Geisterbann am Berg
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Geisterbann am Berg
Ruf der Berggeister vor dem Untersberg
Hoch zu Pferde gegen Berggeister
Nur eine Woche, nachdem wir nach Tingo Maria gefahren waren, war schon wieder frühes Aufstehen angesagt. Sonntag Morgen um halb sechs trafen wir uns mit zwei peruanischen Freunden, Rodolfo und Cristian, an der Plaza. Der Plan war, im Taxi in ein Dorf in der Nähe namens Conchamarca zu fahren, dort Pferde zu mieten und den Tag über einen Ausflug in die Berge zu machen. Überraschenderweise klappte das alles ziemlich gut, der Taxifahrer stand schon bereit und nahezu pünktlich konnte unsere Fahrt losgehen.
Nach etwa 20 Minuten auf einer gut ausgebauten Straße bogen wir ab auf einen Schotterweg, auf dem wir bergauf in ein kleines Dorf holperten. Tatsächlich trafen wir am Straßenrand auf den kleinen, bärtigen Don Ramon, der zustimmte, uns vier seiner Pferde für ein paar Stunden zu vermieten, damit wir zu einem Bergsee reiten konnten. Ein Preis wurde vereinbart, Hände geschüttelt, dann begann das Warten. Es war immer noch sehr früh am Morgen und in dem idyllischen Dörfchen auf fast 3000 Metern über dem Meeresspiegel dementsprechend kalt. Dicker Nebel hing in den Tälern rundherum und in der feuchten Luft standen wir zitternd auf einer verlassenen Schotterstraße und warteten auf Don Ramon.
In der Zwischenzeit, wir hatten uns auf ein klammes Mäuerchen gesetzt, kam eine jener typisch peruanischen Frauen vorbei, über die ich schon ausführlich schrieb. Sie wuselte geschäftig auf uns zu und zog sich die braune Wolldecke enger um die Schultern, als sie begann, sich mit uns über Wetter und Regenzeit zu unterhalten. Als sie erfuhr, was wir vorhatten, machte sie einen überraschten Gesichtsausdruck - Touristen sind hier eher selten und ihr erschien es wohl einfach seltsam, dass jemand auch noch dafür bezahlte, ihre Tiere nehmen zu dürfen, um einen Ausflug auf den Berg zu machen, auf dem sie tagtäglich arbeitet - und warnte uns: Vor gar nicht allzu langer Zeit hatten schon einmal Leute von Außerhalb eine Tour in die Berge gemacht, aber offensichtlich wollte der Berg sie dort nicht haben, es begann zu regnen, sie verirrten sich und ein Junge, der in einer Höhle Schutz suchen wollte, wurde von einem Felsen erschlagen. Für die Frau war der Fall klar: Die Besucher hatte dem Berg und dem in ihm wohnenden Geist keinen Respekt gezollt, kein Opfer dargebracht. Das hatte den Berg erzürnt und so hatte er den jungen Mann als Opfer genommen. Immer wieder wird es offensichtlich, wie sehr sich hier der katholische Glaube mit den schamanischen Sagen und Ritualen aus der Inkazeit vermischt. Ein Schluck aus jedem Glas wird der Mutter Erde geopfert, wenn man Glück braucht, lässt man Tonfiguren eine Zigarette rauchen, vor Ausflügen werden die Geister der Natur durch Süßigkeiten und Kokablätter milde gestimmt. Ganz selbstverständlich sind solche Vorgänge im Alltag vieler Peruaner verwurzelt und ich finde es faszinierend, wie hier jedem Naturphänomen sein eigener Geist und Wille zugesprochen wird, meiner Meinung nach etwas, auf das man sich in unserer heutigen schnellen Zeit viel zu selten einlässt.
Nach über einer Stunde kam Don Ramon auf einem braunen Pferd angetrabt und brachte noch einige weitere mit. Begleiten sollte uns auf dem Ausritt seine Tochter - nicht, damit wir den Weg fänden, sondern viel mehr, damit wir die Pferde nicht klauen konnten.
Es waren starke, ruhige Tiere, keine verhätschelten Haustiere sondern Arbeitsgeräte und Fortbewegungsmittel in einem. Im Durchschnitt ist die hier hauptsächlich vertretene Rasse immer etwas zu kleine für mich, aber das ist nur konsequent in diesem Land, wo meine Füße ein bisschen über den Bettrand stehen, ich keine langen Hosen kaufen kann, mich Kinder fragen, wie viele Meter ich denn groß sei und in der Raummitte aufgehängte Deckenlampen zu meinen persönlichen Feinden geworden sind. Ich bekam also das größte der zur Verfügung stehenden Pferde, einen hübschen Schimmel, und kletterte mit Hilfe eines am Wegrand liegenden Steines auf den behelfsmäßigen Sattel. Die Pferde hatten keine Trense, sondern ein langes Seil, das ihnen einem Halfter ähnlich um den Kopf geschlungen war und dessen Ende auf einer Seite des Halses als Zügel diente. Die Sättel bestanden aus mehreren Lagen von Decken und Leinensäcken, zwischen denen zwei flache Holzbalken zur Schonung des Rückens beitragen sollten. Mit dicken Schnüren war das Ganze aufs Pferd gebunden und damit das wohl Unbequemste, auf dem ich je gesessen habe.
