Ich glaube, dass jede ethische Bezugnahme und Beziehung, innerhalb oder zwischen Spezies, aus dem seidenstarken Faden der anhaltenden Aufmerksamkeit für die Andersartigkeit-in-Verbindung geknüpft ist. Wir sind nicht Eins, und Sein hängt davon ab, miteinander auszukommen. Wir haben eine Verpflichtung, zu fragen, wer zugegen ist und wer entsteht.
Donna Haraway: Das Manifest für Gefährten. Berlin 2016, S.59
In ihrem “Manifest für Gefährten” schreibt Donna Harraway vordergründig über Menschen und Hunde. Dahinter steht aber ein Nachdenken über einige der schillerndsten Begriffe der Postmoderne im Allgemeinen: der Andere, Differenz, Identität. In der zitierten Passage deutet sie ja auch an, dass es nicht nur abstrakt um die Beziehung zwischen Vertretern unterschiedlicher Spezies geht sondern auch konkret um die Begegnung von Individuen, ob sie nun zur selben Gattung gezählt werden oder nicht. Jede “ethische Bezugnahme” muss für Donna im Modus signifikanter Andersartigkeit stattfinden. Das ist die Kernthese ihres Manifests.
Ich sympathisiere damit. Hunde sollten Donna zufolge weder vermenschlicht werden noch in ihrer Abstammung vom Wolf romantisiert und einer anderen Existenzebene zugeordnet werden – einer “ersten Natur” sozusagen, der wir uns als Verteret der menschlichen Spezies entwachsen glauben. Stattdessen fordert sie gegenseitige Aufmerksamkeit für die konkreten Unterschiede, die sich in signifikanter Andersartigkeit zeigen und eine gemeinsame Entwicklung ermöglichen. Im Falle von Hund und Mensch handelt es sich bei einer solchen gelungenen Bezugnahme für Donna um ein “Beispiel für emergente Naturkulturen” (S. 61).
Ich glaube aber, dass sie sich hier die Sache zu leicht macht. Das zeigt sich schon in der Forderung nach einer “ethischen Bezugnahme” – denn woher sollte in der Verbindung zwischen Mensch und Hund eine Ethik stammen? ich denke nicht, dass Donna hier ein transzendentes Prinzip annimmt, das übrigens auch im Widerspruch zur Vorstellung einer emergenten Beziehung stehen würde. Die Ethik wird natürlich einseitig vom Mensch gesetzt. Sie ist ein rationales Prinzip. Diese Einseitigkeit finde ich übrigens gar nicht falsch. Im Gegenteil: Ich glaube, dass es ein ziemlich dramatischer Fehler ist, die Autonomie von Identitäten über die einigenden Denkversuche der Vernunft zu stellen. Lukács würde das sicherlich lediglich als Widerspiegelung der zersplitterten spätkapitalistischen Wirklichkeit verstehen. Jedenfalls denke ich nicht, dass eine Beziehung selbst in signifikanter Andersartigkeit ohne Asymmetrien auskommt. Über den Modus der Beziehung kann der Hund schließlich nicht entscheiden – und genau deswegen hat der Mensch in dieser Beziehung eine ethische Verantwortung.
Auch zwischen zwei Menschen lassen sich Asymmetrien kaum vermeiden. Wenn ich eine Beziehung von den Individuen her denke, stellt sie sich für mich als eine Form der Herr-Knecht-Dialektik dar: Für den Einzelnen ist das Gegenüber zunächst seine eigene Setzung und nur als solche wirklich. Die Andersartigkeit des Anderen ist jeweils eine aus sich selbst erzeugte und damit eben gerade nicht signifikant in Donnas Sinn. Signifkant wäre erst eine Aufhebung der Differenz, die aber zwischen Individuen im Grunde nicht möglich ist. Darin liegt natürlich eine große Tragik. Zwei schöne Filme, die ich in letzter Zeit gesehn habe, beschäftigen sich genau damit: “In einem Jahr mit 13 Monden” von Rainer Werner Fassbinder und “Gouttes d'eau sur pierres brulantes“ von François Ozon nach einem frühen Theaterstück von selbigem RWF. Es geht jeweils homosexuelle sado-masochistische Beziehungen und das Leiden daran, seine Rolle nicht verlassen zu können. In beiden Filmen versucht der masochistische Partner sein Geschlecht zu verändern, im irrationalen Ringen um Anerkennung, nur um dann von seinem sadistischen Gegenüber verstoßen zu werden.
