Die Atomisierung des Menschen durch den Terror
"Eine weit verbreitete Meinung ist, dass der faschistische Terror in der modernen Geschichte nur eine kurzlebige Episode war, die nun glücklicherweise hinter uns liegt. Ich kann diese Meinung nicht teilen. Ich glaube, dass der Terror tief in den eigentlichen Tendenzen der modernen Zivilisation und insbesondere in der Struktur der modernen Wirtschaft verwurzelt ist. [...] Das moderne System des Terrors läuft im Wesentlichen auf die Atomisierung des Individuums hinaus. Wir zittern vor der Folter, die den Körpern der Menschen zugefügt wird; aber wir sollten nicht weniger entsetzt sein über die Bedrohung des Geistes der Menschen. Der Terror vollbringt sein Werk der Entmenschlichung durch die vollständige Integration der Bevölkerung in Kollektive; er zielt darauf ab, den Menschen die psychologischen Mittel der direkten Kommunikation untereinander zu nehmen, trotz - oder vielmehr wegen - des gewaltigen Kommunikationsapparats, dem sie ausgesetzt sind. Das Individuum in einer Terrorsituation ist nie allein und immer allein. Er wird taub und hart, nicht nur gegenüber seinem Nachbarn, sondern auch gegenüber sich selbst; die Angst raubt ihm die Fähigkeit, spontan emotional und geistig zu reagieren. Denken wird zu einem dummen Verbrechen; es gefährdet sein Leben. Die unvermeidliche Folge ist, dass sich die Dummheit wie eine ansteckende Krankheit unter der terrorisierten Bevölkerung ausbreitet. Die Menschen leben dann in einem Zustand der Verblüffung - in einem moralischen Koma".
Leo Löwenthal, "Die Atomisierung des Menschen durch den Terror", 1946










