"Kein guter Tag, Lucia?", sagte er leise und trat näher zu ihr ohne sie zu berühren.
Stumm schüttelte sie den Kopf.
"Aber doch nur, weil du dich noch gar nicht richtig umgeschaut hast", fuhr Miguel aufmunternd fort. "Siehst du denn gar nichts?"
Auch Nuri war inzwischen heruntergekommen, das Haar noch von Schlaf zerstrubbelt, von Kopf bis Fuß in zwei langen Decken gehüllt, um sich warm zu halten. Ihr Gesicht begann zu leuchten, als sie Miguel erblickte, und Lucia fühlte sich plötzlich überflüssiger denn je.
"Was meinst du?", fragte Lucia mürrisch zurück. "Vielleicht den dicken Schnee, der so fest an meinen Pantinen klebt, dass ich kaum vorwärtskomme?"
"Weiter entfernt!" Seine Stimme klang unvermindert freundlich.
Sie kniff die Augen zusammen.
Da war doch nichts als Himmel und Bäume, schneebedeckte Bäume. Und schroffe Felsen, weiter oben, dort, wo die Baumgrenzen aufhörte.
"Ich sehe nichts", sagte sie. "Nichts außer …" Sie verstummte abrupt.
Wo gerade noch eine Lücke zwischen zwei Bäumen war, die ihre kahlen, mit dicken Schneehaufen bepackten Äste in den Himmel streckte, war auf einmal etwas Dunkles.
Ein Tier?
Wenn ja, dann hatte sie diese seltsame Rasse noch nie zuvor gesehen. So groß und unförmig, wie es ihr erschien, bewegte es sich trotzdem erstaunlich schnell voran.
Das war kein Tier, erkannte Lucia plötzlich - Das war ein Reiter auf einem Maultier, der direkt auf die weißen Häuser zuhielt!
Angst griff mit eisiger Hand nach ihr. Hatte man sie doch verraten - und das hier war das Ende, vor dem sie sich alle seit Monaten fürchteten?
Lucia bemühte sich, halbwegs ruhig zu atmen. Offenbar war es nur ein Reiter. Wäre es ein Soldat oder ein Söldner gewesen, wie sie zunächst gefürchtet hatte, dann wäre er nicht alleine unterwegs - und er trug ja nicht auch das Barett der Rotkappen.
Sein Haar war dunkel und wehte hinter ihm her, weil er nun in Galopp verfiel, als könne er es kaum erwarten, näher zu kommen. Sein Atem stieß Wolken in die klare Luft, ebenso wie der seines Maultiers, das vor Anstrengung schnaubte.
Lucias Gedanken wirbelten wie in einem bunten Kaleidoskop durcheinander. Sie kniff die Lider zusammen, riss dann die Augen erneut auf.
Der Reiter war näher gekommen.
Es war kein Traum, sondern ganz real.
Der freudige Schreck fuhr Lucia in alle Glieder. Plötzlich stand sie wie angewurzelt, unfähig, sich zu rühren.
Dann aber kehrte Leben in ihre Glieder zurück.
Nuri hinter ihr stieß einen Schrei aus, während Lucia die lästigen Pantinen beiseiteschleuderte und in Socken auf den Reiter zurannte.
Der Reiter erhob sich im Sattel und winkte.
"Lucia" hörte sie ihn rufen. "Lucia!"
Trännen rannen über ihr Gesicht. Da hörte sie hinter sich auf einmal seltsame Geräusche. Im Laufen wandte Lucia sich halb um.
Sie sah Nuri, die wild strampelte und sich losreißen wollte, während Miguel, der mit beiden Händen ihre Decke gepackt hatte, sie daran hinderte. Ein befreites Lachen stieg in Lucia auf, während sie weitereilte.
Der Reiter auf dem Maultier war inzwischen so nah, dass sie Einzelheiten erkennen konnte.
Was für eine harte Zeit hinter ihm liegen musste!
Quer über seine Stirn zog sich eine wulstige rote Narbe.
Die Wangen waren unter dem dunklen Bart derart eingefallen, dass er eher einem Eremiten als einem Krieger glich, doch seine Schlehenaugen schimmerten warm und kraftvoll, wie Lucia sie seit Jahren kannte.
Und so sehnsuchtsvoll schauten sie sie an!
Wie hatte sie ohne ihn nur einen einzigen Tag überleben können?
Diesen Augenblick wird Lucia niemals vergessen, das schwor sie sich in diesem Augenblick - und wenn noch hundert weitere Jahre vor ihr lagen.
"Rashid!", rief sie und streckte die Arme nach ihm aus, während er abstief und auf sie zulief.
Und dann war er endlich bei ihr angelangt.
Als Lucia die Berührung seiner Hand spürte, die sie ungeduldig zu ihm heranzog, linste sie für einen Lidschlaf nach oben. Der Himmel, der zuvor noch von dicken Wolken verhangen, hatte aufgerissen.
Über ihnen helles, leuchtendes Blau.
Der Frühling ist nicht mehr aufzuhalten, dachte Lucia.
Ebenso wenig wie das Glück.