Ich gehe ins Café „Milch und Zucker“. Als ich für das Unternehmen Asisi gearbeitet habe, die in Berlin eine großartige Pergamon-Ausstellung und ein lebensechtes, riesiges Panorama im Innenhof des Pergamonmuseums entwickelt hatten (es steht jetzt schräg gegenüber und ist immer einen Besuch wert), habe ich ganz in der Nähe gewohnt und oft hier gefrühstückt. Schon früh am Morgen war hier viel los. Die heimgehenden Partygänger*innen gaben sich mit den Kreativen, die ihren Tag begannen, den Kaffeetassen-Henkel in die Hand. Ein Sprachgewirr umflutete die Ohren und ungewohnte Themen durchfluteten den Raum.
Heute ist Berlin deutlich ruhiger, es wird Deutsch, Spanisch oder Portugiesisch mit Schnittmenge Englisch gesprochen. Ja, fast ein mediterraner Flair umweht diesen Morgen. Eine Designerin sitzt neben mir und diskutiert mit ihrem Kunden in Portugal oder Brasilien ihre Arbeit. Eine spanische Familie plant ihren Tag, einige Freelancer haben es sich an den Stehtischen für ihr nächstes Zoom-Meeting bequem gemacht, während sie ihren Kaffee trinken oder ihr Chia-Müsli löffeln. Selbst die ansonsten nervende Oranienstraße erscheint fast sonntäglich. Wenig Hupen, wenig Kickstarts, wenig Autos. Ungewöhnlich und schön. Ein Hauch von Berlin wie es wäre, wenn es anders wäre. Die Sonne scheint durch die großen Scheiben und bis mein erstes Meeting um 9:00 Uhr beginnt, arbeite ich Mails und Aufgaben und Nachrichten in Stackfield ab. Eigentlich ist es kein Café mehr, dass „Milch und Zucker“, sondern eine in den persönlichen Arbeitsablauf integrierte köstliche Kantine. Es hat sich zu einem Home Office mit integriertem Food Service verändert. Und so wie es ist, kann ich es gerade sehr gut gebrauchen. Alle sitzen zusammen, jeder und jede für sich in einem warmen Kokon aus Sonnenlicht, Kaffee und Croissants und Müsli eingewattet. Dennoch fühlt man sich verbunden, mal lächelnd die Nachbarin herüber, mal blickt ein Nachbar genervt in den Raum, wenn ihm etwas nicht gefällt, was er gerade gehört. Und ja, ab und an bekommt er einen verständnisvollen, tröstenden Blick zurück. Das Ballett von kreativen Gedanken und Flüsse von Lebensmitteln wird choreografiert durch die Bedienung, die wie Geister durch die Menschen weht und Speisen und Getränke griffbereit materialisieren lässt.
Ich habe am letzten Abend noch viel darüber nachgedacht, was eigentlich Berlin heute ist. Wahrscheinlich nur ein Intermezzo, bevor es wieder zum alten Trubel zurückkehrt. Denn gerade ist es ein Stillstand, dem Menschen ihren Stempel aufdrücken und nicht eine Lawine, die ungefragt alle und alles mitreißt. Eigentlich ist es das schönere, dass selbstbestimmende Berlin, dass ich gerade erlebe. Und es ist nur eine Pause, ein Atemholen zwischen Katastrophen und in einem unglaublich chaotischen Veränderungsprozess, bei dem Berlin nicht gewinnen kann. Aber es wird natürlich überleben und damit leben und es wird Menschen geben, die diesen Zustand lieben. Ich denke nicht, dass diese Menschen dann lange oder für immer in Berlin leben. Berlin war früher eine große Party, mit viel Wenigkeit an Schlaf, persönlicher Veränderung und Zielen. Während der Moloch Stadt sich um einen herum wie in einem großen Mahlstrom unaufhaltsam und rasend veränderte, ausdehnte, war man selbst in Blasen persönlichen Stillstands gefangen. Schon vor Corona begannen Menschen aus Berlin zu fliehen. Ja, dort arbeiten, dort feiern, den Stempel von Berlin behalten, das wollten sie, aber sie flüchteten in erreichbare ländliche Oasen. Berlin leben, ohne Berlin zu erleiden.