Trotzdem genoss ich den Ritt von Anfang an. Kaum hatten wir die kleine Ansammlung von Häusern verlassen, kamen auf einem Braunen noch zwei kleine Jungs hinterhergaloppiert. Sowohl diesen beiden – sie mochten sechs, höchstens acht Jahre alt sein – als auch unserer eigentlichen, zwölfjährigen Begleiterin merkte man an, dass sie auf dem Pferd praktisch ihre gesamte Kindheit verbringen. Federleicht und fast ohne sich festzuhalten saßen sie auf dem steinharten Sattel, trabten und galoppierten nach Lust und Laune und wirkten für mich so frei und unbesorgt, wie es nur Kinder sein können. Sie scherzten und lachten auf einer Mischung aus Spanisch und Quechua und leisteten sich Wettrennen mit ihrer großen Schwester, ihre ausgelassene Stimmung steckte mich bald an und so galoppierten wir zusammen auf der staubigen Straße voraus.
Ich merkte schnell, dass das meine Art zu reiten ist. Mit Dressur kann ich nicht so viel anfangen, weiß nichts über rechten und linken Galopp und auch Zirkel kriege ich in der Halle nur hin, weil es so praktische Schilder dafür gibt. Den Pferden hier geht es ähnlich, sie sind sehr stark und viel geländegängiger, als jedes deutsche Reitpony, darin besteht ihr Ausbildung und nicht im exakt gleichmäßigen Heben der Füße im Trab. Auf die Art habe ich im Grundschulalter reiten gelernt und bis jetzt ist es das, was ich mag: Unter freiem Himmel, am liebsten in einer so weiten und wilden Landschaft wie an diesem Tag, mit einem Pferd, das seinen eigenen Kopf hat
Die Straße schlängelte sich den Berg hinauf und was uns als ein Ausflug von weniger als einer Stunde zu Pferde vorausgesagt wurde, entpuppte sich als mehrstündiger Ritt. Nach und nach merkte ich den unbequemen Sattel immer mehr und es wurde immer schmerzhafter, wenn der hübsche Schimmel anfing zu traben. Jedes Mal freuten wir uns, wenn die kleinen Jungs verkündeten, es sei nicht mehr weit, und jedes Mal mussten wir feststellen, dass das eine sehr relative Einschätzung war, wenn nicht sogar völlig geraten.
Plötzlich kurz hinter einer Kurve hörte die Straße einfach auf und verschwand in einem riesigen Schlammhaufen. Wenig zuvor musste wohl ein Stück des Berghangs durch Regenfälle abgerutscht sein, sodass nun zum Teil mehrere Meter hoch hellbrauner Matsch und herausgerissene Pflanzen den Weg unpassierbar machten. Uns blieb nichts anderes übrig, als die Pferde an Ort und Stelle an der spärlichen Vegetation anzubinden, da die Versuche der Kinder, die Tiere durch die verschüttete Stelle zu treiben, zwar von nervösen und bis zum Bauch dreckigen Pferden, nicht aber von Erfolg gekrönt waren. So bahnten wir uns schließlich selbst, kletternd, stolpernd und zum Teil bis zur Hüfte im Matsch versinkend, einen Weg durch und über den riesigen matschigen Haufen, der sicherlich 15 Meter der Straße unter sich begraben hatte.
Zum Glück war es von diesem Punkt aus tatsächlich nicht mehr allzu weit zu unserem eigentlich Ziel, und so liefen wir die letzten paar Kurven der zum Teil abgerutschten, aufgeweichten Straße entspannt zu Fuß, in erster Linie froh, nicht mehr auf den steinharten Sätteln zu sitzen. Als die Straße endete, landeten wir in einer fast unwirklichen Landschaft. Ein schmaler steiniger Weg führte immer steiler bergauf, rechts und links davon grünes, unregelmäßiges Gras, das von kleinen, blühenden Wiesenblumen durchsetzt war. Rechts über uns ragte der Berggipfel auf, links von uns ging es recht steil ins Tal, wobei man auf beide, aufgrund des dichten, in undurchdringlichen Schwaden vorbeiziehenden Nebels, nur ab und zu einen Blick erhaschen konnte.
