Andreas Alciatus
Zitate und Quellen
Was zitiert Carolin Behrmann, wenn sie die Quelle Andrea Alciato, De Notitia Dignitatem Imperii Romani, Parisiis: Cramoisy 1552 zitiert? Was zitiert Goodrich, wenn er die Quelle Andreas Alciatus, De Notitia Dignitatem, Paris 1651 zitiert?
Alciato stirbt 1550. 1551/1552 ist das Jahr, in dem die sog. Froben-Edition in Basel erscheint, die hat Sigismund Gelenius besorgt und das ist die erste vollständige und illustrierte Druckausgabe der notitia dignitatum. Zu Lebzeiten arbeitet Alciato an zwei Drucken mit:
1. Alciatus (Alciato, Alciati, Alzate), Andreas (Lyon, 1529-1530)
| ANDREAE | ALCIATI IVRIS-|CONSVLTI | De Quinque pedum praescriptione | Liber Vnus. | De Magistratibus, Ciuilibus'q(ue) & | Militaribus officijs Liber Vnus. | SEB. GRYPHIVS EXCVD. | LVGD. ANN. 1529. |On last page | SEBASTIANVS GRY|PHIVS GERMA|NVS EXCV|DEBAT | LV|GDVNI, | ANN. M.D.XXX. | Basel, Universitätsbibliothek
2. Alciatus, Andreas (Basel, 1546) | D. ANDREAE ALCIATI | Mediolanensis, Iureconsulti clariss. | lucubrationum in Ius ciuile | Tomus secundus | HABET AVTEM | [...] | De magistratibus lib.I (col.) 463 | Cui recens etiam accessit dignitatu(m) tam ciuilium quam militarium Imperij | Occidentalis Index, nunc primum per autorem Orientali adiectus.| [...] | BASILEAE, PER MICH. | ISINGRINIVM. | [...] On verso of page with cols. 534/535 there is printed | BASILEAE, APVD MICH. ISINGRINIVM, | ANNO A CHRISTO NATO, M.D. | XLVI. MENSE MARTIO. | This is the second volume of his Omnia opera. (4 vols.) (Basel, M. Isingrinius, 1546-1549) - München, Bayerische Staatsbibliothek
Wohin verweisen sie?
In ihrem großen Buch zur Ideengeschichte des Bildes schreibt Behrmann auf S. 42: "Alciatio, 1552, S. 190". Behrmann und Goodrich zitieren S. 190, darum nehme ich an, dass sie beide eine 1651 in Paris gedruckte Edition der nd meinen, denn dort steht der Satz Quid est pictura? Veritas Falsa. Dort ist auch (aber erst ab S. 216) ein Text von Alciatio abgedruckt (De Magistratibus).
Sie verweisen auf eine Edition der notitia dignitatum, in der keine Illustrationen, keine Bilder oder Graphiken auftauchen. Das ist seltsam, aber zumindest verweisen sie auf S. 190 - und dieser Druck ist der einzige, wo der Satz auf S. 190 steht. Labbe bzw. Labbé wird dort als Herausgeber ausgewiesen, nicht Alciatio. Auch das ist seltsam. Die Edition trägt den Titel Notitia Dignitatum Imperii Romani. Behrmann vermengt vielleicht etwas mit dem Baseler Druck von 1552, den Gelenius besorgt hat und sie hat im Quellenverzeichnis vermutlich Zahlendreher. Es kann freilich auch sein, dass sie in den Fußnoten einen Zahlendreher hat.
Auch Goodrich meint wohl diese Edition von Labbe/Labbè vielleicht. Aber wie assoziiert er den Satz mit Alciato? Seine These stammt im Ausgangspunkt von Legendre. Diese These lautet, dass Alciato mit der Emblematik sich den Satz "Quid est pictura? Veritas falsa" als Bilddefinition eigen gemacht hätte. Der Ausgangspunkt dieser These lautet, dass Bild und Recht einen tieferen, wesentlichen oder funktionellen Zusammenhang hätten. Legendre hat zwar nicht diese Passage ausgegraben, aber eine These über den Zusammenhang von Subjektkonstitution, Bild- und Künstlichkeit entwickelt, von der aus dann Goodrich die Passage ausgegraben hat.