Im Café ist Digitalisierung wie ein virtueller Raum mit analogen Schnittstellen. Die Menschen stehen vor ihren Bildschirmen, sitzen mit ihren Bildschirmen auf dem Schoß bequem auf einem Sofa reden, lachen, flüstern, schimpfen und ab und an erhält man ein Lächeln oder einen verhärteten Blick. Aber man ist nicht selbst gemeint. Zumeist sind es Projektion auf Menschen, mit denen sie weit entfernt gerade emotional und inhaltlich interagieren. Das verwirrt zunächst. Aber irgendwann nimmt man das nicht mehr persönlich.
Mein erstes Online-Meeting dreht sich heute um die Verflechtung, die unlösbare Verwirrung von analoger und digitaler Welt in einer Stadt. Die „Verwobene Realität“, so nenne ich es. Woven Reality. Unlösbar sind digitale und analoge Welt miteinander verwoben. Lebt man in einer Stadtgesellschaft, sind diese beiden Welten nicht mehr voneinander zu trennen. Arbeit, Freizeit, Familie, Freunde, alles ist in diesem dreidimensionalen und eng vernetzten Spinnennetz miteinander verwoben. Wir kleben darin, und vielleicht gibt es auch irgendwo eine Spinne, die, wenn wir nicht aufpassen und uns zu sehr fallen lassen, aussaugt. Menschen benötigen als Lebensgrundlage analoge Zustände. Essen, trinken, streicheln, gehen, schwitzen, frieren, Körperlichkeit ist für uns essenziell. Die persönliche Wahrnehmung, aber auch die Wahrnehmung als Paar, als Gruppe. Die digitale Welt stellt einen erhöhten Vernetzungsgrad dieser Empfindung dar. Ich möchte sie nicht bewerten. Mal ist es gut, mal ist es schlecht. Wir leben mitten darin. Es geht nicht mehr zurück und es ist unsere Entscheidung, wie stark wir diese Verwebungen auf uns wirken lassen. Aber grundsätzlich ist sie nur eine Erweiterung, eine Realität, die wir bewusst wahrnehmen und zum Wohl unseres Lebens nutzen sollten. Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug. Akzeptieren wir das, können wir gut damit leben, sie nutzen und sinnvoll einsetzen. Leider passiert das nicht auf. Oft ist Digitalisierung das Idol, um das wir tanzen. Dann ist sie falsch, falsch bedacht und falsch gemacht. Darum geht es in meinem Gespräch. Wieviel Digitalisierung braucht eine analoge Stadt? Wieviel digitale Stadt braucht unser Leben und wieviel analoges Leben benötigen wir zu unserem Glück?
Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Es gibt nicht die Smart City, die digitale Stadt und das definitive Umfeld für eine glückliche Stadtgesellschaft. Noch nicht einmal Städte gleicher Größe benötigen gleiche Lösung. Vielleicht benötigen sie gleiche Werkzeuge, gleiche Technik. Aber auf keinen Fall gleiche Ansätze für die Digitalisierungsstrategien. Ich korrigiere mich: es gibt doch eine Gemeinsamkeit: das Lebensglück der Stadtgesellschaft. Aber wie diese definiert wird, wie sie erreicht wird und welche Ziele diese Stadtgesellschaft hat, ist von Stadt zu Stadt unterschiedlich. So wie jede Stadt unterschiedlich ist und wir die eine Stadt deshalb lieben, und die anderen nicht. Die Digitalisierung einer Stadt verläuft im Moment in fast allen Städten gleich. Das Konzept heißt Smart City. Weder geht es davon aus, was eine spezielle Stadt wirklich benötigt, noch stellt es infrage, dass dieses Vorgehen, wie es heute gedacht wird, mittelfristig wirklich sinnvoll ist. Eigentlich machen wir wieder die gleichen Fehler, wie während der Industrialisierung. Wir geben uns schönen Träumen hin, denken nicht über die Folgen und auch nicht über unsere nächsten Schritte verantwortungsvoll und vorausplanend nach. Und wir lassen die Menschen, die es im Kern betrifft, völlig außen vor. Das ist ein falscher, ein fataler Weg. Was also bedeutet es, wenn wir von einer digitalen Stadt sprechen? Es ist eine Stadt, die analog die Lebensqualität steigert und digital dabei hilft, dass dieses Ziel erreicht wird. Es ist eine völlig neue Form von Stadtentwicklung und wäre dieser Begriff nicht schon so verbraucht, würde er hier hervorragend passen. Aber Stadtentwicklung weckt Bilder, weckt Perspektiven, die in der Digitalisierung nicht greifen, da sie viel zu kurz und eindimensional gedacht sind. Ein anderes Thema. Darüber muss ich in Ruhe nachdenken und mit Mensch sprechen, die wirklich Ahnung davon haben. Dann verstehe ich es vielleicht. Ich breche auf, mach ein Spaziergang. Ich bin so viel gelaufen, in den letzten Tagen, dass ich mir eine Sehne in meiner Fußsohle überlastet habe. Heute Morgen konnte ich kaum auftreten. Auf meine geliebte Joggingsrunde durch Kreuzberg musste ich an den Morgen verzichten. Mein digitales Werkzeug Apple Watch sagt mir, dass ich jeden Tag mehr als 15 km durch die Stadt gegangen bin. Heute kommen noch ein paar dazu, denn ich brauche etwas Bewegung um nach reichhaltigen Frühstück und opulenter Diskussion Gedanken zu fokussieren. Auch wenn ich dabei humpeln zunächst muss, laufe ich mich ein.
Ich erzählte bereits, dass mein Klamottenladen auf der Oranienstraße zugemacht hat. Cherrybomb war ein Laden, der klein und außergewöhnlich war. Sehr persönlich und engagiert, aber vor allen mit schlichten, ökologischen Klamotten, die ich sonst nirgendwo fand. Ich war gerne in diesem Laden, quatschte mit der Besitzerin und bemerkte auch ihren steigenden Missmut über die letzten Jahre hinweg. Da war auf der einen Seite die wachsende digitale Konkurrenz. Aber damit kam sie klar, die Leute kamen zu ihr, wegen ihrer Beratung, wegen ihrer außergewöhnlichen Auswahl an Kleidung. Dann der, ich zitiere, Mietwucher, der sich über Jahre zu einem echten Problem in Kreuzberg entwickelte. Damit kam sie schwer klar und als noch Corona dazu kam, war Ende. Digitalisierung? Nein, dazu hatte sie keinen Bock. Sie plant den Abgang, grüßte noch einmal und ließ das Mikro fallen. Heute ist dort, zu meinem großen Glück, mein Lieblingsbuchladen, der ebenfalls durch ähnliche Gründe von seinen Stammplatz vertrieben wurde. Kleiner, vollgestopft und voller Begeisterung, nach wie vor. Ich kaufe Bücher. Für mich, zum verschenken, ein Stapel, den ich jetzt noch zusätzlich durch Berlin schleppen kann. Überhaupt, eigentlich bin ich hier immer wie auf einer Wanderung. Mein Büro auf dem Rücken, Getränke für unterwegs und vollbeladen mit Lebensmitteln (ich sage nur: Maroush-Shawarma!), die ich wieder mit nach Hause nehme. Schon lange habe ich mein Hotel als Stützpunkt für meine Einkäufe am letzten Tag organisiert. Sie wundern sich nicht mehr, wenn ich drei, viermal vorbei komme und Taschen abliefere, die zu meinem wachsenden Haufen dazu gestellt werden.
