Einmal Schlachthof und zurück? Von Brigitte Harries
Wir kennen sie alle, die armen Schweine, die in Transportern über die Autobahn rollen, die manchmal – böser Spaß – ein lachendes Schweinchen neben ihrem Firmenemblem haben. Man bietet den Tieren auch bei kaltem Wetter freie Aussicht und viel Frischluft, wahrscheinlich weil ein überhitztes, gestresstes Schwein womöglich zu schnell – also vor der Schlachtung - tot umfällt und als Verlust zu verbuchen ist, während ein verkühltes Schwein einen 'kühleren Kopf' bekommt und zudem keine Zeit mehr hat, eine wertmindernde Lungenentzündung zu entwickeln …
Wir sind auf der Überholspur schnell an den Todeskandidaten vorbei. Ich habe ein flaues Gefühl im Bauch und schicke eine Entschuldigung zu den Tieren hinüber, anderen läuft vielleicht beim Gedanken an ein leckeres Schnitzel die Spucke im Mund zusammen ...Ich hoffe aber mal, dass viele Mitmenschen zumindest ein kurzzeitige Bedauern für die armen Kreaturen überkommt, die da für unseren Genuss viel ertragen müssen.
Welcher Horror muss es für ein kluges, sensibles Tier wie das Schwein sein, aus der vertrauten Atmosphäre seines Stalles, heraus, aus einer reizarmen, isolierten Haltung in ein rasendes, rüttelndes Ungetüm zu geraten. Wenn es da überhaupt Trost gibt, sind es vielleicht die Mitschweine dicht gedrängt rund herum.
Wahrscheinlich können auch diejenigen Ökobauern ein bisschen Sicherheit inmitten der großen Angst geben, die sich ihrer Verantwortung stellen und ihre Schlachttiere auf ihrem letzten Weg begleiten und zudem dafür sorgen, dass dieser Weg kurz ist.
Szenenwechsel:
Die Flugreise der Familie steht an. Man ist gut betucht und anständig, deshalb soll es auch der Familienhund gut haben. Im exklusiven Hundehotel hat man rechtzeitig für ihn gebucht und keine Kosten gescheut. Dafür wird ein umfassendes Wellnesspaket versprochen. Hinbringen muss man seinen Hund nicht mehr selbst. Das Hundehotel hat seinen eigenen Shuttleservice: Man braucht den Liebling nur noch in eine Hundeschule ganz in der Nähe zu bringen und von dort wird er dann im hoteleigenen Kleinbus weiterbefördert. Fachpersonal übernimmt ihn, er kommt in eine Box, andere Hunde mit demselben Ziel werden angeliefert und beziehen – manche trotz heftiger Gegenwehr - Nachbarboxen. Auf dem Weg zum Hundehotel werden auch noch andere Sammelstellen angefahren, wo weitere Hunde warten, die in das Urlaubsquartier transportiert werden sollen..
Denken wir, wenn wir den Hundeshuttlebus sehen: „Oh, die glücklichen Hunde, die fahren jetzt in den Urlaub!“?
Oder überkommt uns ein Gefühl des Bedauerns oder gar Schrecken, wenn wir den Kleinbus sehen? Leiden wir mit den Insassen, die da, fernab ihrer vertrauten Umgebung ohne ihre vertrauten Menschen transportiert werden? Gewiss, als moderne Hunde werden sie das Autofahren kennen, aber welches Gefühl überkommt sie, wenn ihr Mensch sie noch einmal tätschelt und tröstend meint:“Frauchen kommt bald wieder, mein Schatz!“, und dann weg ist? Reicht so ein Abschied, um unserem Vierbeiner Sicherheit zu vermitteln, die Sicherheit, dass wir ihn nicht auf Dauer verlassen? Gibt es überhaupt einen Abschied, der das kann? Oder sind wir womöglich mit all unserer Eloquenz am Ende? Müssen wir hinnehmen, dass unser Hund große Angst bekommt, weil er meint uns zu verlieren ? Ist es für dieses Familienwesen – Wolfsrudel sind nichts anderes als die Familienverbände der Wölfe – nicht der GAU schlechthin, von seinem Rudel getrennt und in völlig fremder Umgebung von ebenfalls völlig fremden Menschen versorgt zu werden? Sind die Gefühle des Hundes im Shuttlebus so viel anders als die des Schlachtschweins im Transporter!? Ist womöglich schon der Weg hin zur angeblichen Wohlfühloase eine einzige Qual?!