Das ist eine These, wie immer ist alles daran unsicher. Schon dass die beiden Sätze aus einer disputatio oder altercatio als Definition zu verstehen seien, ist bestreitbar. Das Gespräch ist als disputatio und altercatio ausgewiesen, die beiden Sätze markieren mit Frage und Antwort also einen Streitpunkt. Der als Antwort formulierte Satz kann als Paradoxie verstanden werden, der auch die Auseinandersetzung anstößt, statt sie zu definieren und zu limitieren. Muss aber nicht, es ist kompliziert. "Veritas falsa" betrifft das 'weite Feld' einer Geschichte der Wahrheitsformen und Wahrsagungen, der Fälschungen und Falschheiten. Ob Alciatio sich den Satz zu eigen gemacht ist, ist auch fraglich. Denkbar ist es. Treffender wäre es wohl, sich die Ausgabe von 1552 genauer anzuschauen - oder aber die Drucke, die zu Lebzeiten von Alciatio erschienen.
Wie Legendre behauptet Goodrich, dass die Listen, Tafeln und Tabellen der notitia dignitatum ein Vorbild der Emblematik seien. Goodrich nennt das büro- und studiokratische Material 'voremblematisch'. Die These hat wohl zwei Teile: (1.) Dort seien Texte und Bilder so zusammen- und ineinandergestellt, dass dies mit einer weiteren Methode verbunden sei, die sowohl Texte als auch Bilder umfasse. Legendre verbindet da (das ist vielleicht seiner Herkunft aus der Psychoanalyse Lacans geschuldet) 'zwei Register', nämlich das Symbolische (das in der Literatur als Struktur der Sprache assoziert wird) und das Register des Imaginären (das in der Literatur mit dem Bild assoziert wird). Legendre hebt schon den Begriff Emblem hervor, weil er etwas bezeichne, in dem etwas in etwas andere 'eingeworfen' sei. Vielleicht ist da auch noch ein Schuss Heidegger im Spiel.
(2.) Die These hat einen zweiten Teil: Die Schildzeichen, die sog. digmata, seien Vorbilder für eine imaginäre oder imaginale Fassung des Subjektes. Auch der allgemeine Sprachgebrauch verwendet das Wort Emblem manchmal für Schilder. Wohl um die These zu stärken, verknüpft Goodrich mit dem exakten Zitat und Textnachweise (Paris 1651, S. 190) Alciatio mit dem Satz auf der notitia dignitatum. Solche genauen Zitat mit Fundstellen findet man bei Legendre nie. Dafür fällt dann aber bei Legendre auch nicht auf, was denn genau diese S. 190 jetzt mit Alciatio zu tun haben soll. Goodrich erwähnt freilich, dass der Satz nicht Alciatio zugeschrieben würde (er sagt, er würde Epiktet zugeschrieben, da bin ich nicht sicher, denn der Dialog ist doch zu artifiziell als eine Art Übung ausgewiesen; Hadrian und Epiktet tauchen dort eher als 'künstliche Sprecher' auf. Aber ich bin kein Altphilologie und weiß nicht, ob jemand diesen Dialog einmal für bare Münze nahm und jemand meinte, er sei tatsächlich von Epiktet geschrieben worden).
Doch recht großzügig stellen Legendre und Goodrich einen dichten Zusammenhang zwischen den Schildzeichen, den Karten, Listen und Tabellen einerseits und der emblematischen Tradition seit Alciatio her. Mir scheint, dass die Emblematik schon viel stärker von der Buchseite, einer 'höheren' Bildform und starken Bildlichkeit lebt. Mir scheint es vorstellbar, ein Emblem über zwei oder drei Seiten gehen zu lassen. Es braucht die eine Fläche und kann nicht geblättert werden. Insoweit ist es einerseits zwar heterogen, weil es aus unterscheidbaren Graphismen (Schrift, Linie und Bild), unterscheidbaren Stilen und unterscheidbaren Sprachen (Schrift- und Bildsprache) besteht. Gleichzeitig ist das Emblem aber durch die Fläche homogenisiert und stark verdichtet, wie ein Wand- oder Tafelbild (in dem Graphismen, Stile und Sprachen auch unterscheidbar auftauchen können). Die homogenisierende Verdichtung rückt das Emblem zwar in die Nähe der digmata. Aber der Vergleich mit dem Schildzeichen kann auch die Unterschiede nicht ignorieren. Das Schildzeichen ist immerhin ein Teil strategischer Operationen, die zusammenhalten sollen. Das Emblem nimmt seine Nutzer doch in gewisser Hinsicht auseinander, weil es sie sich auseinandersetzen lässt. Labbe erwähnt Alciato zwar im Vorwort, aber nicht als Autor. Legendre war Stichwortgeber für Goodrich, als er die Aufmerksamkeit auf den Satz lenkte.
Mit der Klärung so einer kleinen Frage zum Rauschen der Übertragung gehen manchmal zwei Wochen drei Wochen vorbei, auch in Zeiten der Digitalisierung.








