erreichen. Er sieht darin einen bewussten Gegensatz zum ganz und gar durchökonomisierten Bauen in Tokyo. Die Form der Architektur ensteht im Prozess des Bauens sebst, sie ist nicht spekulativ sondern sozusagen emergent. Womöglich verlöre das Arimaston seine Bedeutung, sollte es jemals fertig werden. Man könnte fragen, ob das gleiche für Projekte wie Gaudís Sagrada Família gilt. Und warum hat Miralles nach der Fertigstellung seiner Gebäude begonnen, sie wiederum in Zeichnungen aufzulösen? Der Essenzialismus ist in solchen Projekten höchstens als Horizont angelegt. Ihr Sinn liegt in ihrer Lebendigkeit im Sinne von Unabgeschlossenheit, in ihrer Offenheit also.
Vielleicht muss das Leben der Familie in Shoplifters aus ähnlichen Gründen scheitern. Der Film changiert bis zuletzte zwischen Realismus und Märchen. Es geht nicht darum, eine Alternative zu finden, es geht darum diese Alternative zu leben – so lange das eben möglich ist. Die Ladendiebe haben kein Programm und keine Agency. Sie tun eben das, was der Augenblick und die Umstände fordern. Auf genau die selbe Art geht Keisuke Ora bei seinem Arimaston vor. Eine Entscheidung folgt auf die nächste. Womöglich ist das menschlich aber es ist natürlich zum Scheitern verurteilt. Das richtige Leben im falschen bleibt ein Traum – das gilt für Shoplifters ebenso wie für das Arimaston und für Architekturen ähnlicher Ästhetik. Die entscheidenden Probeme werden so nicht einmal berührt, Antworten gibt es keine. Aber dass etwas mit dem Ganzen nicht stimmt, spürt man erst dann, wenn das Andere so schön ist und so prekär.