Im Hotel angekommen, folgt die Tierarztuntersuchung – für viele Hunde schon in Begleitung ihrer vertrauen Menschen angstbesetzt ! - danach bekommt jeder Hund sein Zimmer. Zwinger sind in einem feinen Hundehotel ein absolutes NO GO, wie versichert wird. Das Zimmer ist soweit o.k., recht klein, gefliest, sauber, mit Körbchen und Trinknapf. Guter Wille ist dem Personal auch nicht abzusprechen: Sie versuchen, zu einem Rüden eine nette Hündin zu setzen und umgekehrt.
Was unterscheidet so ein Zimmer nun aber von einem Zwinger? Ein Zwinger, der auf sich hält, hat durchaus die Ausmaße der Hundezimmerchen. Und wenn er noch eine gut isolierte Hütte hat, würden sich die meisten Hunde darin nicht mehr oder weniger unwohl fühlen als in den Zimmern, in die sie eingeschlossen werden.
Die Freiluftzwinger hätten für das Nasentier Hund den großen Vorteil, dass es draußen nun mal viel mehr und insbesondere Naturnäheres zu erschnuppern gibt als in einem Zimmerzwinger. Im Zimmerzwinger dürfte es vorwiegend nach Desinfektionsmitteln, Flohspray und ähnlichen Ekligkeiten riechen. Zudem bekommt Hund in einem Außenzwinger viel mehr von der Umwelt mit und kann darauf reagieren.. Mit einem sympathischen Mithund in einem Außenzwinger zu wohnen ist also für alle Hunde mit isolierendem Fell nicht schrecklicher als ein Zwingerzimmer, in das er weggeschlossen wird...
Denn machen wir uns nichts vor: Die vierbeinigen Hotelgäste würden freiwillig nicht in ihren Zimmern bleiben, sondern die Wohlfühloasen schnellstens verlassen, um sich auf die Suche nach ihren Menschen oder jedenfalls Ersatzmenschen zu machen.
Macht das Luxus-Hundehotel womöglich seine Angebote nur, um das Gewissen der Menschen zu beruhigen, die ihre Hunde dort unterbringen? Sind Hundeschwimmbad, Spielausläufe, Entspannungsmassagen, Futter nach Wahl, Streicheleinheiten usw. nur dazu da uns weis zu machen, dass ein Hund im Hundehotel doch wirklich alles hat? Gewiss, eine Hundeverwahrung mit solchen Angeboten ist besser als einen Hund ausschließlich in einem Zwinger zu verwahren und zu füttern, aber all diese Angebote sollten uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass dem Hund das fehlt, was ihm das Wichtigste ist: sein vertrautes Menschenrudel. Fällt uns Menschen vielleicht nur nicht auf, wie unsere Hunde sich in den 'Wohlfühloasen' wirklich fühlen, weil Hunde uns selbst dann noch devot wedelnd entgegen hüpfen, wenn es ihnen ohne uns eben noch hundeelend ging.
Es mag sein, dass sich einige Hunde dort auch wohl fühlen: Es gibt Allerweltshunde, die mit jedermann gut Freund sind. Wenn diese Hunde von Anfang an auch noch viel fremdbetreut wurden: im Hundekindergarten, in der Hundeschule, beim Hundesitter, bei Nachbarn; wenn sie dazu noch Besitzerwechsel hinter sich haben, dann können sie die Hotelangebote wahrscheinlich genießen. Sie haben die Hoffnung auf ein 'festes' Rudel wahrscheinlich längst aufgegeben und versuchen, jedermann Liebling zu sein: Sie schmeißen sich an jeden ran, ähnlich einem kleinen Kind, das auf der Suche nach Zuneigung schnell die Hand jedes Fremden ergreift oder ihm auf dem Schoß sitzt....