Als ich dann noch aus einem Farben- und Pinselladen neue Ölfarben und einen Lieter Balsam-Terpentin mit nach Hause schlepen will, habe ich eine Idee: vor Ort kaufen und gegen Porto heim schicken lassen. Wird anstandslos gemacht und ich frage mich: Wieso bin ich ich nicht eher darauf gekommen? Aber das ist wohl eine Tür, die sich erst durch Corona für den Einzelhandel geöffnet hat. Nicht nur in meinem Kopf.
Auf der Oranienstraße gibt es auch einen genialen Comicladen und als ich die Figur einer heldenhaften Bibliothekarin sehe, muss ich an einen Freund aus Duisburg denken. Ich schicke ihm das Bild und bekomme postwendend eine freudige Reaktion zurück. Wobei wir wieder bei dem Thema digitale Verwebung mit der realen Welt sind. Und neuen, anderen Berufen in der Digitalisierung. Natürlich wird es weiterhin auch Bibliothekar*innen geben. Aber ihr Beruf wird sich weiter verändern. Entlang der Digitalisierung, als Schnittstelle zwischen analogen und digitalen Medien und deren Vermittlung. Das ist ihre Superpower.
Noch im Laden bekomme ich einen Anruf. Ich hatte die Zeit vergessen. Das nächste Meeting startet. Also gehe ich raus, öffne mein iPad noch während ich einen Sitzplatz in einem türkischen Café einnehme und Kaffee und Gebäck bestelle. Die Kombination von honiggetränkten Süßspeisen und einer Tastatur erweist sich als wenig klug. Aber das Zeugs ist so lecker, was soll's!
Der Tee macht munter und die Projektarbeit geht schnell von der Hand. Von der digitalen Stadt springe ich ins Metavers. Kein Mensch weiß genau, was es ist. Ich denke, nicht einmal Mark Zuckerberg weiss, was es wirklich einmal wird. Wir haben eine Ahnung, so wie wir eine Ahnung hatten, oder vielleicht noch haben, was Künstliche Intelligenz ist. Oder eine der vielen anderen Dinge, die wir heute als selbstverständlich ansehen, die aber noch vor wenigen Jahren Bullshit-Bingo waren. Es geht um eine digitale Welt, in der Projekte lebendig werden sollen. Quasi eine 2-dimensionale Website wird zum 3-dimensionalen Erlebnisraum. Ich finde das Thema hoch spannend. Noch bis vor kurzer Zeit habe ich es als technisches Gimmik angesehen, aber jetzt als fantastische und funktionierende Möglichkeit, um Geschichte und Geschichten lebendig werden zu lassen. Bei einer Sache passe ich jedoch höllisch auf: Technik wird niemals zum Selbstzweck. Sie darf faszinieren, muss es vielleicht sogar, aber im Mittelpunkt muss Sinn und Zweck und Begeisterung der Geschichte stehen. Nicht einfach. Die Projekte sind in Zusammenarbeit mit der Stadt Aschaffenburg entstanden. Dort entsteht gerade eine ganze Menge an Digitalisierung-Best-Practice und wir müssen unbedingt mehr darüber erzählen. Natürlich auch um anzugeben. Aber vor allen Dingen, um sich auszutauschen und ein Netzwerk der Macher*innen zu entwickeln. Im Zentrum dieses Netzwerks steht die Dialog City. Dazu startet gerade auch ein EU Projekt. Ich freue mich schon darauf, es bald zu leben und zu erzählen.
Aufgewühlt und aufgefüllt gehe ich weiter, laufe ein paar Kilometer durch die Straßen und denke nach. Das alte, ewige Jahre leer stehende Kaufhaus an der Ecke zum Oranienplatz, ist jetzt ein Luxushotel. Seine Außenscheiben sind aus Panzerglas und regelmäßig durch Angriffe von Menschen, die es hassen, splitternd getroffen. Ein seltsames Paradox, Stahl splittert Glas und dokumentiert den Wandel. Das Hotel ist wie außerirdisches Raumschiff, das gelandet ist, nicht wieder weggeht und eine höhnische Manifestation der unaufhaltsamen Veränderung für die Anwohner*in sein muss.
