Albtraum Dialyse - Lebensretter Dialyse
“An die Dialyse müssen” - ein Albtraumszenario für eigentlich Jeden. 2017 waren in Deutschland ca. 80.000 Menschen dialysepflichtig.
Wenn die eigenen Nieren zu schwach sind um alle Giftstoffe aus dem Blut zu filtern, muss dies künstlich mit Hilfe der Dialyse durchgeführt werden. Dabei werden die zwei Varianten Hämodialyse und Peritonealdialyse unterschieden. Beide Varianten haben ihre Vor- und Nachteile.
Die gesunden Nieren reinigen das Blut 24 Stunden - 7 Tage die Woche. Die Hämodialyse (”Blutwäsche” durch eine Maschine) wird i.d.R. 3x die Woche mit einer Dauer von jeweils 4 Stunden durchgeführt.
Auch für mich war Dialyse immer ein Albtraumszenario, welches ich um jeden Preis vermeiden wollte. Da ich einen Lebenspender hatte, war auch keine Dialyse geplant. Es sollte das kleine Zeitfenster zwischen “sehr schlechte Nierenwerte aber noch gut genug um nicht zur Dialyse zu müssen” getroffen werden. Natürlich spielt das Leben nicht nach Spielregeln und so verschlechterten sich meine Nierenwerte im März in kürzester Zeit so rapide, dass ich nun doch zur Dialyse musste. In dem Moment brach für mich schon eine kleine Welt zusammen und das obwohl ich wusste, dass es “nur” für 4 Wochen sein wird.
Es ist Ende März und ich war mal wieder bei meinem Nephrologen zum Bluttest. Mitterlweile musste ich alle 4 Wochen hin - zu Beginn vor 6 Jahren waren es noch alle 3 Monate - jedesmal der Druck, dass Hoffen das sich die Werte nicht verschlechtert haben und doch irgendwie zu wissen, dass sich die Werte meist schlechter sein werden als das Mal zuvor. Mein Arzt machte mir klar, dass sich die Werte verschlechtert haben und sich auf keinen Fall weiter verschlechtern dürfen und das die Transplantation möglichst bald geschehen muss.
Über das Wochenende bekam ich schrecklichen Juckreiz am ganzen Körper und wusste, dass irgendetwas in meinem Körper nicht stimmt. Ich ging zum Notdienst, aber diese konnten mir nicht helfen. Am kommenden Montag schrieb ich meinem Arzt eine Mail und schilderte ihm die Situation. Nichtmals 20 Minuten später hatte ich eine Antwort von ihm, dass ich ihn unbedingt so schnell wie möglich zurückrufen solle. Ich merkte, dass es ernst war. Als ich ihn eine halbe Stunden später anrief, hatte er bereits 2x mit der Uniklinik telefoniert und diese mit meiner Mutter. Es war mehr oder weniger bereits klar, dass die Transplantation am 2. Mai stattfinden wird. Da meine Mutter und ich noch nicht die zweite Aufklärung hatten und meine Mutter noch nicht bei der Ethikkommission war, war dies der frühstmögliche Termin.
Ich musste bereits dienstags zu einem neuen Bluttest und es war abgesprochen, dass ich mich mittwochs gegen frühen Nachmittag melde. Als ich vom Mittagessen kam sah ich einen Anruf in Abwesenheit von meinem Arzt und wusste, dass irgendwas überhaupt nicht in Ordnung sein musste. Er sagte mir, dass sich die Werte weiter verschlechtert haben und ich nicht um die Dialyse herumkomme. Mein Harnstoff im Blut war auf 280mg angestiegen, bei gesunden Nieren liegt der Wert etwa zwischen 18 und 55 mg. Er hatte bereits für freitags einen Termin in einer Klinik vereinbart um mir den notwendigen Katheter anlegen zu lassen und die ersten beiden Dialysen durchzuführen.