In unserer Familie haben immer Hunde gelebt, meistens waren es zwei. Während unsere Kinder irgendwann bekundeten, dass sie nun flügge genug seien, um ohne uns zu verreisen, haben unsere Hunde solche Wünsche nie geäußert. Wir waren für sie das Maß der Dinge und sie sind immer gerne mit uns verreist und wir mit ihnen. Sie haben ihr Wellness-Programm mit uns erlebt und genossen. Ich habe folglich über eine Einrichtung geschrieben, die unsere Hunde nie ausprobiert haben! Trotzdem nehme ich mir das Recht, Stellung zu beziehen, genau wie ich nie einem unserer Hunde ein Stachelhalsband 'angetan'. habe und trotzdem dazu eine fundierte Meinung habe. Böse, bzw. fragwürdige Sachen darf man nicht ausprobieren, um hinterher aus Erfahrung berichten zu können!
Wir erwarten von unseren Familienhunden Verlässlichkeit insbesondere auch in schwierigen Situationen. Ich bin überzeugt, dass ein Hund nur dann ein zuverlässiger Partner werden kann, wenn er von klein an die Erfahrung macht, dass er sich auf uns verlassen kann. Wenn wir ihn für ihn unverständlich für Tage oder Wochen verlassen und fremden Einflüssen aussetzen, stellen wir sein Vertrauen auf eine harte Bewährungsprobe. Ich fürchte, manch einer wird sein Vertrauen in uns verlieren.
Zerütterte Verhältnisse - Ein Klartext von Brigitte Harries
Moin, Mithunde,
für uns brechen unsichere Zeiten an. Bis jetzt konnten wir die Körpersprache unserer Menschen relativ leicht entschlüsseln und rauskriegen, was sie vorhatten, wo ihre Schwachstellen waren, wie sie weich zu klopfen waren, wann wir uns besser zurückhalten sollten. Ihr wisst, was ich meine: Unsere Menschen waren manchmal schwierig, aber meist verlässlich in ihren Reaktionen. Als Hund konnte man gut mit ihnen kommunizieren, ihnen Wünsche und Ängste mitteilen und auf hundgemäße Reaktionen hoffen. Nun befällt aber offenbar ein Virus immer mehr Hundehalter, das ihr Verhalten erschreckend verändert. Ich will ja keine Panik unter euch verbreiten, aber man könnte schon meinen, dass Infizierte verrückt werden.
Den Defekt könnt ihr an verschiedenen Verhaltensweisen der betroffenen Menschen uns Hunden gegenüber erkennen:
Sie reagieren plötzlich nicht mehr auf unsere Kontaktbemühungen; ihre Sinnesorgane scheinen uns nicht mehr wahrnehmen zu können.
Sie sagen uns nicht mehr, wenn sie weggehen und ignorieren uns, wenn sie wieder heim kommen. Emotionslos starren sie an uns vorbei. Sie wirken wie Hohlköpfe.
Sie jagen uns plötzlich vom Sofa runter und werfen uns aus dem Bett, als ob wir lästige Parasiten wären.
Sie reden tagelang nicht mehr mit uns, dabei wirken sie eigenartig verklemmt.
Sie schicken uns auf unseren Hundeplatz, als ob sie allergisch gegen unsere Nähe geworden wären.
Sie schleppen kleine vergitterte Boxen an – ich nenne sie Hundeknast -, in die sie uns locken , um uns darin einzusperren. Möglicherweise sprechen sie von Wohlfühl-Oasen der Ruhe und Besinnung.
Sie vergessen total, uns zu gewohnten Zeiten zu füttern und lassen uns womöglich sogar tagelang hungern.
Sie fordern plötzlich Aktivitäten wie Apportieren von uns, die wir nie gemocht haben. Selbst von den Senioren unter uns erwarten sie das.
Schnipp-Schnapp – alles ab! Sie stufen uns als geile Rammler ein, wenn wir nur mal am Intimbereich einer Hündin schnuppern und greifen zur Radikallösung.
· Sie schleppen unser Essen in Beuteln mit sich herum, die sie umher werfen und ab und zu mal kurz öffnen, wenn wir sie ihnen gebracht haben. Mit Glück können wir dann einen Happen erwischen. Dann machen sie den Beutel wieder zu.
Manchmal scheinen sie klare Momente zu haben, dann sagen sie Sachen wie :“Wann darf ich meinen Hund wieder normal behandeln?“ „ Ach, mein armes dressiertes Äffchen!“
Auffällig ist, dass sie oft „Rütter“ sagen. Wahrscheinlich lernen sie eine Fremdsprache.
