Der 17. Juni ist ein besonderer Tag. Nicht nur, weil heute der Sommer so richtig zeigen wird, was er kann. Vor 97 Jahren ist meine Oma geboren worden. Sie hat in zwei Diktaturen gelebt, hat im Februar 1943 als Straßenbahnkassiererin in Dresden gearbeitet und war nur zufällig in der Bombennacht nicht in der Stadt. Sie war 29 als in Berlin, am 17. Juni 1953, russische Panzer mit aller Härte den Volksaufstand niederschlugen und sie hat mir Steppke mit einfachen Worten klar gemacht, warum es oft besser ist, still zu sein, auf keinen Fall die Regierung zu beleidigen, weil auch bei ihr im Dorf gab es Leute, die plötzlich eine Zeit lang verschwunden waren, nachdem sie in der Kneipe bierseelig Walter Ulbricht Witzchen gemacht hatten. Einer war mal drei Jahre weg und kam mit schlohweißen Haaren wieder und sagte niemandem, wo er gewesen war. Oma ist nun schon einige Jahre nicht mehr am Leben, aber heute muss ich wieder an sie denken. Mit dem heutigen Tag wird die "Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen" abgewickelt. Die Akten werden Teil des Bundesarchivs. Das wird einen guten Job machen und die über 100 Aktenmeter sicher aufbewahren - aber mehr eben auch nicht. Die wichtige Aufklärungs- und Bildungsarbeit der BSTU wird es nicht mehr geben. Dabei braucht es diese Arbeit in der heutigen Zeit, in der vieles vergessen und unter staubige Teppiche gekehrt wurde, mehr denn je. Es ist zu befürchten, dass wenn alle, die unmittelbar unter den Zwängen der SED-Diktatur gelitten haben, wie meine Oma nicht mehr da sind, nur noch staubige Aktenberge bleiben, die niemand mehr ansieht.