GEHEN, STEHEN, TREPPENSTEIGEN - Was tun Menschen auf Ansichtskarten? (Instagram-Post vom 17. Juni 2024)
Sortiere ich meinen kleinen Sammlungsbestand zu Ansichtskarten aus der DDR, überlege ich mir auch, was ich eigentlich damit machen will. Und zwar jenseits der Freude am Bild und hin und wieder einem nostalgischen Kribbeln. Ansichtskarten zur DDR dokumentieren unübersehbar die Oberflächen der Lebenswirklichkeit. Dies geschieht selektiv und unter jeweils bestimmten fotografischen und bildredaktionellen Prämissen, zugleich aber ziemlich flächendeckend. Ich entwickele daher für mich eine Art Erschließungsvokabular und das schließt auch die Tätigkeiten ein, die ich bei den oft beiläufig eingefangenen Menschen ablesen. Aus Gründen der Komplexität beschränke ich mich meist auf zentrale Personen oder solche, die mir persönlich besonders auffallen. Weder das Vokabular noch seine Anwendung sind bislang systematisch und wasserdicht ausbalanciert. Dennoch lassen sich zumindest grobe Trends zu dem herausfischen, was die Menschen so vor der Kamera der Ansichtskartenfotografie trieben. Bei meinem bisherigen Korpus von heute exakt 3563 erschlossen Karten ist es vor allem: Sitzen. Manche gehen, manche fahren Rad. Die Autofahrenden erfasse ich zugegeben fast nie, weil ich in den Autos in den meisten Fällen keine Individuen wahrnehme. Gleiches gilt für Menschen in Bussen und Straßenbahnen. Etwas, was ich nicht in die Grafik eingespielt habe, weil es mir immer besonders auffällt und die Statistik daher eventuell verzerrt, ist der Blick direkt in die Kamera der Ansichtskartenfotografen. Den habe ich auf etwa jeder zehnten so erschlossenen Karte.
Der auf der angefügten Cottbusser Karte (BILD UND HEIMAT, 1974) zentrale Stadtgänger schaut dagegen eher nach innen. Was für die DDR als Land der Innerlichkeit ja auch passt. Das wiederum erfasse ich aber nicht gesondert. Er rangiert mit seiner Tasche unterm Arm in meiner Erschließung nur ganz schlicht unter "Gehen". Die junge Frau hinterm Springbrunnen ist wiederum so marginal, dass sie nicht einmal als Sitzende auftaucht. Vielleicht sollte ich das aber eines Tages ändern. Denn oft geschehen die spannendsten Dinge ja gerade im Wechselspiel von Vorder- und Hintergrund.
Ansichtskarte
Cottbus Zentrum Chošebuz Centrum
Reichenbach (Vogtl): VEB BILD UND HEIMAT Reichenbach i.V. (III/18/197 A 1/B 467/74 01 06 31 106).
Foto: Bild und Heimat ([Heribert] Darr)
1974