Ich kenne Mithunde, die wirken völlig verunsichert, um nicht zu sagen verzweifelt. Denen ist jegliche spontane Reaktion verloren gegangen. Die schleichen nur noch moderat umher. Überschwängliche Freude: Fehlanzeige. Ein Boxer aus der Nachbarschaft bleibt auf seinem Hundeplatz, wenn Besuch kommt. Erst Minuten später schleicht er zu den Gästen und begrüßt sie mit einem schlappen Wedeln. Ich sag euch, er ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Man könnte auch sagen: Er ist eine schlaffe Boxerhülle ohne Boxerpower innen drin.
Ob ihr es glaubt oder nicht, da werden elfjährige 50kg-Senioren aufgefordert, unter Zäunen durch zu kriechen und Abhänge runter zu laufen und dabei ihren Rücken zu ramponieren, um an Futterbeutel zu kommen, weil mensch ihnen beibringen möchte, Reitbegleithund zu werden. Dabei reicht ein Blick auf so einen Oldie vom Typ Lagerhund aus, um zu erkennen, dass es ihm viel besser gehen würde, wenn sein Mensch ihn auf der Wiese Mäuslein suchen und fangen ließe und ihm dann für die Dauer des Ausrittes das Stallgelände zum Bewachen anvertrauen würde.
Und einem Hund vom Typ Seelchen wird die Wiedersehensfreude verboten, weil er dann hustet. Er muss zunächst mal auf seinen Hundeplatz, bis ihm die Freude vergangen ist, erst dann wird er moderat begrüßt. Sollte bei dem nicht besser ein Tierarzt klären, warum er Husten bekommt, wenn er sich überschwänglich freut ?...
Mithunde, wenn ihr bei euren Menschen die geschilderten Symptome bemerkt, seid ihr in großer Gefahr! Ihr steckt euch zwar nicht an, aber das Verhalten eurer Menschen bleibt bei euch nicht folgenlos: Mag sein, dass ihr artiger werdet, sicher aber werdet ihr zutiefst verunsichert. Unsereiner braucht Sicherheiten, um sich wohl zu fühlen. Ganz wichtig ist dabei, dass unsere Menschen verlässlich, d.h. voraussehbar reagieren. Wenn der vertraute Mensch plötzlich 'ferngesteuert' reagiert, stürzt das jeden Hund in ein Seelentief, aus dem mancher nur noch schwer wieder raus kommt. Wir Hunde sind spontan, leben im Jetzt und äußern offen, was wir denken und fühlen.
Wenn unser Mensch in Situationen, in denen er sich immer gefreut hat, plötzlich 'unbeteiligt' wegguckt; wenn er die gemeinsamen Mahlzeiten einstellt und wir uns jeden Bissen durch Wohlverhalten verdienen müssen; wenn er uns und damit Kuschelzeiten von sich weist …. dann hat 'es' ihn erwischt und uns zwangsläufig mit!
Schlimm ist, dass das Virus sich einen modernen Verbreitungsweg gesucht hat: Es hockt in TV-Sendungen und springt auf Zuschauer über und breitet sich in ihnen aus. Die Betroffenen tun nichts dagegen, da sie die Gefahr gar nicht erkennen.
Mithunde, ich bitte euch um Erfahrungsberichte. Habt ihr eine Idee, wie wir uns wehren könnten? Ich fühle mich z.Zt. sehr hilflos. Das einzig Gute: Meine Menschen scheinen – noch – gesund zu sein.
Jetzt bei Geebooks erschienen: "Mia und die Hunde" von Brigitte Harries
Kinder und Hunde lernen sich verstehen!
Mit vielen Fotos und kindgerechten Texten erklärt Brigitte Harries in ihrem neuen Buch "Mia und die Hunde" das Verhalten der Hunde und den richtigen Umgang mit ihnen. Kinder und Hunde lernen sich verstehen!
Vom leicht verständlichen Inhalt abgesehen ist auch der Text von seiner Verständlichkeit her ideal für das Lesevermögen und das Lesetraining von Dritt- und Viertklässlern und von einer Fachfrau in Sachen Lesen/Schreiben erstellt
Eine Lernkontrolle am Ende jeden Kapitels fragt das vorher Erklärte ab. Der bekannte Illustrator Jan P. Schniebel hat dafür seine herrlichen Cartoons gezeichnet.
