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Schwarzenbach
1.
Ihr Vater war, wie Helmut Qualtinger aus anderem Anlass singt, ein Hausherr und ein Seidenfabrikant. Das Haus, wo sie in Sils-Maria wiederholt-vorübergehend wohnte, ist eines derer, an denen nun eine Tafel angebracht ist. Es liegt in Baselgia, am anderen Ende der Wiese, hinter ein paar Bäumen, durch die man von der Terrasse aus schauen kann. Das ist das Haus Jäger. Auf der dritten Fotografie sitzt Erika Mann dort in einem Stuhl, in dem nach Aby Warburgs Staatstafeln (Tafel 79) Antike nachlebt, genauer gesagt der kurulische Stuhl, ein Wagen-, Richt- und Klappstuhl (ein pliant). Dieser Stuhl ist insoweit polarisiert und er polarisiert auch; seine niedere Stellung steht im Verhältnis und unter Spannung zu höheren Stellungen.
2.
Über das Oberengadin hat Schwarzenbach promoviert, über seine Geschichte. Da war sie dann Frau Doktor. 1942 stirbt sie in Sils-Maria. Ich stelle sie mir ein Stück weit wie Coupeuse Meier in vermögend und dürr vor. Sie musste nicht in der Onkologie arbeiten. Wo sie war, hatte sie einen Fotoapparat dabei und dazu den Mut, sich dieses eigenen Apparates zu bedienen. Das ist Coupeuses Lehrsatz, Schwarzbach tat's.
Bevor es in Sils-Maria Mitte April morgens ab 5.40 dämmert, läuft einer mit einem Handy in geschlossener Dunkelheit über die Wiese und hat die Taschenlampe eingeschaltet; in der Dämmerung humpelt dann ein älterer Fuchs vorbei.
3.
Man nennt Schwarzenbach eine Ikone. Mit Ikone Nico teilt sie die Dürre, die kühl geschnittene Schönheit, die Sucht, den Fahrradunfall und den kurz darauf folgenden Tod.
Schwarzenbach war eine von denen, die man in Sils-Maria wie in den Tälern, wo man Puter spricht, ils Randulins nennt. Die Leute aus dem Dorf wollen Schwarzenbach vielleicht nicht zu dieser Gruppe zählen. Ils Randulins sind Schwalben und Pendler, (Aus-)Wanderer oder Migranten, die auf der Suche danach, durch das Leben zu kommen, in große Entfernungen und später wieder zurückpendeln. Ils Randulins sollen nach Vorstellungen der Silser die eigenen Söhne sein, die arm wegziehen, eine zeitlang als Migranten irgendwo etwas backen, brennen oder kämpfen und später hoffentlich reich zurückkommen, oft aber auf der Strecke ihr Leben fertig machen.
Die Töchter der Silser, bin mir nicht sicher, ob man sie ils Randulins nennt. Schwarzenbach, von Geburt aus reich und dazu nicht aus Sils, würde man diesen Titel vermutlich verweigern. Und doch passt er. Eine Randfigur, wo sie war, da war polar kreisende Unruhe in ihr und mit ihr und durch sie, keine Sicherheit, nur zufälliges Randal, Schick- und Kippsal (random). Ich vermute, dass ich mich schnell in sie verliebt hätte.
Coupeuse
Habe Mut, Dich Deines eigenen Fotoapparates zu bedienen. So lautet der erste Lehrsatz der Coupeuse Meier. Ich erinnere mich oft an sie und ihre Energie, ihre Art durch den Alltag zu gehen und ihn in Bild oder Bühne zu verwandeln. Coupeuse war eine Zulieferin des Archivs der enttäuschten Erwartung, so habe ich sie kennen gelernt. 2016 habe ich sie auf dem Rückweg von Münster in Duisburg besucht. Im Sommer 2017 kam sie nach Frankfurt, von dem Besuch stammt das Foto. Coupeuse war Polarforscherin und Kuratorin, hat in der Onkologie eine Stelle gefunden und war immer mit der Kamera unterwegs, der Apparat war einer ihrer Griffe. Die Zeit mit ihr war immer zu kurz, das war prinzipiell eine unausschöpfbare Zeit.
Aufklärung
Habe Mut, Dich Deines eigenen Fotoapparates zu bedienen, das ist der erste Lehrsatz der Coupeuse Meier. Daran soll regelmäßig erinnert werden.