Flink rannten die Kinder in ihren etwas zu großen Gummistiefeln vorraus, doch ich merkte schnell, dass mir die dünne Luft auf immerhin guten 4000 Metern über dem Meeresspiegel zu schaffen machte und ich eine Pause nach der anderen einlegen musste. Das bis dahin schöne, ab und zu etwas bewölkte Wetter schlug um und aus dem bleigrauen Himmel fiel ein kalter, ungemütlicher Nieselregen. Cristian wartete auf mich, und so kletterten wir beide - die anderen waren uns weit voraus und außer Sicht - einen vom Regen rutschigen Geröllhaufen hinauf und weiter auf einen erneuten Pfad aus schwarzen Steinen, dieser deutlich schmaler und steiler als der letzte. Der Regen wurde stärker und ein aufkommender Wind peitschte ihn von allen Seiten gegen uns, trotz meiner dünnen Regenjacke war ich schnell nicht nur nass, sondern auch komplett durchgefroren.
Cristian und ich waren uns immer unsicherer, ob wir auf dem richtigen Weg waren, und als wir an einen Punkt kamen, an dem wir keinen Pfad mehr entdecken konnten und uns nichts übriggeblieben wäre, als fast senkrecht den grasigen Hang hochzuklettern, setzte der Hagel ein. Ich hatte schon öfter gehört, dass das Wetter hier auf den Gipfeln der Anden gerade in der Regenzeit unberechenbar sein kann, aber Hagel kam nun echt nicht nur unerwartet, sondern auch ungelegen und so beschlossen wir, wieder zurück zu einem flachen Platz aus denselben schwarzen Steinen, aus denen auch der Weg war, zu gehen. Die eisigen Hagelkörner peitschten uns ins Gesicht und mehr rutschend als laufend machten wir uns an den Abstieg.
An unserem Ziel angekommen versuchen wir, im Schatten einer Steilwand Schutz zu suchen, was aber durch den ständig drehenden Wind kaum einen Unterschied machte. Wenigstens hatte der Hagel aufgehört und es war nur noch eiskalter Regen, der uns zu schaffen machte. Ich weiß nicht genau, wie lange wir da auf zwei Felsbrocken einfach im Unwetter hockten, mit den Knien zitterten und hofften, dass die anderen bald zurückkamen. Selbstverständlich hatten unsere Handys keinen Empfang und es war ein seltsam unwirklicher Moment, dort mitten im Niemandsland auf einem Berg zu hocken während die Natur um uns herum zeigte, was sie konnte. Mir blieb nichts anderes übrig, als Demut vor diesen Kräften zu Empfinden, die sich als 'Regen' und 'Wind' zwar recht alltäglich anhören, in solchen Gegenden wie hier aber immer wieder schlimme Schäden anrichten und im falschen Moment auch tödlich sein können.
Es kam mir vor wie eine Ewigkeit, bis wir endlich die Stimmen der anderen hörten, wie sie aus genau der Richtung kamen, in der Cristian und ich irgendwann aufgegeben hatte. An dem Bergsee, den ich nun nur von Fotos kenne, hatten sie noch eine andere Gruppe Wanderer getroffen, die sich sehr früh morgens zu Fuß hierher auf den Weg gemacht hatten. Der Anführer jener Gruppe hatte wohl Mitleid mit uns beiden und bot uns kurzerhand eine kleine Wasserflasche voll mit purem Vodka an und schenkte uns eine Zitrone, die wir auslutschen sollten, um unseren Kreislauf wieder in Schwung zu bringen. Ich muss zugeben, dass vor allem ersteres wirklich geholfen hat und ich merkte, wie die brennende Flüssigkeit in meinem Hals die Wärme in meinen Körper zurückbrachte.
Wir waren noch keine fünf Minuten bergab gelaufen, als Wind und Regen nachließen und kurz darauf sogar der Himmel aufklarte und die Sonne uns wieder trocknete. Auf dem selben Weg, wie wir gekommen waren, erreichten wir auch wieder unsere Pferde und stellten an ihrem komplett trockenen Fell fest, dass es hier nicht geregnet haben konnte. Während unserem Rückweg zu Fuß - wir führten die Pferde die meiste Zeit, da unsere geplagten Hinterteile die Sättel einfach nicht mehr aushielten - brannte die Sonne erbarmungslos und der Aufenthalt dort oben im eisigen Regen kam uns vor wie aus einer anderen Welt. Aber als wir so liefen, kamen wir auch schon auf eine Antwort, warum das Wetter so verrückt gespielt hatte und wir nicht alle die Möglichkeit bekamen, den Bergsee zu erreichen:
Wir hatten dem Berg keine Opfergabe gebracht, sein Geist war also wütend geworde und hatte uns vertrieben.