Ein lehrreicher Spaß nicht nur für Kinder!
Auch als Kopiervorlage für den Unterricht in der Grundschule geeignet!
133 Seiten mit 139 Fotos und 59 Cartoons als pdf-Dokument für PC/Laptop, Tableau-PC und zum Ausdrucken.
Neu bei Geebooks: "Mia und die Hunde" von Brigitte Harries
Das neue
Kinder und Hunde lernen sich verstehen.
Das neue e-book "Mia und die Hunde von Brigitte Harries" ist da!
Mit vielen Fotos und kindgerechten Texten erklärt Brigitte Harries das Verhalten der Hunde und den richtigen Umgang mit ihnen.
Vom leicht verständlichen Inhalt abgesehen ist auch der Text von seiner Verständlichkeit her ideal für das Lesevermögen und das Lesetraining von Dritt- und Viertklässlern und von einer Fachfrau in Sachen Lesen/Schreiben erstellt
Eine Lernkontrolle am Ende jeden Kapitels fragt das vorher Erklärte ab. Der bekannte Illustrator Jan P. Schniebel hat dafür seine herrlichen Cartoons gezeichnet.
Ein lehrreicher Spaß nicht nur für Kinder!
Auch als Kopiervorlage für den Unterricht in der Grundschule geeignet!
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Elvis im Himmel - Ein Klartext von Brigitte Harries
Die "Klartexte" sind Texte der bekannten Expertin für Hundeerziehung und -verhalten Brigitte Harries. Sie sind bewußt provokant und sollen zum Nachdenken anregen.
Mit Elvis geht es schnell aufwärts. Am Eingang zum Hundehimmel erwartet ihn Harras, der schon fast fünfzig Jahre hier zu Hause ist und Elvis als Pate die Eingewöhnung erleichtern soll. Harras bietet dem Neuen einen Kalbsknochen an und versucht mit ihm ins Gespräch zu kommen. Elvis schnuppert irritiert an dem duften Ding und meint: „Ist das eine Götterspeise? So was kenne ich gar nicht!“
Harras will Vertrautheit schaffen und erzählt von sich:
„Ich war 9 Jahre Hofhund in unserem Dorf. Meine Kette war ziemlich lang, bestimmt 4m, und in meine gemütliche Holzhütte regnete es nicht rein und ich bekam einmal im Monat eine dicke Schicht frisches Stroh. Meine Hütte stand vor dem Haus, in dem mein Menschenrudel lebte. Das Essen war o.k. Oft bekam ich würziges Brot, mit dem die Pfannen und Töpfe ausgewischt worden waren, oder Kloßbrühe mit Kartoffeln und Brot und Fleischabfällen. Und manchmal gab’s auch Knochen und das Beste waren die Gedärme von Kaninchen, die mein Rudel-Chef geschlachtet hatte. Mein Rudel bestand aus dem Bauern und seiner großen Familie. Sie gingen oft über den Hof oder arbeiteten dort und manchmal haben sie mich dann sogar angeredet oder gestreichelt. Und sonst freute ich mich an ihrem vertrauten Duft.
Ich kannte im Dorf so ziemlich alle wichtigen Geräusche und Düfte und natürlich kannte ich den Briefträger und ein paar andere persönliche Feinde. Gewiss, manchmal war mein Trinkwasser moderig und stank, manchmal lag auch viel Kot rund um mich herum, aber ich habe viel erlebt. Einmal hatte ich eine heftige Beißerei mit dem Rüden vom Nachbarhof, der sich losgerissen hatte, zweimal habe ich eine unvorsichtige Katze erwischt und mehrmals vorwitzige Vögel, ich hatte - leider viel zu selten!!! - tollen Sex mit geilen Hündinnen, die heiß auf mich und ihren Besitzern weggelaufen waren, und kurz nach meinem neunten Geburtstag hat mich der Bauer erschossen, weil ich altersschwach war und es mit den Gelenken hatte, und dabei hatte er feuchte Augen. Begraben wurde ich nahe bei der Gartenbank und mein Rudel redet noch manchmal von mir, wenn es dort sitzt.