Auf dem Oranienplatz scheinen die Sonne und die Menschen vor Frühlingsglück um die Wette. Ich kaufe mir ein Eis, setze mich auf eine Bank, fange an zu tippen und arbeite mich weiter in das Thema einer digitalen städtische Infrastruktur tiefer und tiefer ein.
Was bedeutet Plattformökonomie für eine Stadt? Das Thema finde ich seit 2 Jahren hochspannend und kriege es langsam zu fassen. Ich suche mir weitere Beiträge aus dem Netz dazu, kann nichts Neues finden und schaue mir aktuelle Definitionen von Plattformökonomie an. Der Begriff klingt nicht nur schlimm, sondern er bewirkt wirklich Schlimmes. Wir reden von Infrastruktur, die gegen den Willen von Städten über sie gelegt wird und parasitär an allen ökonomischen Prozessen profitiert. Städte haben nichts entgegenzusetzen. Weder Steuergesetze, noch eigene Infrastruktur. Das muss sich radikal ändern! Ich schreibe aus diesen Gedanken weiter an einem kurzen Manifest. Zehn Punkte. Dann übertrage ich alles, was ich über Plattformökonomie weiß und wissenschaftlich, gesellschaftlich bestätigt finde, zu einem Papier zusammen. Stadt und Plattformökonomie. Ich denke, das ist, neben der Entwicklung einer Künstliche Intelligenz für kluge und menschliche Stadt Dienstleistungen in Aschaffenburg das zukunftsweisende Projekt, an dem ich gerade arbeite. Bin mir aber sicher, dass ich dir noch nichts darüber erzählen darf, daher lass ich es. Du wirst das schon früh genug erfahren, wenn ich darüber berichten darf. Aber ich kann erzählen, worum es dabei geht. Im Kern ist es die Aufgabe ein Konzept zu entwickeln, dass die Websites einer Stadt zusammenführt und, auf einem Plattformmodell basierend, für mehr Lebensqualität, Zukunft und Glück in einer Stadt sorgen wird. Klingt hochtrabend? Nein. Wenn Plattformökonomie dazu führt, dass Städte verarmen, sinkt auch die Chance auf eine glückliche Zukunft. Städte verschenken, verschwenden, verschleudern ihre Daten. Sie haben keine Ahnung, was sie wirklich damit machen sollen. Sie haben keine Ahnung, welchen Gewinn sie daraus erzielen können. Sie haben erst recht keine Ahnung, wie das geht. In diese Welt arbeite ich mich gerade mit einem tollen Team immer tiefer und tiefer ein. Und wieder ist es nicht die Technik, die Mittelpunkt steht. Es geht nicht darum, ob es eine Website, eine App, ein Portal oder eine Plattform ist. Zuerst wurden die Ziele definiert und um diese Ziel zu erreichen bedarf es halt einer Plattformökonomie. Und genau diese Plattform planen wir jetzt. Von den Zielen aus, verantwortungsvoll gegenüber den Bürger*innen der Stadt.
Ich merke nicht, wie die Zeit dahin schmilzt und mein Eis ebenso. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit, doch eigentlich ist es in einer halben Stunde und in einem Rausch von Gedanken fertig. Ich werde später im Zug nacharbeiten. Ich bin aufgeregt, auch erschöpft. Packe zusammen, gehe weiter. Ich hab noch etwas wichtiges zu erledigen.
