Ghurab - Botenjunge
Er fühlte es lange, bevor es akut wurde. Schüttelte es ab, hörte nicht darauf. Weil er es nicht wollte.
Stattdessen gab er sich ganz dem Training hin. Dem Gefühl, seine Muskeln zum Brennen bringen zu können. Bladeborn setzen den Körper oft über den Geist, vertrauen ihren Knochen, Sehnen, dem winzigen Moment der Intuition tief im Bauch, der vielleicht von der Macht gelenkt wird, vielleicht aber auch tiefer sitzt, dem Gehirn der Echse entstammt, die man vor Jahrmillionen war.
Stilles zählen der Liegestütze. Die Hände breit aufgestützt, um statt die Schultern den Bizeps zu fordern. Schweißtropfen, die auf dem staubigen Boden aufklatschten. Über ihm die sich wölbende Silberscheibe des fremden Firmaments. Monde wie Traubenbündel tief über dem Horizont. Dort, wo der gewaltige Bogen des Eisrings die Linie des Meeres durchschnitt.
Der kleine Mond weit im Outback der Galaxis war wunderschön. Eine träge Brandung, die nach den blanken Zehen schnappte, atmende Bäume mit silbriger Rinde, die sich entgegen des sanften Windes wiegten. Wie Edelsteine funkelnde Krebstiere, die bei Ebbe weit über den tiefblauen Sand huschten und die das Nexuweibchen mit großem Entzücken jagte und eimerweise fraß.
Und vor allem war dieser Mond abgelegen. Einer der Rückzugsorte des Ordens, den die Bladeborn aufsuchten, nachdem sie einen Auftrag ausgeführt hatten. Um sich wieder zu reinigen. Um wieder ihre Mitte zu finden. Möglicherweise um zu heilen und manchmal um zu sterben. Fast immer, um stärker zu werden.
Abgelegen.
Und trotzdem diese Präsenz.
Ghurab knurrte frustriert, sprang auf die Füße und schüttelte die Arme aus. Der Nexu, halb in der Brandung stehend, drehte sich um, zog fragend das riesige Maul noch mehr in die Breite. Der Sith hob einen handtellergroßen Krebs auf, warf ihn weit hinaus ins Wasser. Wie ein Hündchen schoss das ponygroße Raubtier hinterher.
Die Präsenz.
Kam näher. Nagte an den Rändern seiner Wahrnehmung und reizte ihn. Er war nicht gut in solchen Dingen. In der ganzen Galaxis gab es nur drei Lebewesen, die er klar und auch auf Entfernung wahrnehmen konnte. Und nur eines davon wollte er nicht töten. Und dieses eine war es diesmal nicht, außer es hatte gelernt, eine Interceptor zu fliegen. Nicht, dass er es ihr nicht zutrauen würde. Aber bei aller Hochbegabung war ein Pilotenschein mit nicht einmal sieben Jahren doch etwas übertrieben.
Er stapfte durch den weichen Sand zurück zu seinem Schiff. Er wollte sich bewaffnen. Nicht, dass es viel nützen würde.
Als er die Destiny’s Edge erreichte, war ihm schon klar, dass es zu spät war. Über seinem Schiff hing ein anderes am Himmel.
Ghurab blieb stehen und blinzelte, sträubte irritiert die Tentakel. Das passte nicht. Oder doch? Es war die richtige Schiffsklasse. Und das Schwert-im-Baum-Wappen der Karaz prangte in dunklem Rot auf der Hülle direkt über der Pilotenkanzel. Aber der Rest ...
Der Rumpf war mit archaischen Zeichnungen bedeckt – darin Ghurabs eigener Interceptor nicht unähnlich – doch war es nicht die Bildsprache der Sith, spitz und mit Messerklingen in jedem Strich, sondern sich windende Monster umschlangen die Steuereinheiten, breiteten sich über die Turbinen aus und fraßen Sonne und Mond auf den ausgefahrenen Landestützen. Jemand hatte Teile von zakuulanischen Droiden am Rumpf befestigt, verdreht und zerfetzt. Und ganz vorne eine ehemals goldene Rüstung, die Knochen ihres Besitzers geschwärzt vom Eintritt in die Atmosphäre, zerrissen von der Macht und der Erbarmungslosigkeit des Alls. Dies war nicht mehr das elegante, kühle Schiff eines bis zur Schmerzgrenze kaltgeschmiedeten Lords. Das war ein Racheschwur aus Stahl, ein Versprechen, Tod und Verderben zu bringen.
