Ein Notrufarmband ist besser als kein Notrufarmband
Ich habe gleich nach dem Autounfall meiner Mutter so ein Sturzerkennungs- und Notrufarmband bestellt. Der Moment war günstig, denn ihr war gerade selbst klar, dass sie bei überraschenden und erschreckenden Ereignissen ihr Handy nicht bedienen könnte, selbst wenn sie es dabei hätte und es aufgeladen wäre, was beides oft nicht der Fall ist. (Das Tablet ist ein Körperteil von ihr, das Handy nicht.)
Von der Existenz dieses Armbands weiß ich, weil Virtualista mal im Redaktionschat erwähnt hat, dass seine Mutter so eines trägt und es sich bisher bewährt hat. Es ist das Notrufarmband von caera.de, es kostet ungefähr 160 Euro und zusätzlich 17 Euro im Monat, weil es eine europaweit funktionierende SIM-Karte enthält. (Bei Pflegestufen wird das ganz oder teilweise übernommen, meine Mutter hat keine, deshalb habe ich mich damit nicht näher befasst.)
Ein paar Tage später kommt es an und lässt sich ohne Umstände in Betrieb nehmen. Das Armband selbst sieht aus wie ein etwas dickeres Fitnessarmband und hat nur einen einzigen Knopf. Die wenigen Einstellungen werden über eine App vorgenommen, die auf meinem Handy und den Handys meiner Geschwister läuft.
Wenn das Armband einen Sturz erkennt – oder wenn die Trägerin den Knopf drückt – blinkt und piepst es erst mal warnend, damit man den Alarm abbrechen kann, falls es nur ein Versehen war. Zum Abbrechen muss man den Knopf lange drücken. Wenn das nicht geschieht, meldet sich die App mit einem Sirenenton auf allen unseren Handys gleichzeitig. Wer gerade kann, drückt dann auf "Ich kann helfen". Dann wird eine Sprechverbindung mit dem Armband hergestellt. Orten kann man die Mutter dann auch, aber nur in diesem Moment, nicht ständig. In der App gibt es einen Chat, in dem sich die eingetragenen Hilfspersonen mitteilen können, was los war.
Wir testen die Sturzerkennung, indem eine Enkelin das Armband anlegt, sich damit mehrmals mit Schwung aufs Sofa wirft und dann still liegenbleibt. Weil das keinen Alarm auslöst, stelle ich die Sturzerkennung auf "sehr empfindlich". Das führt in den nächsten Tagen zu einigen Fehlalarmen, bis ich es wieder auf die ursprüngliche Unempfindlichkeit zurücksetze.
Eine typische Fehlalarmsituation sieht so aus: Die Mutter liest Zeitung und bemerkt, dass die Zeitung zu nah an einer brennenden Kerze ist. Sie zieht sie schnell zurück (der Sturz) und liest dann weiter ruhig Zeitung (das bewusstlose Herumliegen). In anderen Fehlalarmsituationen ist unklarer, was sich die Sturzerkennung dabei denkt, zum Beispiel beim Gehen mit Wanderstöcken auf Asphalt oder beim Aufschütteln des Betts.
Aber seit der Zurücksetzung auf die unempfindliche Einstellung ist Ruhe, und die Fehlalarme haben hoffentlich auch der Mutter dabei geholfen, sich an die Handhabung des Armbands zu gewöhnen. Ganz ohne Übung im Gebrauch geht es nämlich leider auch hier nicht, trotz der überschaubaren Knopfanzahl und der gut durchdachten Usability. Üben muss man:
das Tragen des Armbands (statt es zu vergessen).
das Abschalten bei Fehlalarm
bei unbemerktem Fehlalarm kommt plötzlich eine Stimme irgendwoher (nämlich aus dem Armband), die erst mal richtig gedeutet werden muss (es handelt sich nicht um das Navi des Leihautos, aus dem plötzlich Betrüger mit der KI-Fake-Stimme der Kinder sprechen)
das Aktivieren bei einem echten Notfall
das Aufladen. Es ist nur ca. alle drei Wochen nötig, das ist ausreichend lang, um zu vergessen, wo das Ladegerät ist und wie es geht – kürzere Akkulaufzeit wäre hier ausnahmsweise hilfreicher. Aber der niedrige Batteriestand wird über die App auch an meine Geschwister und mich gemeldet, so dass wir die Mutter ans Laden erinnern können und auch daran, das Armband danach wieder anzulegen.
Bisher erkennbare Probleme:
Zum Abschalten bei Fehlalarm muss man den Knopf ziemlich lange drücken. Man sieht den Erfolg daran, dass ein blinkendes Licht verschwindet, aber dieses Licht ist beim Drücken des Knopfs ganz vom Daumen meiner Mutter verdeckt, so dass sie nicht lange genug drückt und dann schimpft, weil es nicht klappt. Der Knopf ist eigentlich ziemlich groß, aber man braucht halt die richtige Drücktechnik, und die muss man üben.
Das Armband ist eigentlich wasserdicht, die Mutter legt es aber trotzdem zum Duschen ab, "da denk ich schon dran" und vergisst es dann.
Auch nachts will sie es nicht tragen, "da brauch ich es doch nicht". Wenn sie nachts auf dem Weg zur Toilette stürzen würde, hätte sie es also nicht an, und morgens denkt sie auch nicht unbedingt daran, es wieder anzulegen.
Deshalb wäre es gut, wenn die Hilfspersonen in der App benachrichtigt würden, wenn sich das Armband länger nicht bewegt hat. Dann könnten wir die Mutter im Familienchat daran erinnern, das Armband wieder anzulegen. Diese Funktion gibt es aber leider nicht.
In einem echten Notfall wird sie also a) das Armband eventuell gar nicht tragen, b) nicht zuverlässig daran denken, dass sie den Knopf auch selbst drücken kann und sich auch c) nicht unbedingt erinnern, dass dann jemand von uns aus diesem Armband mit ihr redet. Aber vielleicht ja doch.
Uneingeschränkt positiv waren bisher die Reaktionen ihrer Freundinnen: Sie halten es für ein Fitnessarmband, spotten nicht darüber (realer oder erwarteter Spott über Hilfsmittel ist ein Riesenproblem im Alter, da rächt sich der lebenslange Ableismus), und eine von ihnen will jetzt selbst auch so eines.