Wozu ein Monatssaal?
1.
Vier Wände, drei mal drei Felder: Dieser Raum ist das Beispiel für eine Architektur, die auf Zeit bezogen ist. Wir sind auf dem Weg zum Palazzo Schifanoia in Ferrara, um uns nächste Woche Montag oder Dienstag den Monatssaal anzuschauen. Man ist immer auf dem Weg wohin und immer an einer Station. Heute Chiavenna.
In Piuro/ Villa di Chiavenna steht der Palazzo Vertemate-Franchi, der mit seinem Monatssaal einen Vergleich ermöglicht und der eine Warburgsche Vorstellung deutlich macht: alles pendelt.
Ein Monatssaal kommt selten bis nie alleine, irgendwo steht immer noch ein anderer Monatssaal. Alles, das ist dasjenige, was vom Blitz oder Urknall angestoßen ist und seit dem sich regt, rennt, rinnt, reigt, reicht, richtet und reihert. Alles, das ist dasjenige, was durch Distanzschaffen wahrnehmbar wird. Alles, das ist zumindest in der Perspektive des Forschungsprojektes dasjenige, was Gegenstand einer Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken ist.
Alles pendelt: ein Monatssaal zum Beispiel pendelt zwischen Piuro und Ferrara, kommt darum hier und da, dann und wann vor. Warburgs Staatstafeln sind das Manual und die Summe einer Wissenschaft zu solchen Vorkommnissen. Im Monatssaal wird Raum zu Zeit und Zeit zu Raum, beides wird nach dem Sonnen- und dem Mondkalender gegliedert. Wenn die Frage "Was ist Recht?" mit juristischer Methode beantwortet wird, dann bleibt eventuell eine andere Frage offen, nämlich die: wann ist es ihnen Recht? Wann passt es denn?
2.
Nicht die Frage nach der Rechtsform, nicht die nach dem Vertragstyp und nicht diejenige danach, ob der Vertrag wirksam geschlossen und die vertraglichen Ansprüche erfüllt wurden, steht im Fokus eines Kalenders.
Wann es Zeit ist, in Verhandlungen zu treten, sie zu beenden oder abzubrechen, wann es Zeit ist, Verträge zu schließen, zu kündigen oder zu brechen: wann also jeweils die richtige Zeit ist, juristisch in Aktion zu treten oder es zu unterlassen, so etwas lässt sich dank und durch Kalender besser bedenken und planen.
In den vier Ecken des Saales, der sich unter diesem Saal befindet, da sitzen vier Winde. Nicht nur Zeiten, die richtige Zeiten sind, sollen bedacht und strategisch einkalkuliert werden. Die Säle sind kosmologisch gedacht, man ist nicht nur in einem Raum, sondern auch in einem Gebäude, in einem Park, in einer Landschaft, im Gebirge. Damit ist man auch über, unter, neben anderen Räumen. Nicht nur die Betrachtung findet reigend (d.i. Schritt für Schritt in Reihenfolgen) und kreisend statt, der Aufenthalt ist Teil eines Reigens: Hier bin ich, weil ich vorher da war und danach dort sein werde. Der Aufenthalt findet, egal wann und wo, immer in Milieus und sedimentärer Geschichte statt. Die Winde sieht man in diesem Saal nicht, im unteren Saal sah man sie noch. Auch säumige Zeiten, d.h. meteorologische Bedingungen, sollen einkalkuliert werden. Tabellarisch entfaltet der Monatssaal Zeitplanung, das ist ein Trachten. Der Mensch tracht, Gott lacht.
3.
Kalenderführung ist keine juristische Methode. Das ist eine juridische Kulturtechnik. Sie hängt aber insbesondere seit dem 19. Jahrhundert auch an modernen Rechtsformen, u.a. an internationalen Verträgen, die Zeitzonen regulieren. Zeit wird im 19. Jahrhundert auch nationalisiert, durch staatliche Gesetzgebung standardisiert. Um zu wissen, ob es gerade wirklich in Sils-Maria 5:27 Uhr ist, dazu muss man ins Gesetz schauen und auf die Uhr. Juridische Kulturtechniken übersetzen Normen, sie teilen ein Wissen, das man mit Recht haben soll.
Die juridische Kulturtechnik der Kalenderführung operiert mit Grenzobjekten. Juristen teilen dank und durch Grenzobjekte(n) ihr Wissen mit Astronomen und Physikern zum Beispiel. Im 16. und 17. Jahrhundert teilten sie ihr Wissen noch mit Astrologen, auch heute tun das einige. Sie teilen ihr Wissen mit den Computisten, den Vorgängern und Namenspatronen der Computer. Sie teilen ihr Wissen mit den Mythographen, den Kosmographen etc. Ihr Wissen geht durch Objekte, die Grenzobjekte (Susan Leigh Starr) sind. In diesem Gebäude steht auf vielen Tischen ein Astrolabium, das ist ein solches Grenzobjekt und dazu noch ein Polobjekt, denn es operationalisiert die Polarisierung/ Polarität von Körpern, die elliptisch um Achsen durch Raum und Zeit kreisen. Mit ihnen berechnet man zum Beispiel den Stand von Mond und Sonne und den Stand der 'Wandersterne' und 'Fixsterne', der leicht Auskunft über Jahreszeiten und meteorologische Erwartbarkeiten Auskunft gibt. Wann wird Schnee liegen, wann werden die Kirschen blühen, wann werden wir hassen wollen, wann werden wir lieben wollen? Wann passt es ihnen denen am besten? Das ist eine FAQ solcher Polobjekte.