Elvis zögerte einen Moment von sich zu erzählen. Er hatte Angst, der alte Dorfhund würde neidisch werden:
„Ich hatte eine gute Kinderstube und einen Stammbaum und einen Impfpass und mal ein eigenes Zimmer im Hobbykeller und mal einen Korb im Flur und mal durfte ich sogar mit ins Bett, das war, glaube ich, bei meinen dritten Leuten. Ich bekam Feinschmeckermenues , die extra für mich gekauft wurden, und ich wurde in einen Hundekindergarten geschickt und in Welpenspielstunden und zu einer Tagesmutter und ich habe mehrmals Urlaub in einem Fünf-Sterne-Hundehotel gemacht und, als ich mein neues Hüftgelenk bekam, war ich einige Tage in einer Tierklinik. Ich hatte auch Privatlehrer und verschiedene Ärzte und Tierheilpraktiker und einen Super-Hundefrisör und Accessoires für jeden Anlass“.
Elvis kam mehr und mehr ins Angeben: “Und ich hatte auch ganz viele Besitzer, weil die Menschen oft plötzlich arbeiten müssen oder umziehen oder auswandern wollen oder sich scheiden lassen oder krank werden oder kein Geld mehr für die Hundesteuer haben oder eine Tierhaarallergie entwickeln oder einen anderen Hundetyp chic finden. Mir blieb meist kaum Zeit, Freundschaft mit Menschen zu schließen und ich habe es schließlich auch gar nicht mehr versucht. Ich nahm sie, wie sie kamen und gingen. Als ich dann schwerhörig und lahm und wohl auch etwas stur wurde, ertrug mein letzter Besitzer es nicht, mich so dahinaltern zu sehen, weil ihn das zu sehr an sein eigenes, unausweichliches Altwerden erinnerte. Er scheute keine Kosten und gab mich in eine Hundpension mit angeschlossenem Hundealtersheim, wo sich ein ganzes Team mit vielerlei Therapien um mein Wohlbefinden bemühte. Als es für mich trotz Chemotherapie ans Sterben ging, war gerade Dienstwechsel im Heim und deshalb hat keiner mitbekommen, dass es mit mir zu Ende ging. Zunächst kam ich in die Kühlung, dann ins Krematorium und dann wurde meine Asche auf einem Hundefriedhof begraben, mit Stein und so.“
Harras sah irgendwie erschrocken aus. Eine Weile war es ganz still.
Plötzlich meinte Elvis: „Du, was ich dich noch fragen wollte: Du hast vorhin immer von deinem Rudel erzählt und von Sex. Was ist das eigentlich, ein Rudel, Sex? So was habe ich nie kennen gelernt.“
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Die "Klartexte" sind Texte der bekannten Hundeexpertin Brigitte Harries. Sie sind bewußt provokant und sollen zum Nachdenken anregen.
Ein Kind nimmt man fürsorglich an die Hand, das Pferd lenkt man mit Zügelhilfe oder longiert es, der Ehemann kann froh sein, wenn er ‚an langer Leine’ leben darf. An die Hand nehmen, zügeln, anleinen ... es gibt viele Möglichkeiten, eine Verbindung herzustellen und dadurch Einfluss zu nehmen. Diese Verbindung kann Schutz und Sicherheit bedeuten und richtungsweisend sein, sie kann aber auch Einengung und Verzicht mit sich bringen.
Das kleine Kind in gefährlichen Situationen an die Hand zu nehmen ist ein Muss, das Pferd am Zügel im Parcours oder auf der Rennbahn eine Selbstverständlichkeit, nur der Hund an der Leine ist für manche von uns geradezu peinlich. Insbesondere viele Männer meinen offenbar, dass man sie für Versager in Sachen Hundeerziehung hält, wenn sie sich mit ihrem Hund an der Leine zeigen....
In manchen Köpfen scheint festzusitzen: Ein gut erzogener Hund pariert jederzeit, eine Leine wäre geradezu eine Beleidigung für ihn und gäbe falsche Hinweise auf seinen Besitzer.