Unter all’ den martialischen Dekorationen war die Registrierung dennoch deutlich zu erkennen. Der Besitzer des Schiffes wollte nicht unerkannt bleiben. Sein Kampf wurde wieder mit offenem Visier geführt.
Die Rememberance. Das persönliche Schiff von Lord Rednelak Karaz.
Die Rampe an der Unterseite öffnete sich, die Hydraulik zischte und spuckte Nebel. Ghurab machte sich bereit. Die Rememberance war nicht gelandet. Die bullige Gestalt in schlichter, schwarzer Robe ließ sich die fünf Meter zu Boden fallen. Die schweren Stiefel drückten sich bis zu den Knöcheln in den Sand.
Auch der Lord war unbewaffnet.
Ghurab zog die Schultern hoch, nahm die Arme leicht zur Seite. Angriff oder Verteidigung. In einer anderen Ebene, als der, die wir mit den Fleisch-Augen sehen, stand der junge Reekbulle dem alten Drachen gegenüber.
Lord Rednelak blieb stumm. Betrachtete. Die gelben Augen wanderten ohne sichtbares Urteil über die Szenerie, schienen seinen jüngsten Sohn nur als Teil der Landschaft wahrzunehmen.
Ghurab biss an. Wie immer. „Was willst du?“
„Ratintias, tin’a“
Ghurab atmete tief ein. Ah, das also. So offiziell und gestelzt, dass der Alte sogar mit der Sprache der Vorfahren anfing. Uncharakteristische Vorsicht riet ihm dazu, mitzuspielen. „Ratintias, wisosûta.“
Lord Rednelak stellte noch ein letztes Detail klar: „Nu tsrizûtairiki j'us ra zûtaosini“, dann war der Formalität genüge getan – nicht, dass Ghurab der Aussage „Ich will dich nicht angreifen“ Vertrauen geschenkt hätte.
„Nochmal – was möchtest du ... Vater?“
Der Lord griff in seine Robe und warf ihm ein Datapad zu. „Du wirst zu Borraa gehen. Es gibt Spuren, die ich nicht ohne ihr Wissen weiterverfolgen kann.“
Ghurab betrachtete das Pad. Verschlüsselt. Natürlich. Zorn machte ihm die Brust eng.
„Und warum gehst du nicht selbst zu deinem Lieblingskind? Ach, ich kann’s mir denken. Du willst ihr nicht zu nahe kommen, weil sie es sonst sehen könnte.“ – „Droh’ mir nicht, Junge.“ Die Stimme des Lords war frei von Gefühlen. Wie immer.
„Ich drohe nie, Vater. Ich greife an oder nicht. Und jetzt greife ich nicht an. Ich stelle nur Fakten fest. Und ich glaube, ich bin ganz nah an der Wahrheit, nicht? Hey, ich verurteile dich nicht, jetzt sind wir uns doch das erste Mal richtig ähnlich, nicht w-...“ der beiläufige Schlag mit der Macht fegte Ghurab mehrere Meter und an den Stamm eines Mangrovenbaums. Presste ihm die Luft aus den Lungen und ließ ihm Blut aus der geplatzten Lippe tropfen.
Rednelak gab kein weiteres Zeichen seiner Verärgerung. Aber auch diese kurze Entgleisung zeigte mehr Emotion, als der Lord seinem Sohn gegenüber in den letzten anderthalb Jahrzehnten aufgebracht hatte.
„Du verbringst zu viel Zeit mit den Wilden, Vater“
„Geh zu Borraa. Gib ihr die Daten. Hilf ihr, falls sie dich benötigt.“
„Das werde ich nicht tun, der Orden-...“ – „Der Orden weiß Bescheid. Du wirst die Anweisungen deiner Oberen in den nächsten Stunden erhalten.“
Und damit war die herzliche Familienzeit beendet. Rednelak sprang anstrengungslos zurück auf die Rampe der Rememberance. Die Luken schlossen sich und die Triebwerke heulten auf, ließen Sandwolken vom Strand aufsteigen wie die Geister der Vergangenheit.
Drei Minuten später war es, als sei diese ganze Episode nur eine Illusion gewesen. Zu viel Sonne. Vergorene Früchte. Ein Sturz beim Training samt Kopfverletzung.
Wäre nicht das Datapad.
Ghurab ging zur Destiny’s Edge. Es würde bestimmt möglich sein, die Verschlüsselung zu knacken.









