27. März 2021: Zone of Genius
Denke nie, dass du weisst, was in Afrika gebraucht wird.
Das ist ein Satz, den ich mir immer wieder hinter die Ohren geschrieben habe hier in Kenia und auch eine „Falle“, in die ich immer wieder getappt bin. Wir meinen ja oft, dass wir wissen, was vor Ort gebraucht wird und schiessen dann ohne die Bevölkerung einzubeziehen drauf los und bringen allerlei heilbringende Dinge, die allenfalls gar nicht gefragt sind mit. Selbst beim Bau der Küche habe ich mich manchmal gefragt: war es wirklich das Richtige, oder hätten wir auch anders entscheiden können? Aber da war mein Mann beteiligt und er kennt die Situation vor Ort und hat dann entschieden, dass wir „gross“ bauen, d.h. eine moderne Küche (also immer noch mit Holzfeuerung…) aber mit guter Lüftung und einer respektablen Grösse. Wenn unsere Haushalthilfe aber Bohnen kocht, dann findet sie, der „Jiko“ (Pfanne) sei zu klein – sie mache das doch schnell auf dem Feuer draussen vor der Küche. Ich habe mich zuerst genervt, denn man könnte ja auch in einem grossen Topf weniger kochen, aber das wäre dann für sie anscheinend zu mühsam zum Reinigen. Also schaue ich manchmal auch einfach weg und hoffe, dass die Küche eines Tages in vollem Einsatz sein wird: mit einem Koch oder einer Köchin, die weiss, wie das funktioniert und mit Brotbäckern, die damit ein Business aufbauen können. Denn was ich auch gelernt habe ist: nicht dreinreden, einfach mal machen lassen… es kommt schon gut… pole pole…
Und mit dem Singen war das auch so eine Sache: ich habe mir ja zum 60. Geburtstag eine Ausbildung zum Stegreif-Coach gewünscht, weil ich mir dachte, das wäre eine viel bessere Ausbildung als diejenige, die z.B. in St. Gallen von der reformierten und katholischen Kirche angeboten wird .Da gibt es nämlich die Chorleitung Weltlich CH I Ausbildung und ich hatte da ja schon mal die Musiktheorie angefangen. Und für „gefällt mir nicht“ wieder in die Ecke gestellt. Den ganzen Tag bei Raiffeisen arbeiten und dann abends noch mit Stecklis auf die Tischplatte klopfen – das war zu viel für meine strapazierten Nerven. Also dachte ich auch, dass die Kenianer bestimmt mehr improvisieren und viel lockerer mit dem Thema Musik umgehen. Und so habe ich auf Empfehlung einer Freundin den Wochenendkurs in Basel für diese Stegreif-Ausbildung gemacht. Wir mussten quasi nur improvisieren, in die Mitte stehen und einfach mal loslegen, etwas was mir (ich weiss man glaubt das kaum) sehr schwer fällt. Ich kann ein Lied lernen, auswendig büffeln mit meinen besonderen Notizen aber wenn mir jemand sagt: hey sing doch mal was, dann blockiere ich. Wobei ich noch einschieben muss, dass ich das hier in Kenia super am Lernen bin… Und so tat mir das Wochenende in Basel zwar gut, aber die Leute, mit denen ich ein Jahr hätte verbringen dürfen/sollen/müssen in dem Kurs, die haben mir einfach nicht zugesagt: ein paar Besserwisserische, eine Perfektionistin und dann auch noch ein paar wenige, die ganz ok waren. Die Leiter waren toll und ich finde, sie machen das grossartig aber eben: die Zusammensetzung der Gruppe muss auch stimmen, vor allem wenn man dann ein paar Wochenenden zusammen verbringt und auch noch recht viel Geld ausgibt… Ich habe also abgesagt und Corona hat dann noch das seine dazu beigetragen, dass es für 2020 ohnehin nicht in Frage gekommen ist.
