Januar 2018
Dating am Ende der Welt
Mein Beruf hat mich in eine der entlegeneren Ecken der Welt geführt. Ich sitze in Hinterland von Ost-Timor, dem ärmsten Land Südostasiens je nach Statistik ca. zehntärmsten Land der Welt in einer Wellblechhütte und mache User-Research für ein digitales Bezahlsystem. Eine andere, ebenfalls spannende Geschichte, aber darum geht es nur am Rande. Denn ich sitze da, mit Noimea, einer 20jährigen Studentin der Landwirtschaft. Oberflächlich unterscheidet sie nicht viel von den anderen Frauen, die ich interviewt habe. Alle leben sie in sehr eng gestrickten Familien. Haben mindestens drei Geschwister (oder, wenn sie älter sind, vier oder mehr Kinder), leben von Subsistenz-Landwirtschaft, träumen von einem Leben, das mehr bietet als 50-100 Dollar monatliches Familieneinkommen und Subsistenzlandwirtschaft, bei der die Regenzeit auch als “Hungry Season” bekannt ist, und Mangelernährung an der Tagesordnung ist.
Ich frage die junge Dame, ob sie ein Smartphone besäße. Tut sie tatsächlich, sie hat neben ihrem Studium eine kleine Farm-Kooperative gegründet und mit einigen Freundinnen ein Nebeneinkommen aufgebaut.
Was Sie denn für Apps nutze? Nun. Facebook, Messenger und SMS. Manchmal auch Google.
Sonst nix? Nein, das war’s.
Ob ich das Telefon denn sehen könne? Mich interessiert das Modell, die Betriebssystem-Version.
Sie gibt es mir und während ich das Einstellungs-Icon suche, schweift mein Blick auf die App-Icons. Facebook. SMS. Messenger. Dating-Apps.
Dating-Apps? Nun. Offensichtlich ist ihr dieses Thema nicht angenehm, ich spreche es auch nicht an. Aber was für unsereins – weiß, im Vergleich unfassbar reich, im Westen lebend, aus einer sehr offenen und hyper-individualistischen Kultur stammend – normal ist, ist dort eben ein anderes Thema. Die meisten jungen Menschen suchen sich ihre Ehepartnerin, ihren Ehepartner nicht selbst aus. Arrangierte Ehen sind an der Tagesordnung. Individualismus ist der Familie untergeordnet. Alle haben eigentlich das gleiche Leben. Was die Möglichkeit, sich hier über “Boy Girl Love” und ähnliche Tinder-Klone, ein emanzipiertes Liebesleben aufzubauen, für die Gesellschaft bedeutet, kann ich nur erahnen. Potenzial für ein gesellschaftliches Erdbeben ist auf jeden Fall gegeben.
(Julian Finn)













