Endlich wieder Berlin!
#160322Berlin
Tag 1 Berlin. Seltsam. Berlin. Plötzlich bin ich wieder da. Nach über einem Jahr, dass ungewöhnlicher und außergewöhnlicher kaum hätte sein können. Privat auch. Aber das ist eine andere Geschichte. Später erzähle ich sie mal. Es ist eine schöne Geschichte. Von wahrwerdenden Träumen. Aber hier geht es hauptsächlich um berufliche Dinge. Berufliche Dinge, die aber auch eine große Auswirkung darauf haben, wie wir leben. Es geht darum, wie sich unsere Welt in einer umfassenden digitalen Revolution verändert. Eine Welt, die durch tiefgreifende Veränderungsprozesse wankt. Da ist der Klimawandel. Eine Herausforderung, die wir nur mit allergrößter Anstrengung bestehen werden. Der Krieg, hier in Berlin spürbar, da viele Flüchtlinge aus der Ukraine im Stadtbild zu finden sind. War noch vor einem Jahr Englisch die Sprache, die trotz Corona am Bahnhof und auf den Wegen Richtung Kreuzberg vorherrschte, so ist es heute auf meinem Weg russisch und ukrainisch. Die Menschen wirken müde. Sie stehen in engen Haufen, Erwachsene und Kinder fest aneinander gedrängt, beratschlagen sich, schauen in Smartphones oder telefonieren. Kleine Inseln der Hoffnung in einem Sturm aus Chaos. In Kreuzberg angekommen finde ich viele meiner Fixpunkte nicht mehr. Mein Buchladen ist weg. Ebenso mein Klamottenladen. Mein liebstes türkische Restaurant hat einen neuen Namen. In meiner Lieblingskneipe gibt es plötzlich neben Getränken, netten Menschen, mit denen man am Tisch ins Gespräch kommt, einen Bereich in dem Corona-Schnelltests angeboten werden. Und Berlin ist leer. Also nicht leergefegt, aber gegenüber einer vergangenen Zeit sind wenig Menschen unterwegs. An einem Sonnentag wie heute, waren früher die Straßen, die Plätze, die Bänke, die kleinsten Lücken zwischen einem Baum und einer Straße voll mit Menschen. Überall Stimmen. Heute ist das anders. Berlin hat sich verändert. Und dann finde ich den Buchladen doch wieder. Er ist umgezogen. Witzigerweise in meinen Klamottenladen. Ich unterhalte mich mit einer Mitarbeiterin und sie bestätigt mir, dass alles anders ist. Sie selbst bekommt das nicht so mit, es ist Alltag, aber ja, meine Eindrücke kann sie nur bestätigen. Berlin war nie eine saubere Stadt, immer kunstvoll im Shabby-Look und mit arg verdreckten Ecken. Heute ist Berlin auffallend schmutzig. Erinnert mich an das Berlin der Neunzigerjahre des letzten Jahrhunderts. Nur ohne Mauer.
Dann habe ich ein Treffen mit Axel Watzke. Darauf habe ich mich schon seit Tagen gefreut. Wir arbeiten oft, gerne und gut zusammen. In Corona-Zeiten war es leider viel zu wenig. Wir kommen sofort in einen Flow, tauschen Erfahrungen, Erlebnisse, Ideen und Visionen aus. Wir erzählen uns auch, was privat in den letzten Monaten passiert ist. Gut, es gab Zoom, es gab Telefonate, aber irgendwie reicht das nicht um auf dem Laufenden zu bleiben. Wir arbeiten gerade in einigen Stadtprojekten zusammen. Mal geht es um künstliche Intelligenz, mal um neuartige digitale Infrastruktur. Aber immer um die Menschen, die das entwickeln, umsetzen und benutzen. Wir sind dabei wie immer einer Meinung. Der Mensch steht im Mittelpunkt, Technik ist cool, aber nur ein Werkzeug und alles, was wir heute planen, muss agil und nachhaltig sein. Gut, das ist nur die Kurzfassung, aber es muss für heute reichen. Es gibt so viel zu tun, als dass ich heute Zeit dafür habe, alles im Detail zu erklären. Wenn ihr meine Arbeit kennt, wisst ihr aber, was ich meine, wenn ich zum Beispiel von einer „Dialog City“ spreche. 3 Stunden schwadronieren und parlieren wir durch Kreuzberg. Hier saßen wir auf einer Sonnenbank, dort aßen wir ein Wrap, an einem anderen Ort tanken wir Kaffee und nahmen Süßigkeiten für unterwegs mit. Zum Schluss saßen wir am Engelsbecken und hatten einen fantastischen Blick auf ein Berlin, dass vielleicht weniger Besucher schon mal so gesehen haben (s. Titelbild).
Heute Abend werde ich einen großen Spaziergang durch die Straßen von Kreuzberg machen. Ich werde feststellen, ob mein Restaurant mit neuem Namen noch genauso gut ist, wie es früher war. Ich werde nachdenken. Darüber, was Axel und ich heute alles besprochen haben. Und darüber, was wir morgen für unsere gemeinsamen Projekte erledigen müssen. Wir treffen uns im Heikonauten, dem besonderen Haus zwischen Plattenbauten der Agentur Anschläge. Später habe ich ein Treffen mit der Agentur, die für Projekte in der Stadt Aschaffenburg, die ich in ihrer digitalen Entwicklung berate, verantwortlich ist. Hier geht es um technische Lösung und Erweiterung. Die kommenden Tage werden angefüllt sein mit Terminen. Aber ich habe mir vorgenommen, möglichst viel von Berlin zu sehen, einzuatmen und mit heimzunehmen.
Update: Durch Berlin
Ein neuer weiter Fahrradweg am Oranienplatz. Steht im Nichts. Endet auf parkenden Autos.
Überall wird gebaut, es gibt keine freien Flächen mehr. Treffe bekannte Gesichter, unterhalte mich. Alles wird teurer, sagen sie. Miete, Nebenkosten, ausgehen, alles wird teurer, teurer, teurer. Ein liebsten würde man wegziehen. Raus aufs Land. Aber auch das wird schon wieder teurer. Außerdem, Berlin, ist irgendwie geil.
Könnte man meinen: hier steht ein Tempel für Autos. So viele Autos. Sie stehen, bewegen sich kaum, und wenn sie sich bewegen, dann sehr, sehr langsam. Große Autos, schnelle Autos, teure Autos, sie stehen und verbrauchen Fläche, die alle brauchen.
Grelles Rot scheint auf die Straße. Ein vietnamesisches Restaurant. Brechend voll. Liegt es an der Beleuchtung? So viele sind leer, kaum etwas los. Aber hier brennt es vor Menschen.
Buchhandlung, Galerie, Ort der Wort gewordenen Träume. Das war in diesem Gebäude. Jetzt nur noch die alten, erinnerungsquälenden Schilder und, natürlich, Baustellen.
Ach, Berlin…
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