Zudem machen die vielen neuen Hundegesetze mit ihren strengen Leinenverordnungen insbesondere für als gefährlich eingestufte Hunde die Leine mehr und mehr zum Buhmann. Wer will schon seinen Hund noch freiwillig an so einen Strafriemen nehmen, wenn die Leine Pflicht und Erkennungsmerkmal für ausgegrenzte Hunde ist ....!?
Zudem stellen viele Hundehalter fest, dass ihr an sich friedlicher Hund an der Leine schnell mal zum Rambo mutiert, wenn er z.B. einen anderen Hund trifft. Andere merken, dass sie offenbar von ihrem Hund an die Leine genommen werden und der durch Ziehen und Zerren an derselben versucht seinen Willen durch- und die Laufgeschwindigkeit festzusetzen, und das ist ihnen unangenehm.
Im Wald trifft man zudem all die, die ihrem Hund was Gutes gönnen und ihn Wild hetzen lassen, das er nach ihrer Meinung ja sowieso nicht erwischt. Die gucken meist missbilligend auf die, die ihrem Hund dieses ursprüngliche Vergnügen versagen, indem sie ihn an die Leine fesseln...
Es gibt viele gute Gründe, den Hund frei laufen zu lassen: Er kann toben und spielen und schnuppern und viel mehr rennen als angeleint neben einem Fußgänger. Und er kann als Freiläufer zeigen, was er gelernt hat.. Er ist sozusagen ein selbstständiger Verantwortungsträger.
Erstaunlich nur, dass ganz viele sorgfältig ausgebildete Gebrauchshunde vorwiegend an der Leine geführt werden: Jäger haben ihre Hunde an der Koppelleine links bei Fuß, wenn sie nicht gerade in der heißen Phase der Jagd sind. Polizisten haben ihre Diensthunde meist sogar zusätzlich durch einen Maulkorb gesichert und lassen sie – wenn überhaupt - nur bei Einsätzen kurzzeitig an langer Schleppleine oder frei laufen, und auch Drogenschnüffelhunde verrichten ihre Sucharbeit meistens angeleint. Nur da, wo der Mensch ihnen schwerlich folgen kann, bei Erdbeben- oder Lawineneinsätzen etwa oder beim Treiben von Herden arbeiten die Hunde frei mit.
Wir Privathalter sollten die Leine nicht verteufeln: Wir können unseren Hund damit in vielen Situationen sichern und ihm ein entspanntes Mitlaufen ermöglichen. An der Leine muss er nicht befürchten uns zum Beispiel im Menschengewühl zu verlieren und er ist auch nicht den dauernden, womöglich genervten Anordnungen seines Besitzers ausgesetzt, die der von sich gibt, wenn er seinen frei laufenden Hund dirigieren oder korrigieren möchte. Leinenspaziergänge –ideal an langer Leine – sind herrlich locker, wenn Hund und Mensch z.B. durch den Wald streifen: Für den angeleinten Hund ist es toll, eine Fährte zu erschnüffeln, Rebhühner am Wegrand aufzuscheuchen, nach der Maus zu buddeln oder am Baum zu warten, ob das Eichhörnchen nicht doch noch runterfällt ...Selbst mit einem Hund mit starkem Jagdtrieb ist so ein Leinengang spannend und stressarm.
An Verkehrsstraßen ist es für den Hund sicher, wenn er an die Hand – ich meine: an die Leine – genommen wird. Wenn sein Besitzer dann auch noch die Toleranz zeigt, seinen Hund an duften Stellen schnuppern zu lassen, ist alles o.k. Zudem danken es uns all die Passanten, die unbehagliche Gefühle bekommen, wenn sie einen freien Hund herannahen sehen ....
Jeder Hund läuft gern regelmäßig frei, er grübelt aber kaum über sein trauriges Schicksal als Gefangener nach, wenn er an der Leine läuft.
Die richtige Mischung macht’s: Freiheit so viel wie möglich und umweltverträglich – Leine ohne schlechtes Gewissen immer dann, wenn sie zum Schutz des eigenen Hundes und zum Umweltschutz nötig und gut ist.
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Klartext "Bissige Halsbänder" von Brigitte Harries
Die "Klartexte" sind Texte der bekannten Expertin für Hundeerziehung und -verhalten Brigitte Harries. Sie sind bewußt provokant und sollen zum Nachdenken anregen.