Ich hatte erwartet – vielleicht aus einem Hegelianischen Reflex heraus – dass dieses Ende der Beziehung den sadistischen Partner härter treffen müsste. Schließlich definiert sich der Herr aus der Anerkennung durch den Knecht und stürzt, sobald dieser sich aus seiner Unterdrückung löst. Tatsächlich passiert in Fassbinders Geschichten das Gegenteil: Für den masochistischen Partner zerbricht die Welt. Sie – ein Zwitter, ein gescheiterter Versuch der Aufhebung, der Befreiung – begehen Selbstmord. Zurück bleibt ein seltsam ungerührter Sadist ohne Opfer. Meine falsche Erwartung hatte wohl damit zu tun, dass ich das Verhältnis von Herr und Knecht intuitiv falsch auf die sadomasochistischen Beziehungen übertragen habe, die Fassbinder darstellt. Die Unterwerfung des masochistischen Partners ist eine freiwillige und dadurch verändert sich die Bezugnahme entscheidend: Die Gewalt geht vom vermeintlichen Knecht aus, der sein Gegenüber in die Rolle des Herren zwingt. Besonders im “Jahr mit 13 Monden” wird das deutlich – hier ist der sadistische Partner nichts als Staffage. Ein Hintergrund für die wunderschöne, surreale, fantasievolle Selbstauslöschung von Elvira Weißhaupt (Volker Spengler).
Das grotesk Narzisstische, Gewalttätige, Dümmliche des sadistischen Anton Saitz (Gottfried John) spiegelt Fassbinder sehr explizit in den Architekturen der Finanzwirtschaft, die gerade in der Zeit um 1978 begannen, die Frankfurter Innenstadt zu überformen. Überhaupt – warum spielt der Film in Frankfurt? Könnte es sein, dass Fassbinder seinen Film bewusst als Kommentar zur “Neukonfiguration des Sozialen durch das Zusammenspiel unterschiedlicher Akteure – Architekten, Kulturpolitiker, Wähler” (Nikolaus Kuhnert: Wir waren Dilettanten unserer eigenen Geschichte. In: ARCH+ 237, S.88) konzipiert hat, die damals im Schwange war? Mir ist erst durch Nikolaus Kuhnerts Selbstbiographie das eigentlich Selbstverständliche klar geworden: Dass sich die neue Gesellschaftsformation, die Nikolaus als Neoliberalismus bezeichnet, in der BRD zuerst in der Finanzmetropole Frankfurt am Main gezeigt hat und sich dort auch früh in der Stadtentwicklungspolitik nachweisen lässt.
Die Finanzwirtschaft – Kapital, das sich von selbst vermehrt, ohne den Umweg über die menschliche Arbeit nehmen zu müssen – findet ihre Entsprechung in der Figur des Anton Saitz; im Traum narzisstischer Männlichkeit, autonom aus sich selbst heraus erzeugen zu können. Ein Missverständnis, von dem Donna Harrawy auch das Verhältnis von Mensch und Hund regelmäßig bedroht sieht. Um zum Ende zu kommen: Das Finanzkapital mag zwar ursprünglich eine dienende Funktion oder zumindest einen derivativen Charakter haben – aber gerade darum schert es sich nicht um uns. Es bedarf keiner Anerkennung durch ein Gegenüber, es ist völlig autonom. Seine Formen sind für uns durch und durch sinnlos. Das könnte eine einfache, vielleicht etwas krude Deutung dieser Ebene sein, die in Fassbinders Film mit Sicherheit mitläuft. Ein Verhältnis der signifikanten Andersartigkeit, “Aufmerksamkeit für die Andersartigkeit in Verbindung” – das scheint mir auch für architektonisches Arbeiten keine schlechte Maßgabe.