Die operative Anlage des sog.”Demers-Katheter” verlief ohne Probleme, es war nicht schmerzhaft aber doch ein komisches Gefühl, da ich merkte, wie etwas durch mich durchgeschoben wurde. Ebenso war es fü mich sehr gewöhnunsbedürftig, dass aus meinem Körper - unterhalb des rechten Schlüsselbeines - zwei Schläuche kamen. Am selben Tag wurde ich dann nachmittags zu meiner ersten Dialyse abgeholt. Zu Beginn waren es nur 2 Stunden, die sich jedesmal um 30 Minuten bis auf 4 Stunden erhöhen sollten. Ich wusste nicht was kam. Tut Dialyse vielleicht weh? Wie ist das Gefühl an einer Maschine zu hängen? Meine Mutter war bei der ersten Dialyse dabei. Dies war sehr hilfreich für mich - zu wissen, dass da jemand ist und mich so gut es geht unterstützt. Und doch wusste ich, dass ich durch die ganze Situation alleine gehen musste. Auch wenn jemand dabei ist und dich unterstützt, so ist es doch was anderes als wenn man selbst dort sitzt und darauf wartet, dass die Maschine endlich fertig ist.
Nein, Dialyse tut nicht weh. Es ist nur gewöhnungsbedürftig, dass man rumsitzt, nichts tut und doch irgendwann schneller anfängt zu atmen. Warum ist das so? Gesunde Nieren filtern das Blut mit etwa 90-120ml pro Minute. Bei der Hämodialyse sind es meist 300ml pro Minute. Das Herz muss also das Blut schneller durch den Körper pumpen. Genauso war es zu Beginn für mich ein komisches Gefühl, dass durch die zwei kleinen Schläuche das ganze Blut durchfließt.
Ein anderer Patient sagte mir während der ersten Dialyse, dass es am wichtigsten ist, die Dialyse zu akzeptieren und nicht dagegen zu arbeiten. Nur dann würde es einem relativ gut gehen. Ich konnte die Dialyse akzeptieren. Ich denke, dass lag daran, weil ich bereits nach wenigen “Sitzungen” eine erhebliche Verbesserung meines Wohlbefindens merkte. Und weil ich wusste, dass es sich hierbei nur um eine kurze Zeit handelt.
Gleichzeitig merkte ich aber auch, wie krank ich bereits wirklich war. Das heimtückische an der Niereninsuffizienz ist, dass sich die Nieren langsam aber permanent verschlechtern. Dadurch merkte ich selbst zwar, dass ich krank war, aber nicht wie stark es sich bereits auf meinen Körper auswirkte. So hatte ich z.B. etwa 7 Kilo an Gewicht verloren.
Mit Hilfe der Dialyse ging es mir schnell spürbar besser. Ich fühlte mich wacher und kraftvoller. Auch das verlorene Gewicht hatte ich innerhalb kurzer Zeit wieder aufgeholt.
Hilfreich war, dass die Pfleger stets versucht haben, einem die Zeit so erträglich wie möglich zu gestallten. Wie wichtig dies war, merkte ich bei meiner letzten Dialyse einen Tag vor der OP. Diese war bereits im Krankenhaus und irgendwie war der Raum sehr trostlos, es war kühl im Raum und die Pfleger waren nicht gerade redselig. Wäre dies jedesmal so gewesen, wäre die Zeit für mich wohl wesentlich schwieriger geworden. Als die typische Melodie erklang, die das Ende der Dialyse vermeldete, füllte sich mein Körper mit einem erleichterten und hoffnungsvollen Gefühl. Ich hatte es geschafft, ich war mir sicher, dass es mein letztes Mal an der Maschine war und ab morgen mein Körper wieder diese Aufgabe übernehmen wird.
Ich vermisse die Dialyse als solche, dass 3x die Woche für mehrere Stunden rumsitzen müssen, nicht. Genauso bin ich froh, dass ich es nicht über viele Jahre machen musste. Trotzdem bin ich froh, diese Erfahrung machen zu können. Es hat mir etwas den Albtraum Dialyse genommen, denn ich weiß genau, sehr wahrscheinlich wird irgendwann meine Spenderniere nicht mehr funktionieren und sollte ich dann keinen Spender haben, werde ich wieder zur Dialyse müssen. Dann wahrscheinlich über viele Jahre...