Auf der Adalbertstraße, kurz vorm Kottbusser Tor, auf einem Hinterhof, befindet sich ein Museum, an dem ich seit gut 20 Jahren vorbeigehe und mir immer wieder gesagt habe, dass ich es mir anschauen muss. Das Museum „Friedrichshain und Kreuzberg“ setzt sich mit der Geschichte dieser beiden Stadtteile auseinander. Der Hinterhof, obwohl direkt an der Adalbertstraße gelegen, ist eine Oase des Friedens. Gut, es ist laut, man sieht das offene Pissoir, das wie eine Skulptur am Hochhaus des Kottbussertores klebt, damit Männer nicht an die Häuserwand dieser Seitenstraße pinkeln. Es gibt rund um das Museum viele Details, die Liebe und Verbundenheit ausstrahlen. Gepflegte Bänke, ein kleiner, hinter Draht gehegter Garten und Kinderlachen aus den Nachbarhöfen. Ich gehe in das Gebäude, eine Treppen hoch und zur Kasse. Es ist nichts los. Ich erschrecke den Kassierer. Erklärt mir, was mich erwartet. Wirkt ein wenig überrascht, aber auch stolz. An solchen Tagen, um diese Uhrzeit, scheint nicht viel los zu sein. Die Ausstellung ist klein, aber liebevoll gemacht und ich arbeite mich durch ein dreidimensionales Schaubild Kreuzberger Straßen durch. Es steht auf einem tischähnlichem Schrank, mit vielen Schubladen unter den jeweiligen alten Fotos der Häuser, die auf einem dreidimensionalen Stadtplan geklebt sind.
Ist es nicht das Haus, wo heute das SO 36 drin ist? Ich öffne eine Schublade und, siehe da, es ist es! Die Geschichte des Hauses wird erzählt, und ich erinnere mich an einige Dinge, die ich selbst als Jugendlicher miterlebt habe. Eine Etage höher ist eine Ausstellung zur politischen Entwicklung in Kreuzberg und Friedrichshain zwischen 1933 und 19:45 Uhr. Die Fotos und Filme, die das Leben der Menschen in den Dreißiger Jahren zeigen, sind erschreckend. Enge, Krankheit, Armut, Hunger, das Leben in Berlin für Menschen, die auf solche Wohnungen angewiesen waren, muss erbärmlich gewesen sein. Und trotzdem wohl besser, als das Leben auf dem Land. Warum ziehen Menschen in Städten? Meine Familie zog in die Stadt, weil sie sonst im Siebengebirge verhungert wäre. Ein Teil ging nach Amerika, der andere Teil ins Ruhrgebiet. Ein weiterer Familienstrang zog ins Ruhrgebiet, da für soviele Söhne nicht genügend Erbe auf dem Bauernhof war. Sie wären im Münsterland als Tagelöhner wahrscheinlich nicht verhungert, aber sie suchten das Glück, den Aufschwung in der Stadt. Ich weiß nicht, wie es den ersten meiner Vorfahren in der Stadt erging. Aber aus allem, was ich gehört habe, war es niemals so traurig und ärmlich, wie ich es hier beschrieben bekomme. Zum Glück haben wir diese Zeiten und diesen Zustand der Stadt als Hölle überrunden. Zumindest in Europa an den allermeisten Stellen.
Auch die Bürger*innenbewegungen der 1980‘er Jahre spielen im Museum eine wichtige Rolle und führen mir vor Augen, wie wichtig Teilhabe und Mitbestimmung sind, wenn es um die Stadt der Zukunft geht. Die Idee, diese Teilhabe in einem Zirkuszelt zu ermöglichen, finde ich grossartig! Ich habe das auch schon einmal in neuerer Zeit gelesen, irgendwo in Köln wurde das erfolgreich gemacht. Das merke ich mir.
Ich muss mich losreißen, mein Zug fährt bald. Auf den letzten Kilometern habe ich mich mit Berlin wieder etwas versöhnt und gehe mit offenem Herzen meinen nächsten Besuch an. Ich bin kein Berliner. Möchte auch keiner werden. Aber, das kann ich nicht leugnen, diese Stadt öffnet den Geist. Gut, sie öffnet ihn, nimmt ihn heraus, schlägt ihn gegen eine Wand, schüttelt ihn, wirft ihn zu Boden, trampelt darauf herum, spendiert ein Eis, lässt ihn mit liebenswerten Menschen verschmelzen, weckt Erinnerungen und zerstört Leben. Nicht meines. Ich fahre heim.
Ich nehme widersprüchliche Erinnerungen von drei Tagen Berlin mit. Diesmal weniger Rausch, als mehr Ernüchterung.
Berlin, du bist verloren.