Die Stärke der Herrschenden liegt in ihrer Austauschbarkeit.
"Nicht nur, weil die materiell vitale von der emanzipatorischen vitalen Bedürfniswelt getrennt ist, die physische Verelendung sich zur psychischen sublimiert hat, sind moralischer und politischer Protest weit gehend auseinandergefallen. Die durch propagandistische und agitatorisch erfolgende personalisierende Enthüllung in praktische Erfahrung der Massen umgesetzte Herrschaft und Unterdrückung will das Wesen zur Erscheinung bringen. Doch die Potenzierung und Expansion abstrakter Arbeit - die reale Fiktion, die Tauschwerte mit Gebrauchswert charakter manipulativ versieht - erlaubt keine personalisierende Entlarvung abstrakter Herrschaft mehr. Hinter den Charaktermasken sind die maskierten Gesichter verschwunden, hinter den Funktionären die Personen. Die Denunziation der Dinge, wie sie als Waren erscheinen, und der Institutionen tritt an Stelle der Entlarvung von Charaktermasken."
Einst erschien der Kapitalismus als eine bedrohliche äußere Macht. Heute ist er vollständig internalisiert. Es herrscht das glückliche falsche Bewusstsein – über die »Entfremdung zweiten Grades«
Von Götz Eisenberg
"Die Menschen hatten begonnen, sich unter den neuen Verhältnissen einzurichten und brachten mehr und mehr die Eigenschaften hervor, die für ein Leben unter den Bedingungen von Markt und Konkurrenz nötig sind. Explosiv war es, wo und solange die Industriegesellschaft auf die Agrargesellschaft traf und die Maschinen in die handwerkliche Welt eindrangen. In der Umbruchphase, wo das Alte stirbt und das Neue noch nicht zu Ende geboren und etabliert ist, wo alte Wahrnehmungsweisen auf Phänomene prallen, zu deren Erfassung sie nicht taugen, rebellieren die aus agrarischen und handwerklichen Lebenszusammenhängen herausgerissenen Menschen gegen die Verhaltenszumutungen der Lohnarbeit und der Fabrik. Dann finden sie sich notgedrungen und unter massiver Gewaltanwendung mit ihrem kapitalverwertenden Unglück ab und richten sich unter den neuen Verhältnissen ein.
Die sich formierende Arbeiterbewegung war keine revolutionäre, sondern höchstens noch eine verändernde Kraft. Die industrielle Arbeiterklasse wurde zum Anhängsel des Kapitals, der von ihr geführte Klassenkampf stellte das Ganze der kapitalistischen Produktionsweise nicht mehr in Frage, sondern bewegte sich innerhalb der von dieser gesetzten Grenzen und Formen. Der von ihr zunächst noch angestrebte Sozialismus verlor das ganz andere aus den Augen und schrumpfte auf eine Art geplanten Kapitalismus zusammen. In den Worten von Ernst Bloch ausgedrückt: Die Radikalität des Anfangs ist eine »Erbschaft aus Ungleichzeitigkeit«, der Klassenkampf bewegt sich auf der Ebene der Gleichzeitigkeit und kann sich ein Jenseits der ökonomischen Vernunft nicht mehr vorstellen. Herrschaft wandert in der Art eines trojanischen Pferdes in die Menschen ein und wird dann nicht länger als äußeres Joch empfunden. Die anfängliche Unmöglichkeit des Lebens unter den neuen Verhältnissen wird auf diese Weise für die Menschen möglich. Sie sind, wie es bei Adorno heißt, »bis in ihre innersten Verhaltensweisen hinein mit dem identifiziert, was mit ihnen geschieht. Subjekt und Objekt sind, in höhnischem Widerspiel zur Hoffnung der Philosophie, versöhnt.« Das Gefühl der Entfremdung schwindet, ohne dass die Entfremdung selbst geschwunden wäre."
Die Entgegensetzung von Produktionsmittelbesitzern auf der einen Seite und Abhängigen auf der anderen löst sich nach Marcuse in dem Sinne auf, daß auch erstere keine selbstbewußt und autonom entscheidenden Indiviuen sind, sondern immer stärker abhängig werden „von der Maschinerie, die sie organisieren und handhaben“. [...] Als passende Bezeichnung für solcherart gesellschaftliche Produktion und Reproduktion spricht Marcuse von einem „circulus vitious, der beide einschließt, den Herrn und den Knecht“. [...] Der Teufelskreis, dem man nicht zu entfliehen vermag, fungiert als adäquater Begriff für eine Gesellschaft, „die sich in ihrer vorher festgelegten Richtung von selbst erweitert und perpetuiert - getrieben von den zunehmenden Bedürfnissen, die sie erzeugt und zugleich eindämmt.“ [...]
Fetisch und Freiheit. Über die Rezeption der Marxschen Fetischkritik, die Emanzipation von Staat und Kapital und die Kritik des Antisemitismus, Stephan Grigat, ça ira Verlag, 2007, 396 Seiten.