Es ist ja hinlänglich bekannt, dass Hundehalter ihre Hunde selbstverständlich lieben und überhaupt die besseren Menschen sind.
Wenn man die Hunde-Bedarfs-Artikel-Industrie betrachtet, muss man erkennen, dass viel für die vierbeinigen Lieblinge ausgegeben wird. Ausgehungert und ohne hübsches Halsband läuft kaum noch ein Hund durch Deutschlands Straßen. Es gibt zwar ohne Zweifel auch viele arme Hunde, die hinter verschlossenen Türen gequält werden. Da Hundegeburten nicht in einem zentralen Geburtenregister dokumentiert werden, vegetiert so mancher Hund unter Ausschluss der Öffentlichkeit dahin und geht auch im Stillen elend zugrunde. Die für den Hund etwas harmlosere Quälerei ist da schon, ihn an einer Autobahnraststätte anzubinden und sich aus dem Staub zu machen. So bleibt dem Hund eine Chance auf ein besseres Leben...
Von all diesen Quälereien will ich aber gar nicht reden. Mir geht es um die ganz öffentlichen Quälereien, die übersehen oder als normal hingenommen und oft sogar gut geheißen werden. Je großwüchsiger und vitaler ein Hund ist, umso größer sind seine Aussichten, über Jahre tagtäglich mit einem Stachelhalsband traktiert zu werden. Ohne jegliches schlechte Gewissen führen Menschen ihren Hund mit Stachelhalsband durch Fußgängerzonen und womöglich sogar in Auslaufgebieten an langer Flexi-Leine, wo er erst Schwung holen kann, bevor er in die Stacheln rennt. Jahrelang erlebte ich auf VDH-Hundeausstellungen einen blinden Mann, der auf der Show-Bühne die verlässliche Arbeit seiner Blindenhündin, einer Schäferhündin, vorführte und viel von Teamgeist, von Partnerschaft und wahrer Freundschaft sprach, während sie am Stachelhalsband ( zusätzlich zum Führgeschirr) neben ihm lief...
Erst gestern äußerte sich ein Hundeflüsterer im Fernsehen auf Nachfrage zum Stachelhalsband und sagte sinngemäß, es würde es ‚eigentlich’ ablehnen, allerdings würde es ja keine Verletzungen machen, es würde in etwa wie zubeißende Zähne wirken und bei einem von hundert Hunden würde er es anwenden.
Das nenne ich wahre Pädagogik; Wenn ein Hund sonst nicht hören will, dann muss er eben fühlen. Er hat ja selber Schuld! Kennt man das nicht von prügelnden Eltern, die meinen, es ja vorher im Guten versucht zu haben, ihr Kind wäre aber nur durch Prügel erziehbar?
Und so werden weiterhin Stachelhalsbänder ganz legal verkauft, sie heißen allerdings manchmal nicht mehr Stachelhalsbänder, sondern Korallenhalsbänder. Korallen sind doch was harmlos Hübsches und in der Regel abgerundet. Insofern passt der Name sogar, denn auch die Stacheln des Halsbandes sind abgerundet. Bei einem Ruck ‚beißen’ sie deshalb nicht durch die Haut, sie quetschen und drücken ‚nur’. Wer will schon mit einem Hund gehen, dem das Blut vom Hals tropft... Über blauen Flecken liegt als Deckmäntelchen das Fell.
Für diejenigen, die nicht so gern zu dem stehen, was sie tun, gibt es auch getarnte Stachelhalsbänder, die sehen für den Betrachter, wenn der Hund sie am Hals hat, wie ganz normale Lederhalsbänder aus. Die Stacheln sind verdeckt an der Unterseite und ‚beißen’ undercover.
Hunde kündigen auch solchen Teamchefs die Treue nicht auf. Sie können einfach nicht anders.
Bei Chow-Chows und ähnlichen Typen sind noch am ehesten Ansätze von starkem, aktiven Widerstand gegen ignorante Gewaltherrscher zu spüren, weshalb Conrad Lorenz wohl auch eine Zeitlang vermutete, sie würden nicht vom Wolf abstammen.
Ich selbst mochte an meinen Hunden immer besonders, wenn sie klugen Ungehorsam zeigten. Denn diese Situationen gibt es ohne Zweifel, wo Hunde es einfach besser wissen...
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