Als ich hier in Kenia mit meinem Weihnachtschor geprobt habe merkte ich: die Leute hier, die brauchen eine ganz klare Führung: einfach mal so ein bisschen singen, das geht gar nicht und das hat wohl mit der Schulbildung zu tun. Dort ist ja auch quasi nur „Nachplappern“ gefragt. Ich hatte hier mit den Lehrern des College schon grosse Diskussionen, weil ich ihre Art des Lehrens überhaupt nicht nachvollziehen kann. Für mich ist es altmodisch und überholt aber ich habe mich jetzt bewusst rausgehalten, sonst hätte ich auch noch ein Teacher Training machen müssen. Aber im Chor habe ich bedauert, dass ich nicht weiss, wie man einen Chor leitet und ich finde, das ist etwas ganz Anspruchsvolles und Michael Schläpfer von den sinGALLinas weiss, dass ich (vor allem seit dem Dirigentenkurs) höchsten Respekt vor dieser Aufgabe habe. Dazu kommt noch, dass mein Klavierspiel miserabel ist, wirklich auf totalem Anfängerniveau.
Aber was ich jetzt mehr habe ist Zeit (da die Ausbildung jeden Mittwoch stattfindet hätte ich während der Raiffeisenzeit mein Arbeits-Pensum reduzieren müssen, was wiederum nicht ging wegen Afrika) und vor allem auch eine Vorstellung, wie ich das Gelernte dann vor Ort umsetzen würde.
Und so war es wieder einmal etwas, das mir zu-fiel: ich habe beim Projekt des Gospel im Centrum in St. Gallen mitgemacht und online 3 Lieder eingesungen für den grossen Chor, der dann daraus zusammengestellt wird. Die Leitung hat Andreas Hausammann, den ich als Musiker und noch mehr als Mensch extrem schätze und mag. Er war damals der Pianist, als ich im Swiss Gospel Choir gesungen habe und wir unsere Wien-Budapest Reise gemacht haben. Und weil ich auf der Mailingliste bin habe ich auch die Information für die Chorleiter-Ausbildung gesehen und den Info-Abend (online) besucht. Was ich gesehen und gehört habe hat mich überzeugt: ich will diesen Versuch jetzt wagen und melde mich für die Ausbildung an. Wegen Corona ist auch die Musiktheorie online, was mir entgegenkommt. Der Leiter hat uns ein paar coole Apps gezeigt und jetzt bin ich schon wieder fleissig an der Harmonielehre und starte noch einen Versuch. Denn ich bin überzeugt davon: die Leute hier in Kenia brauchen – wenigstens für den Anfang – jemanden, der wirklich die Zügel in die Hand nimmt. Und wir hatten uns erkundigt: es gibt nur ganz wenig Leute, die eine Musikausbildung haben und dann auch noch gewillt wärren, jede Woche nach Marere zu kommen um den Chor zu leiten. Zudem weiss man ja nie, ob ich auch in der Schweiz mal mehr damit machen werde.
Interview mit Andreas Hausammann
https://www.youtube.com/watch?v=55SIZyjh47U
Ich habe schon den ersten Musiktheorie-Abend hinter mir und er hat sogar Spass gemacht, auch wenn es nie mein Lieblingsfach wird. Aber das wird Algebra und Mathematik auch nicht und ich liebe Excel – mit den richtigen Hilfsmitteln ist alles möglich!!!
Also drückt mir die Daumen, dass mein Plan aufgeht. Sobald ich in der Schweiz bin treffe ich mich für ein Vorstellungsgespräch und dann sehen wir weiter. Ich habe ja entschieden, am liebsten nur noch Dinge zu machen, die ich gerne mache und in denen ich gut bin, so gewissermassen nach dem Beispiel der Zone of Genius von Gay Hendricks zu leben: Du bist aussergewöhnlich gut darin: Es fällt dir sehr leicht da du deine natürlichen Talente nutzt. (oder auf Englisch noch besser: The set of activities you’re uniquely suited to. They draw upon your special gifts & strengths). Hoffentlich gehört Chorleiten da auch bald dazu!!!















