Fledermäuse als Wächter des Wissens: Die ungewöhnlichen Bibliotheken mit tierischen Beschützern
In historischen Bibliotheken erwartet man in der Regel Stille, den Duft alter Bücher und vielleicht das gelegentliche Knarren eines hölzernen Bücherregals. Doch in einigen Bibliotheken der Welt gibt es eine unerwartete Präsenz: Fledermäuse. Während sie in vielen Gebäuden als unerwünschte Gäste gelten, übernehmen sie in bestimmten Bibliotheken eine wertvolle Aufgabe – den Schutz der Bücher vor schädlichen Insekten.
Besonders bekannt ist die Biblioteca Joanina an der Universität Coimbra in Portugal. Diese prachtvolle Barockbibliothek aus dem 18. Jahrhundert gehört zu den schönsten ihrer Art. Doch ihre Schönheit allein würde nicht ausreichen, um die wertvollen Bücher über Jahrhunderte hinweg zu bewahren. Eine stille, aber äußerst effektive Schutzmaßnahme ergänzt den Erhalt der Sammlung: Fledermäuse. Sie sind keine zufälligen Bewohner, sondern werden seit Generationen geduldet, da sie sich von Motten, Silberfischchen und anderen Insekten ernähren, die dem Papier schaden könnten.
Nachts verlassen die Fledermäuse ihre Verstecke in den dunklen Spalten der Bibliothek und jagen umherfliegende Schädlinge. Um die antiken Möbel zu schützen, werden vor der Nacht Lederüberwürfe über die Tische gelegt, damit kein Fledermauskot die Oberflächen beschädigt. Am Morgen beginnt dann die tägliche Reinigungsroutine, bevor Besucher die Bibliothek betreten. Trotz moderner Alternativen wie Klimakontrollen und Schädlingsbekämpfungsmitteln hält man in Coimbra an dieser natürlichen Strategie fest – ein Beweis dafür, dass Tradition und Ökologie Hand in Hand gehen können.
Doch nicht nur in Portugal existiert dieses außergewöhnliche Zusammenspiel von Natur und Kultur. Auch in der Bibliothek des Palácio Nacional de Mafra, einer barocken Klosteranlage nördlich von Lissabon, sind Fledermäuse Teil des Ökosystems. Ähnliche Berichte gibt es aus anderen Ländern, wenn auch weniger dokumentiert. In der Strahov-Klosterbibliothek in Prag sollen ebenfalls Fledermäuse leben, um Bücher vor Insekten zu schützen. Auch in Rumänien gibt es Klosterbibliotheken, die Fledermäuse dulden, weil sie eine natürliche Alternative zur Schädlingsbekämpfung bieten. In Spanien, insbesondere in alten Klosterbibliotheken Andalusiens, wurden ähnliche Phänomene beobachtet.
Solche Fälle sind jedoch selten, da moderne Bibliotheken auf andere Schutzmaßnahmen setzen. Klimatisierte Räume, chemische Schädlingsbekämpfung und strenge Hygienevorschriften lassen kaum Platz für eine so unkonventionelle Methode wie den Einsatz von Fledermäusen. Zudem sind viele historische Bibliotheken inzwischen restauriert worden, wodurch dunkle Nischen und Verstecke, die Fledermäuse brauchen, verschwunden sind.
Die portugiesischen Bibliotheken bleiben damit ein besonderes Beispiel für eine jahrhundertealte Praxis, die bis heute Bestand hat. Besucher, die die Biblioteca Joanina oder den Palácio Nacional de Mafra betreten, können sich nicht nur an der barocken Pracht erfreuen, sondern auch darüber staunen, wie sich hier eine ungewöhnliche Strategie der Bucherhaltung bewährt hat. Die Fledermäuse dieser Bibliotheken sind mehr als nur zufällige Bewohner – sie sind Wächter des Wissens, die über die Jahrhunderte hinweg eine entscheidende Rolle beim Erhalt unschätzbarer literarischer Schätze gespielt haben.







